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Die Dekarbonisierung der russischen Industrie

Die Dekarbonisierung des Industriesektors in Russland wird sich verlangsamen, aber nicht umkehren. Die Hauptfrage ist, welches die neuen Treiber und Finanzierungsquellen sein werden.


Große chemische Industrieanlage bei Nacht.
15 Prozent des weltweit gehandelten Stickstoffdüngers werden in Russland produziert. (Foto: Saoirse/​Shutterstock)

Im März 2022 war die grüne Agenda aus den Pressemitteilungen der russischen Industrieunternehmen praktisch verschwunden. Eine Zeit lang sah es dann so aus, als sei der Klimakurs nur eine kurzfristige Erscheinung gewesen und als würde nun eine deutliche Kehrtwende zu einer weniger umweltfreundlichen Produktion und zu weniger Engagement für die Klimaziele eintreten.

Doch seit April lebte die öffentliche Diskussion über Klimastrategien und Klimaprojekte in der Geschäftskommunikation auf Konferenzen und Foren wieder auf.

Das Interesse an "CO2-armen Themen" hat – sogar im Kontext der veränderten geopolitischen Umstände – eine neue Bedeutung erlangt. Das Klima stellt praktisch das einzige zulässige Thema für den Dialog mit ausländischen Experten und Partnern dar, während CO2-sparende Projekte als positive Impulse für die Entwicklung der russischen Wirtschaft angesehen werden. Dazu gehören vielversprechende neue Nischen wie beispielsweise die Endlagerung von CO2 und die Wasserstoff-Energiewirtschaft.

Rufen wir uns die wichtigsten Etappen der Gestaltung der CO2-armen Agenda in der Russischen Föderation sowie ihre treibenden Kräfte und Hemmfaktoren in Erinnerung.

Die Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens durch Russland und seine Ratifizierung im Jahr 2019 haben dazu geführt, dass russische Industrieunternehmen sich nicht mehr nur mit Umweltfragen befassen, sondern auch damit, wie Klimawandel und Klimaregulierung sich in Zukunft auf ihre finanziellen Ergebnisse auswirken können.

Strategie für 2050

Im Herbst 2021, kurz vor der 26. UN-Klimakonferenz in Glasgow, hat die russische Regierung ihre Strategie für eine sozioökonomische Entwicklung mit niedrigen Treibhausgasemissionen bis 2050 verabschiedet, die wichtige Schwerpunkte zur Entwicklung der Wirtschaft festschreibt, unter anderem in den Bereichen Erdgas, Wasserstoff, Kernkraft und Energieeffizienz.

Die Verabschiedung der Strategie war ein erwartetes und notwendiges Ereignis, um die Prioritäten für die Industrie festzulegen. Vor 2021 gingen die Aktivitäten und Erklärungen der russischen Regierung zum Klimaschutz in unterschiedliche Richungen.

Auf der einen Seite standen die Unterzeichnung der UN-Klimakonvention und des Paris-Abkommens sowie der Aufbau einer Reihe von Institutionen zur Förderung von Umwelt- und Klimaprojekten. Auf der anderen Seite gab es skeptische Äußerungen der obersten Führung des Landes zum Konzept der globalen Erwärmung und zu den möglichen Auswirkungen auf die russische Wirtschaft.

Mit der genannten Strategie wurde Russlands langfristige Entwicklung auf einem CO2-armen Kurs bis 2050 konsolidiert. Sie zielt auf die Zusammenführung der bestehenden und geplanten nationalen Programme und Projekte und eine einheitliche Logik der regionalen Entwicklung.

Obwohl das Ziel der CO2-Neutralität des Landes bis 2060 nur in Regierungserklärungen verlautbart und nicht in offiziellen Dokumenten festgeschrieben wurde, bot dieses Ziel der Wirtschaft einen klaren Anhaltspunkt für die Priorität von CO2-armen Projekten, für deren zukünftige Förderung durch den Staat und für die Entwicklung der erforderlichen Institutionen.

Treiber der Dekarbonisierung

Zu den wichtigsten Antriebskräften für die Industrie bei der Entscheidungsfindung im Bereich der Dekarbonisierung zählen:

  • die Forderungen von Gläubigern, Investoren und Börsen nach Offenlegung von Informationen über die Form der Anpassung eines bestimmten Unternehmens an den Klimawandel sowie über die Bewertung der finanziellen Risiken für seine Aktivitäten unter den Bedingungen des Klimawandels.
     
    Die meisten russischen Infrastrukturbanken, zu denen die Alfa-Bank, die Außenhandelsbank VTB, die Außenwirtschaftsbank VEB, die Gazprombank und die Sberbank zählen, haben die Entwicklung von Nachhaltigkeitskriterien für die Bewertung von Investitionsprojekten angekündigt. Es wurden auch Instrumente zur Bewertung dieser Kriterien und zur Standardisierung und Überprüfung der CO2-Berichterstattung geschaffen, Pilotprojekte für den CO2-Handel aufgelegt und Mechanismen für die staatliche Finanzierung von Klimaprojekten über ein System spezieller Investitionsverträge aufgebaut.
     
    Auf der Agenda der meisten einschlägigen Konferenzen in den Jahren 2020 und 2021 standen fast ausschließlich Themen wie Nachhaltigkeit, Klima, internationale CO2-Regulierung und neue Möglichkeiten im Bereich der CO2-armen Wirtschaft.
  • die Ansprüche der föderalen und regionalen Staatsorgane in Bezug auf die Entwicklung von CO2-armen, ökologischen und Klimaprojekten.
     
    Mehrere Regionen haben gleichzeitig Programme zur emissionsarmen Entwicklung, Wasserstoffprojekte oder Versuchsanlagen zur CO2-Speicherung angekündigt. Mit der Verabschiedung der 2050-Strategie und des Plans für ihre Umsetzung wurden staatliche Unternehmen verpflichtet, noch in diesem Jahr eigene Strategien zur Treibhausgasreduzierung vorzulegen.
  • die Ankündigung des Green Deal durch die Europäische Kommission und die Pläne der EU für einen CO2-Grenzausgleich, den Importeure von Metallen, Düngemitteln und petrochemischen Produkten zahlen sollen.
     
    Zudem hat China, der zweitwichtigste russische Exportmarkt, Anfang 2020 erklärt, bis 2060 CO2-neutral werden zu wollen, und einen Emissionshandel gestartet.
  • die Eröffnung neuer Geschäftsmöglichkeiten. Hier geht es um höhere Energieeffizienz und geringere Energiekosten, "grüne" Zertifizierung der Produktion und Erlangung von Wettbewerbsvorteilen, um staatliche Subventionen für die Einführung der besten verfügbaren Techniken oder die Verringerung der CO2-Intensität und der Schadstoffemissionen (zu denen auch einige Treibhausgase gezählt werden) sowie um Gesetzeskonformität.
  • persönliches Engagement des Managements und Überzeugung von der Bedeutung des menschengemachten Klimawandels: Die Vorstandschefs von Unternehmen wie der Sberbank, der größten russischen Bank, oder der großen Mineraldüngerhersteller Phosagro und Eurochem sind zu Klimalobbyisten in Russland geworden.
  • niedrige Emissionen aus Energieerzeugung und Verkehr in der Russischen Föderation. Die wichtigsten Quellen für Treibhausgasemissionen in der Industrieproduktion sind die Energieversorgung und der Verkehr.

Anzumerken ist, dass die Struktur der Brennstoff- und Energiebilanz der Russischen Föderation insgesamt relativ emissionsarm ist. Bei der Stromerzeugung entfallen auf Kohle rund 17 Prozent, auf Erdgas 42 Prozent, auf Kernenergie und auf Wasserkraft jeweils 20 Prozent, auf erneuerbare Energien und Schweröl je ein Prozent.

Im Güterverkehr der Russischen Föderation spielen die Eisenbahnen eine Hauptrolle mit einem Anteil von 85 Prozent (ohne Pipelines), dabei sind 50 Prozent der Bahnstrecken elektrifiziert.

Kombiniert man die Kennzahlen für Energieerzeugung und Güterbeförderung in Russland, ergeben sich langfristig günstige Bedingungen für industrielle Produzenten, um am Markt mit niedrigen Treibhausgasemissionen erfolgreich zu sein.

Bremsende Faktoren und eigene Projekte

Gleichzeitig gibt es jedoch hemmende Faktoren. Dazu zählen etwa die Unterentwicklung der normativen Basis und des regulatorischen Rahmens, das Fehlen von einheitlichen internationalen Standards für die CO2-Regulierung und die unzulängliche staatlichen Förderung von Klimaprojekten.

Auf der anderen Seite haben sich russische Unternehmen besorgt gezeigt, was gleiche Rechte in der CO2-Konkurrenz zwischen russischen und europäischen Unternehmen betrifft. Russlands Klima-Sonderbeauftragter Ruslan Edelgerijew betonte auf einer russisch-europäischen Klimakonferenz im Dezember 2020 die Notwendigkeit von gemeinsamen Standards für russische Importeure und europäische Konkurrenten. Die Leistungen russischer Produzenten bei der Treibhausgasreduzierung müssten anerkannt, diskriminierende Maßnahmen gegen verantwortungsbewusste Produzenten unterlassen werden.

Im Ergebnis wurde Anfang 2022 in Russland die "grüne" Agenda auf föderaler Ebene verankert. Neben der bereits erwähnten Entwicklungsstrategie bis 2050 wurde ein Gesetz über die Reduzierung von Treibhausgasemissionen verabschiedet, es wurde ein Plan zur Umsetzung der Strategie erarbeitet, nationale Programme zur Entwicklung einer Wasserstoff-Energiewirtschaft, für Erdgasfahrzeuge oder für Energieeffizienz wurden genehmigt.

In den Gliedstaaten der Föderation wurden Pilotprojekte zum Erreichen der CO2-Neutralität gestartet, zum Beispiel auf der Insel Sachalin. Derzeit laufen Testprojekte zum CO2-Markt oder zur CO2-Abscheidung und -Speicherung, an denen große russische Unternehmen wie Gazprom, Lukoil oder Rosneft beteiligt sind.

Die meisten russischen Energie-, Stahl- und Chemieunternehmen haben erklärt, dass die Klimaagenda für ihre weitere Entwicklung bestimmend ist. Eine Reihe solcher Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 CO2-neutral zu werden.

"Wir arbeiten weiter an der grünen Agenda"

Im März und April 2022, also nach dem 24. Februar, erklärten Vertreter der zuständigen Ministerien, dass an der Agenda der CO2-armen Entwicklung festgehalten werde.

Am 22. Mai erklärte Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow auf einem Ministertreffen der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft Apec, dass "zur Stunde aktiv an der nationalen Gesetzgebung zur grünen Agenda gearbeitet wird. Wir haben eine Strategie für die CO2-arme Entwicklung Russlands mit dem Ziel der CO2-Neutralität bis 2060 verabschiedet. Der nationale Plan zur Anpassung der Industriebranchen und der Regionen an den Klimawandel ist in Umsetzung, das Gesetz über die Reduzierung von Treibhausgasemissionen wurde unterzeichnet. Dieses Gesetz sieht eine obligatorische CO2-Berichterstattung für Großemittenten und die Möglichkeit freiwilliger Klimaprojekte vor."

Umweltminister Alexander Koslow unterstrich am 30. Mai, dass Russland trotz der aktuellen geopolitischen Lage nicht beabsichtige, das Paris-Abkommen zu verlassen.

Führungsentscheidungen bei Düngemittelherstellern, Erdölverarbeitern oder Stahlwerken werden natürlich stark von anderen Faktoren beeinflusst – von den jeweiligen technologischen Besonderheiten, der Energiebilanz des Unternehmens, der Struktur der erzeugten Produktion, der Organisation der Logistik, der Exportorientierung und den Ansätzen zur Offenlegung von Informationen.

Auf die Umsetzung der Dekarbonisierungspläne werden sich zweifellos auch personelle Veränderungen auswirken, sofern Personen, die die jeweilige Unternehmensstrategie bestimmt haben und bisher als Lobbyisten der grünen Agenda aufgetreten sind, durch andere Vorstandsmitglieder oder Aktionäre abgelöst werden. Gleichzeitig ist die grüne Agenda zu einem gewissen verbindlichen Element für unternehmerische Aktivitäten geworden, und die Aufmerksamkeit für nichtfinanzielle Indikatoren, die die Nachhaltigkeit von Unternehmen kennzeichnen, bleibt unabhängig vom politischen Kontext erhalten.

Angesichts der charakteristischen Anpassungsfähigkeit der russischen Wirtschaft an wirtschaftliche und politische Veränderungen kann davon ausgegangen werden, dass die Klimaagenda sowohl als Gelegenheit zur Erlangung kurzfristiger Marktvorteile als auch als Chance für eine langfristige Entwicklung betrachtet werden wird. Stichworte für Letzteres sind neue Nischen, Wettbewerbsvorteile und Börsenanforderungen.

Für den Zeitraum von März bis Juni 2022 lässt sich feststellen, dass im Kontext der verabschiedeten Strategie Institutionen der CO2-armen Entwicklung im Entstehen begriffen sind, dass die Anforderungen von Investoren und Börsen an die Offenlegung von Klimadaten aufrechterhalten werden und dass die Unternehmen – aufgrund der Neuausrichtung auf die östlichen Kapitalmärkte – wissen wollen, welche Anforderungen asiatische Investoren stellen, nicht zuletzt auch in Bezug auf die Dekarbonisierung.

Gleichzeitig hat eine Reihe wichtiger Institutionen zur Förderung von Klimaprojekten Schaden genommen, da wichtige Lobbyisten angesichts der westlichen Sanktionen ihren Sitz in den Vorständen der von ihnen kontrollierten Unternehmen verloren haben.

Die Klimaagenda der Mineraldüngerhersteller

Die führenden Düngemittelhersteller in Russland sind Akron, Eurochem, Kuibyshevazot, Phosagro, SDS Azot, Uralchem und Uralkali. Akron und Eurochem haben zusammen einen Anteil von 50 Prozent an der Stickstoffdüngerproduktion. 80 Prozent der Phosphatdüngemittel werden von Phosagro, Eurochem und Akron produziert. Die wichtigsten Hersteller von Kalidüngemitteln sind Uralkali (90 Prozent) und Eurochem.

Der Anteil der Mineraldüngerexporte geht allmählich zurück, ist aber für viele Unternehmen mit etwa 70 Prozent noch immer recht hoch. Die wichtigsten Importeure von russischem Mineraldünger sind Brasilien, die USA, China und einige europäische Länder.

Die Verhängung der Sanktionen hat den Mineraldüngermarkt nur in geringerem Maße betroffen, allerdings sind internationale Handelstransaktionen erheblich schwieriger geworden. Beschränkungen bei der Lieferung von Anlagen und Ausrüstungen vermindern die Wirtschaftlichkeit der entsprechenden Projekte.

Das operative Geschäft der Düngemittelhersteller in Russland verursacht – anders als die Produkte – keine nennenswerten Treibhausgasemissionen. Ihr Anteil an den russischen Gesamtemissionen beträgt weniger als ein Prozent.

Eine Analyse der Strategien der sieben führenden Mineraldüngerhersteller lässt den Schluss zu, dass Akron, Phosagro, Eurochem, Uralkali und Uralchem mit der Umsetzung der Klimaagenda am weitesten sind. Diese Unternehmen haben Klimastrategien verabschiedet oder ziehen dies in Erwägung, was es ihnen ermöglicht, Ziele zur Emissionsreduzierung festzulegen und ihre Aktivitäten unter den Bedingungen des CO2-armen Trends zu bestimmen. Diese Strategien sind langfristig angelegt und werden auch jetzt weder auf Eis gelegt noch revidiert.

Die Unternehmen haben ein Monitoring von Treibhausgasemissionen gestartet. Eine Reduzierung der Emissionen setzt voraus, dass die Emissionsquellen und Mengen bekannt sind. Es werden Instrumente, Sensoren, Erfassungs- und Auswertungssysteme gebraucht.

Es ist wichtig, dass es den Unternehmen gelungen war, vor Februar 2022 die Ziele für die Emissionsreduzierung festzulegen, Klimaszenarien zu definieren, Risikomanagementsysteme aufzubauen und Dekarbonisierungspfade zu bestimmen. Dabei handelt es sich um konkrete Maßnahmen, die sich in den Innovationsprogrammen und Schlüsselkennzahlen für die einzelnen Unternehmensbereiche widerspiegeln.

Die wichtigsten Punkte sind Maßnahmen für mehr Energieeffizienz und zur Reduzierung von Schadstoff- und Treibhausgasemissionen in technologischen Prozessen sowie das CO2-Recycling in solchen Prozessen. Hinzu kommen die Intensivierung von Forschung und Entwicklung, aber auch PR-Aktionen – sogenannte Klima- und Umweltsubbotniks.

Die genannten Unternehmen sind exportorientiert und passen darum ihre Produkte an die Wünsche der ausländischen Verbraucher und Investoren an. Um Klimaanforderungen zu erfüllen, werden CO2-arme Produktmarken entwickelt.

Akron und Phosagro sind börsennotierte Aktiengesellschaften, Eurochem plant den Börsengang für 2022. Phosagro ist in der Klimaagenda auf Branchenebene international führend. Ein wichtiger Beitrag zur Dekarbonisierung auf globaler Ebene sind die Forschungsarbeiten zum nachhaltigen Düngemitteleinsatz bei Eurochem und Phosagro.

Kuibyshevazot und SDS Azot sind Aktiengesellschaften und veröffentlichen die entsprechenden Informationen nach den nationalen Regeln. Beide führen eine Reihe von Klima-Maßnahmen durch, die in Übereinstimmung mit der russischen Gesetzgebung in die Umweltvorschriften aufgenommen wurden.

Die Klimaagenda der Öl- und Gasbranche

In Russland ist eine Reihe vertikal integrierter Großunternehmen wie Gazprom, Lukoil, Rosneft und Tatneft aktiv, zu denen auch die wichtigsten erdöl- und erdgasverarbeitenden Betriebe gehören. Lukoil, Rosneft und Tatneft haben sich verpflichtet, bis 2050 klimaneutral zu werden. Gazprom hat angekündigt, eine Klimastrategie zu erarbeiten und in diesem Jahr zu verabschieden.

Die Unternehmen kündigen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten sowie Pilotprojekte zur Verringerung von Treibhausgasemissionen an. Projektziele sind: Erhöhung der Energieeffizienz, Modernisierung von energietechnischen Anlagen, Verbesserung technologischer Prozesse, Reduzierung von Treibhausgas- und Schadstoffleckagen, Wasserstofferzeugung, CO2-Bindung und Verbesserung der Verarbeitungstiefe von Gas und Öl.

Nach dem Februar 2022 hat kein Unternehmen angekündigt, seine Klimaagenda oder einzelne Verpflichtungen aufzugeben. Der Fortgang der jeweiligen Projekte wird stark davon abhängen, welche Technologien verfügbar sind und wie die Anforderungen und Erwartungen der beteiligten Parteien erfüllt werden können.

Die Unternehmen arbeiten weiter an der Entwicklung und Umsetzung der für 2022 geplanten Projekte, sind aber mit Ankündigungen für die nächsten Jahre zurückhaltend. Da die wichtigsten Maßnahmen auf Modernisierung und Effizienzerhöhung abzielen und auch im Rahmen der russischen Gesetzgebung als Klimaprojekte laufen können, ist davon auszugehen, dass die Unternehmen sich weiterhin für die Klimaagenda einsetzen werden.

So haben beispielsweise die erdölverarbeitenden Betriebe von Gazprom Neft in Moskau und Omsk eine umfassende Modernisierung in Angriff genommen, die auch die ökologischen Kennziffern dieser Betriebe verbessern soll.

Die internationalen Sanktionen führen zu einer Reihe kritischer Situationen. Dazu gehören Überschüsse an Schweröl, verflüssigten Gasen und anderen Produkten der Öl- und Gasbranche, deren Lagerung wegen fehlender Kapazitäten erschwert ist. Die Unternehmen verweisen auf Überbevorratungsrisiken und sprechen sogar von der Notwendigkeit, Heizungsanlagen auf Schweröl umzustellen.

Die Klimaagenda der Stahlindustrie

Zu den größten Eisen- und Stahlunternehmen in Russland gehören Alrosa, Evraz, Mechel, Metalloinvest, MMK, NLMK, Nornickel, OMK, Rusal, Severstal, TTM und UMMC. Ein Wettbewerbsvorteil russischer Stahlunternehmen ist der hohe Anteil von Wasserkraft und Erdgas in der Energieversorgung, der den CO2-Fußabdruck ihrer Produkte verringert.

Bis 2021 standen russische Stahlunternehmen bei der Dekarbonisierung weit vorn, was unabhängige Studien von Deloitte oder WEF und vordere Plätze in Rankings wie MSCI, TPI oder World Steel bestätigten. Eine Reihe der genannten Unternehmen haben seit Anfang der 2000er Jahre Projekte zur CO2-armen Produktion gestartet.

Es gab einige richtungweisende Ergebnisse, darunter 2017 die Einführung der CO2-armen Aluminiummarke Allow, deren Produktion auf Wasserkraft beruht. Insgesamt aber schneidet der Hersteller Rusal im TPI bei Klimaschutz und Energiewende schlecht ab.

Die Stahlunternehmen erklären auch unter den Bedingungen des Jahres 2022, dass sie den Dekarbonisierungskurs beibehalten wollen – angesichts der bereits erzielten Vorteile und Gewinne bei der emissionsarmen Energieversorgung, der CO2-armen Innovationen und der langfristigen Planungshorizonte.

Konkrete Lösungen werden aber von den Effekten der einzelnen Klimaprojekte abhängen. Sollten die Unternehmen an Rentabilität einbüßen, Gesetzgebungsinitiativen zur Projektförderung auf Eis gelegt werden oder Investoren das Interesse verlieren, dann werden die Klimaprojekte auf unbestimmte Zeit verschoben.

Die rationale Seite von Managemententscheidungen 

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die meisten der betrachteten Unternehmen stufen den Klimakurs als langfristig und "günstig" für die Positionierung auf den internationalen Absatz- und Kapitalmärkten ein. Mit der Strategie zur CO2-armen Entwicklung und dem Aufbau von Institutionen für Klimaprojekte werden die Unternehmensinitiativen regulatorisch unterstützt.

Russland hat wichtige gesetzgeberische Schritte zur künftigen Dekarbonisierung unternommen. Auch die zuständigen föderalen Behörden haben erklärt, den CO2-armen Kurs unter den seit Februar veränderten Umständen aufrechterhalten zu wollen. Die Umsetzung regionaler Strategien und Pläne wird in hohem Maße von der Verfügbarkeit CO2-armer Technologien wie Stromerzeugungsanlagen, Software oder Mikroelektronik abhängen.

Staatliche Unternehmen werden bestrebt sein, die nationalen Ziele zur Emissionsreduzierung zu erreichen und Klimaprojekte durchzuführen. Zurzeit bereiten diese Unternehmen Programme zur Umsetzung der Klimastrategien vor, wie von der Regierung angeordnet. Für private Unternehmen ist die Klimaagenda eine Grundlage für den Wiedereinstieg in den Export nach Europa und den künftigen Zugang zu den Kapitalmärkten.

Zwischen März und Juni 2022 hat sich keines der betrachteten Unternehmen aus Klimaprojekten zurückgezogen. Insgesamt lässt sich sagen, dass das Management der Firmen die staatliche Politik zur Beibehaltung des Dekarbonisierungskurses und die Bedeutung, die dem Klimaschutz international beigemessen wird, berücksichtigt.

Auch die rationale Seite von Managemententscheidungen muss berücksichtigt werden. Klimaprojekte und wirtschaftliche Interessen der Unternehmen widersprechen sich häufig nicht, geht es doch meist um die Steigerung der Effizienz und die Modernisierung der Produktion. Von 2016 bis 2020 haben die Unternehmen gelernt, Klimaprojekte – vor allem für Energieeffizienz und Emissionsminderung – zu positionieren und effiziente Lösungen zu finden.

In der gegenwärtigen Entwicklungsphase der russischen Industrie sind Energieeffizienz und Einsparung die wirksamsten Methoden zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen. Das Potenzial solcher Maßnahmen wird auf bis zu 30 Prozent geschätzt. Ein reduzierter Energieverbrauch senkt ganz erheblich die Brennstoffkosten und die Emissionen.

Die russische Wirtschaft, vor allem die Schwerindustrie, hat ein Interesse daran, ihre Produkte umweltfreundlicher zu gestalten. Das Tempo der Dekarbonisierung der Produktion und der Anpassung an die Energiewende wird durch makroökonomische und institutionelle Faktoren sowie durch das Maß der Integration der Unternehmen in den internationalen Handel bestimmt.

Die Autorin ist Dozentin an der Staatlichen Wirtschaftsuniversität St. Petersburg. Den Beitrag in russischer Sprache finden Sie hier.

Wie diese Artikelserie entstand

Im August 2021 begannen unabhängige Journalist:innen und Expert:innen sich in einem Projekt der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) mit der Frage zu befassen, wie Russland das Pariser Klimaabkommen einhalten und zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise finden kann. Das Land ist weltweit einer der größten Emittenten von Treibhausgasen, seine Ökonomie ist eng mit der Nutzung fossiler Brennstoffe verbunden. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine löste zudem eine scharfe Debatte aus, welche Rolle das Land in der internationalen Klima-Gemeinschaft noch einnehmen kann.

 

Grafik: Links ein Wärmekraftwerk mit rauchenden Schornsteinen und dampfenden Kühltürmen, rechts ein Nadelwald und ein großes Windrad – dazu der Schriftzug: Wie steht es um die Klimapolitik in Russland?
Illustration: Kristin Rabaschus

Klimareporter° möchte zu dieser Debatte beitragen und veröffentlicht im Rahmen des DGO-Projekts entstandene Texte in einer Beitragsserie.

 

Aufgrund der Repressalien, denen Journalist:innen und Expert:innen seitens der russischen Regierung ausgesetzt sind, werden einige Texte unter Pseudonym veröffentlicht.

 

Klimareporter° arbeitet dabei neben der DGO mit weiteren Organisationen zusammen, darunter Stiftungen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Aufgrund der schwierigen Situation für demokratisch orientierte Organisationen in Russland können nicht alle Unterstützer:innen öffentlich genannt werden. Beteiligt sind auch weitere Medien wie DW Russland und das Journalistennetzwerk N-Ost.

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