"Keine Öl- und Gasförderung in Amazonien" – auf unzähligen Bannern und Plakaten ist diese Botschaft auf der Großdemonstration am Samstag im brasilianischen Belém zu lesen, wird gerufen und gesungen – von indigenen Vertreterinnen über Kleinbäuerinnen bis hin zu Gewerkschaften der Küstenfischer.

Die Auswirkungen von fossilem Raubbau und von Pipelines sind ihnen nur allzu bekannt: Landnahme, verseuchtes Wasser, vergiftete Tiere und Krebserkrankungen, die in Gemeinden in die Höhe schnellen. Gleichzeitig beginnt der Amazonas-Regenwald aufgrund der Auswirkungen der Klimakrise bereits zu kippen – mit dem immer realer werdenden Szenario der Wandlung von Regenwald zur Savanne.

Im Entwurf für den Verhandlungstext "Global Mutirão" auf der Weltklimakonferenz COP 30 in Belém steht – Stand Freitagabend – schwungvoll geschrieben: "Achtsam darauf, dass wir uns im Herzen des Amazonasgebiets befinden, betonen wir die Bedeutung des Erhalts, des Schutzes und der Wiederherstellung von Natur und Ökosystemen, um das Ziel des Paris-Abkommens zu erreichen."

Die Realität sieht jedoch anders aus und zeigt einmal mehr den Widerspruch zwischen schönen Textzeilen am Verhandlungstisch und den Geschehnissen in der Welt.

Neue Öl- und Gasförderung statt einer gerechten Transformation

Denn noch immer drängen fossile Unternehmen – brasilianische wie europäische – auf neue fossile Erschließungen. Rund 47 Prozent der Neuerschließungen in Lateinamerika und der Karibik sind dabei in Brasilien zu finden, berichtet die Organisation Urgewald.

Viele neue Gas- und Ölförderprojekte finden in ökologisch sensiblen Gebieten statt – beispielsweise im Amazonaswald sowie vor der Flussmündung im Bereich des Amazonasriffs. Mit Korallenriffen und Mangrovenwäldern sind hier zwei Ökosysteme in Gefahr, deren Zerstörung 250.000 Fischern die Lebensgrundlage nehmen kann.

Einmal gebaut, ist laut Urgewald zu befürchten, dass die neue fossile Infrastruktur 30 bis 50 Jahre genutzt wird – mit massiven ökologischen Auswirkungen vor Ort und globalen Folgen für das Weltklima.

Und leider finden sich immer noch Banken, die nur zu willig sind, das Geld für die Finanzierung bereitzustellen. Über 90 Prozent der Finanzierung kommt von außerhalb der vom Extraktivismus betroffenen Region, und die Bank Santander sowie die Deutsche Bank sind hier ganz vorn mit dabei.

Klimadiplomatie, die an ihre fossilen Grenzen stößt

Das Interesse, weiter in fossile Infrastruktur zu investieren, sowie die Interessen von Unternehmen und Ländern wie Saudi-Arabien, möglichst lange einen finanziellen Vorteil aus der Förderung und dem Verkauf fossiler Energieträger zu ziehen, prallen auf den Weltklimakonferenzen fundamental auf die Interessen von Bevölkerungsgruppen und Ländern, aber auch von vielen Gewerkschaften, Unternehmen und Banken, die ein zentrales Interesse daran haben, einen verbindlichen Fahrplan für den Ausstieg aus den fossilen Energien zu vereinbaren und Rahmenbedingungen sowie Mechanismen für eine gerechte Transformation zu etablieren.

Weltklimakonferenzen entscheiden im Konsens. Solange einzelne Länder oder ganze Ländergruppen blockieren, schaffen es Formulierungen nicht in die endgültige Version des Verhandlungstextes.

Bild: privat

Kathrin Henneberger

ist Klimaaktivistin und ehemalige Bundes­tags­abgeordnete der Grünen und engagiert sich seit vielen Jahren in der Klima­gerechtigkeits­bewegung. Als Teil der "Flotilla 4 Change" schreibt sie für Klima­reporter° eine Gast­beitrags-Serie auf dem Weg zur Klima­konferenz COP 30 in Brasilien sowie vom Gipfel selbst. 

Ausstieg aus den fossilen Energien, ein Fahrplan dafür, eine gerechte Transformation – am Ende der zwei Wochen in Belém eskalieren die Klimaverhandlungen wieder genau an dieser Stelle. Was ist zu tun, wenn sich Ländergruppen so grundsätzlich gegenüberstehen? Ab wann könnten nicht nur Akteure mit fossilen Interessen drohen, den Klimagipfel ganz scheitern zu lassen, sondern auch progressive Akteure genug haben – und in neuen Koalitionen multilaterale Vereinbarungen treffen?

Wenn bei politischen Vereinbarungen zu einem Thema keine Einigung in Sicht ist, wird oft der Verhandlungsraum erweitert. Weitere Themen werden hinzugefügt, bis jeder Akteur einen Erfolg hat, mit dem er gesichtswahrend vor seine Interessengruppen treten und sich in der Öffentlichkeit als Gewinner darstellen kann. Bei der Frage "Fossiler Ausstieg – ja oder nein?" ist es jedoch schwer, einen wirklichen Kompromiss oder eine Themenausweitung zu finden, die für die Gegner des Ausstiegs gleichwertig wäre.

Wie die COP 30 endet, wird sich vermutlich im Laufe des Samstags entscheiden – die Konferenz ist wie immer in die Verlängerung gegangen. Doch immer mehr Menschen reisen ab.

Auf der Terrasse der COP-Cafeteria versammeln sich die verbliebenen "Observer". Sie warten auf die nächste Version des Verhandlungstextes, auf die nächste Plenarsitzung, die noch nicht offiziell angekündigt, aber gerüchteweise schon bald beginnen könnte – oder auch nicht.

"Watts Up Africa" – Weltrettung selbst in die Hand nehmen

Auf die Entscheidungen der COP warten – oder den Ausstieg aus den fossilen Energien und eine erneuerbare Elektrifizierung einfach selbst organisieren? Eine neue Initiative aus der afrikanischen Zivilgesellschaft geht voran und nimmt eine gerechte Transformation selbst in die Hand.

"Watts Up Africa" verfolgt beispielsweise das Ziel, Millionen Menschen Zugang zu elektrischem Strom zu ermöglichen: durch den Aufbau einer erneuerbaren, dezentralen Energieinfrastruktur in den Händen der Menschen vor Ort. Solare Mini-Grids sollen ländliche Regionen mit Strom versorgen, und mit Windparks sollen lokale Arbeitsplätze geschaffen werden.

Für einzelne Länder erarbeitet Watts Up Africa Szenarien und Konzepte zur Dekarbonisierung der Wirtschaft und den Aufbau einer vollständig erneuerbaren Energieversorgung – und zeigt damit einmal mehr: Menschen warten nicht auf Beschlüsse von COPs, um aktiv zu werden. Die eigentliche Klimarevolution ist eine global vernetzte Graswurzelbewegung, die bereits selbst umsetzt, was sie fordert.