Fossile Staatspläne übertreffen selbst das Zwei-Grad-Limit

Vor der Weltklimakonferenz zeichnet ein heute veröffentlichter UN-Bericht ein düsteres Bild. Mit der von den Staaten bis 2030 geplanten Erzeugung von Öl, Gas und Kohle würde mehr als das Doppelte der Menge an Klimagasen entstehen, die noch mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar ist.


Typische Braunkohle-Mondlandschaft, in der sogar der riesige Kohlebagger klein aussieht, dahinter das große Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe.
Kohlekraftwerke und -tagebaue wie hier in Deutschland genießen immer noch viele finanzielle und rechtliche Vorteile. (Foto/​Ausschnitt: Bildagentur Zoonar/​Shutterstock)

Was als vorübergehender CO2-Boom nach dem Abflauen der Pandemie erschien, ist eher ein besorgniserregender Trend und gefährdet das Erreichen aller Klimaziele: Immer größer wird die Lücke zwischen der von den Staaten weltweit geplanten Erzeugung von Kohle, Öl und Gas sowie dem fossilen Produktionsniveau, das mit dem Pariser Klimaabkommen vereinbar wäre. Das zeigt der vom UN-Umweltprogramm Unep, mehreren Instituten und rund 40 Forschern erarbeitete Production Gap Report 2021.

Laut dem Bericht liegen bei fossilen Brennstoffen die aktuellen Energiepläne und -prognosen der Regierungen um 110 Prozent über dem für das 1,5-Grad-Limit noch tolerierbaren Niveau, also bei mehr als dem Doppelten. Selbst das Zwei-Grad-Limit wird von der zu erwartenden CO2-Emissionsmenge immer noch um 45 Prozent übertroffen. Bis zum Jahr 2040 wird dieser "Überschuss" laut Report sogar auf 190 beziehungsweise 89 Prozent anwachsen.

Der Bericht kritisiert besonders die Doppelzüngigkeit der Regierungen. Die Länder setzten sich Netto-Null-Emissionsziele und verbesserten ihre Klimapläne im Rahmen des Paris-Abkommens, reduzierten aber die Produktion fossiler Brennstoffe nicht so schnell, wie es zum Erreichen der Ziele erforderlich wäre. Gegenüber 2019, als der erste Production Gap Report erschien, und 2020 ist die fossile Produktionslücke "weitgehend unverändert" geblieben, stellt der jetzige Bericht fest.

Die sich bis 2030 abzeichnende fossile Überproduktion ist laut den Angaben bei Kohle mit 240 Prozent am größten. Bei Erdgas liegt das Niveau um 71 und bei Erdöl um 57 Prozent über dem Niveau, das mit einer Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad vereinbar wäre. Seit Beginn der Corona-Pandemie haben die Länder weltweit umgerechnet über 260 Milliarden Euro in fossile Brennstoffe investiert – mehr als in saubere Energie.

Der UN-Report fordert die Staaten dringend auf, die Produktion fossiler Brennstoffe "sofort und steil" zurückzufahren. UN-Generalsekretär António Guterres appelliert eindringlich an alle öffentlichen und privaten Geldgeber einschließlich Banken und Vermögensverwaltungen, jetzt die Finanzierung von Kohle zu stoppen und auf erneuerbare Energien umzuschwenken, um den Stromsektor komplett zu dekarbonisieren und allen Menschen den Zugang zu erneuerbaren Energien zu ermöglichen.

Deutschland kein Vorreiter

Für Unep-Direktorin Inger Andersen besteht noch die Chance, die langfristige Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, aber dieses Zeitfenster schließe sich schnell. Auf dem Klimagipfel COP 26 im November in Glasgow und danach müssten die Regierungen schnelle Schritte unternehmen, um die fossile Lücke zu schließen und einen gerechten und ausgewogenen Übergang zu gewährleisten, sagte Andersen. So sehe ehrgeiziger Klimaschutz aus.

Der neue Report enthält Länderprofile für 15 wichtige Erzeugerländer, darunter auch Deutschland. Das Land sei zwar 2018 aus der Förderung eigener Steinkohle ausgestiegen, bleibe aber der "weltweit größte Produzent von Braunkohle", wird festgestellt. Mit dem Kohleausstiegsgesetz könne die Kohleverstromung noch bis 2038 weitergehen.

2019 beliefen sich die nationalen und subnationalen Subventionen für die deutsche Braunkohleförderung auf 309 Millionen Euro, heißt es im Report mit Bezug auf Zahlen der OECD. Zu den Subventionen werden dabei auch die Befreiungen von Bergbauabgaben und Wassergebühren sowie die Finanzierung der Braunkohlesanierung in Ostdeutschland gezählt.

Der Report weist auch darauf hin, dass die staatliche Förderbank KfW Europas führendes Finanzierungsinstitut für internationale Öl- und Gasprojekte ist und dafür zwischen 2015 und 2018 insgesamt 1,2 Milliarden Euro bereitstellte. Die KfW fördere auch Gasimporte als "Brückentechnologie" auf dem vermeintlichen Weg zur Klimaneutralität.

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