Der fossile Verrat

Für eine realistische Chance, das Pariser 1,5-Grad-Limit einzuhalten, müssen wir jetzt aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen und zu finanzieren – und wir müssen die Politik vor der fossilen Industrie und ihrem Lobbyismus schützen. Als ersten Schritt fordern wir einen fossilfreien Weltklimagipfel in Glasgow.


Illustration: Gesichtsloser Mann in Geschäftsanzug, der Schatten wirft
Finanzierung fragwürdiger Institute, Beeinflussung öffentlicher Debatten, Verhindern von Gesetzesvorhaben – die Lobbystrategien der fossilen Wirtschaft sind vielfältig. (Foto: Mohamed Hassan/​Pixabay)

Ein neues Jahrzehnt hat begonnen. Aus den Naturwissenschaften wissen wir, dass das vergangene Jahrzehnt das wärmste in der Geschichte der Menschheit gewesen ist. Wird das neue Jahrzehnt endlich Hoffnung bringen, auf ein neues Zeitalter des Handelns gegen den planetaren Notfall? Oder wird es ein verlorenes Jahrzehnt, das unsere Generation dazu verdammt, auf einem quasi unbewohnbaren Planeten zu leben?

Schon bevor wir geboren wurden, waren die Auswirkungen fossiler Brennstoffe auf das Klima bekannt, aber die Firmen dahinter wurden nicht müde, dies zu leugnen, und sie schüren immer noch Zweifel an dieser Tatsache.

Auf der ganzen Welt rufen Länder und Kommunen bereits den Klimanotstand aus. Auch das Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar erklärte den Klima- und Umwelt-Notfall zu einem der fünf größten Geschäftsrisiken.

Das Leben auf Erde befindet sich in einer Krise. Aus naturwissenschaftlicher Sicht ist klar, dass wir am Anfang einer Periode des plötzlichen Klima-Zusammenbruchs stehen, inmitten eines von uns selbst geschaffenen Massensterbens.

Warum steigen die CO2-Emissionen trotzdem weiter? Warum führen die internationalen Klimaverhandlungen nicht zu klarem Handeln? Schuld daran haben genau diejenigen fossilen Unternehmen, die in Davos mit am Tisch saßen.

Seit dem Pariser Klimaabkommen vor einem halben Jahrzehnt haben die fünf größten börsennotierten Öl- und Gasfirmen mehr als eine Milliarde US-Dollar für Lobbying und Öffentlichkeitsarbeit ausgegeben, um wirkungsvolle Klimapolitik zu verzögern, zu kontrollieren oder zu blockieren.

Beth Irving Porträtfoto
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Beth Irving

ist Schülerin am Atlantic College in Llantwit Major bei Cardiff. Die 18-jährige Klimastreik-Aktivistin engagiert sich im britischen Student Climate Network.

Exxon Mobil, die größte Ölfirma der Welt, weiß schon seit 1981, welche Auswirkungen der Klimawandel hat. Shell, ein weiterer Ölgigant, weiß schon seit den 1950er Jahren Bescheid.

Statt zu handeln, gaben diese Unternehmen jahrzehntelang Millionen Dollar aus, um Zweifel an den Fakten zu säen. Und heute geben sie wider besseres Wissen vor, auf unserer Seite zu sein.

Die Tatsache, dass diese Firmen genug über den Klimawandel wussten, uns aber belogen haben und nichts gegen den Klima-Crash unternahmen, stellt den größten Verrat dar, den die Welt je gesehen hat. Ein Verrat an unserer Generation und unserer Zukunft. Und sie fördern immer noch weiter und immer mehr fossile Brennstoffe.

Fossile Konzerne sponsern die UN-Verhandlungen

Die Politik handelt weiterhin nicht so, wie es ein Notfall verlangen würde.

Wir sind mit Millionen Menschen auf die Straße gegangen, wir haben bei den Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen in einem Raum voller Staatsspitzen gesprochen. Wir haben Premierministerinnen, Präsidenten und sogar den Papst getroffen. Wir haben Hunderte Stunden an Podiumsdiskussionen teilgenommen, mit Journalistinnen und Filmproduzenten geredet – auch in Davos. Es wurden uns Preise für unseren Aktivismus angeboten.

Trotzdem geht der Verrat weiter, weil reiche und mächtige Öl-, Kohle- und Gasfirmen weiterhin die UN-Klimagespräche beeinflussen und dort für sich werben – sie sind sogar Sponsoren der Verhandlungen.

Angela Valenzuela Porträtfoto
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Angela Valenzuela

Die Singer-Songwriterin und Aktivistin ist Koordinatorin von Fridays for Future in der chilenischen Hauptstadt Santiago. Sie studierte Human­ökologie in Kanada und den USA und Neue Musik in Bogotá.

Wir waren auf der Klimakonferenz COP 25 in Madrid, wo Lobbyisten von Shell, BP und Chevron auf Veranstaltungen innerhalb des Konferenzzentrums sprachen und versuchten, die Welt davon zu überzeugen, weiter fossile Brennstoffe zu fördern.

Noch dazu war der spanische Kohle- und Gasriese Endesa, der größte Umweltverschmutzer des Landes, einer der Sponsoren, neben anderen schmutzigen Energiefirmen und Banken, die fossile Projekte finanzieren.

Um unsere Zukunft zu retten, müssen wir uns diesen tödlichen Interessen jetzt entgegenstellen. Wir müssen die Politik von fossilen Lobbyisten befreien. Sie haben unser Haus angezündet und sie unternehmen nichts, um den Brand zu löschen.

Statt uns zuzuhören, haben reiche Regierungen mehr als zwei Jahrzehnte damit vergeudet, die Interessen der Wirtschaft zu schützen. Die Milliardengewinne, die die Öl- und Gasindustrie jedes Jahr machen, sind ihnen wichtiger als die Milliarden Menschen, die bereits von der Klimakrise betroffen sind. Das Scheitern der COP 25 in Madrid war ein weiterer Beweis, falls so ein Beweis überhaupt nötig war.

Schluss mit fossilen Brennstoffen

Damit wir eine realistische Chance haben, den Anstieg der globalen Temperaturen unter 1,5 Grad zu halten, müssen wir jetzt damit aufhören, fossile Brennstoffe zu nutzen. Wir müssen aufhören, fossile Brennstoffe zu finanzieren, und wir müssen die Politik vor der fossilen Industrie und ihrem Lobbyismus schützen.

Luisa Neubauer
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Luisa Neubauer

ist ebenfalls Klimaaktivistin und bei Fridays for Future in Deutschland eine der Haupt­organisatorinnen. Die 23-Jährige studiert Geografie an der Universität Göttingen.

Ein sinnvoller Anfang wäre, die umweltverschmutzende Wirtschaft von internationalen Gesprächen wie dem Weltwirtschaftsforum und den UN-Klimakonferenzen auszuschließen.

Für die Klimagipfel haben das schon Regierungen gefordert, die fast 70 Prozent der Weltbevölkerung vertreten und deren Länder besonders stark von Dürre und Überschwemmungen bedroht sind.

Und in Europa verlangen über 200 Organisationen eine fossilfreie Politik in der EU und ihren Mitgliedsstaaten.

Das bedeutet, dass der Zugang der fossilen Industrie zu politischen Entscheidungsträgern beendet werden muss und dass Partnerschaften mit der fossilen Industrie gestoppt werden müssen, darunter die Förderung von Veranstaltungen wie UN-Klimakonferenzen.

Die entscheidende diesjährige COP 26 soll in Großbritannien stattfinden – dem europäischen Zentrum für die Subventionierung von Kohle, Öl und Gas. Deswegen müssen wir eine fossilfreie COP 26 fordern.

Seit Jahrzehnten leugnen fossile Unternehmen wissenschaftliche Erkenntnisse und verzögern, schwächen und sabotieren einen wirksamen Klimaschutz. Sie haben Milliarden verdient, während sie den Planeten aufgeheizt und Gemeinwesen zerstört haben. Ihr Geschäftsmodell zerstört unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Der große Verrat muss jetzt enden.

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