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Rückkehr der Kohle

Trotz beschlossenem britischen Kohleausstieg will der Konzern West Cumbria Mining unter dem Meeresboden vor der nordwestenglischen Küste eine neue Kohlemine öffnen. Gestern genehmigte die lokale Verwaltung das umstrittene Projekt in unmittelbarer Nähe zum Nuklearkomplex Sellafield. Nun muss London entscheiden.


Entwurf der geplanten neuen Kohlemine in Nordengland, die komplett überdacht sein soll
So sauber wie in dieser Darstellung aus der Unternehmenswerbung soll das neue Kohlebergwerk in Cumbria mal aussehen – jedenfalls die Anlagen über Tage. (Foto/Montage: West Cumbria Mining)

Ende 2024 will Großbritannien endgültig aus der Kohle aussteigen. Die Kohleförderung wurde bereits beendet, im Strommix spielt der klimaschädliche Energieträger schon länger kaum noch eine Rolle. Doch ein Kohleprojekt in der Grafschaft Cumbria im Nordwesten Englands könnte nun einen Wiedereinstieg durch die Hintertür bringen.

Mit großer Mehrheit hat die lokale Verwaltung von Cumbria am gestrigen Freitag grünes Licht für den Bau des neuen Kohlebergwerks Woodhouse Colliery gegeben. Die Pläne des Konzerns West Cumbria Mining (WCM) erhielten im zuständigen Planungsausschuss zwölf Ja-Stimmen und lediglich drei Nein-Stimmen.

Damit hat das umstrittene Projekt eine weitere Hürde genommen. Es wäre das erste neue Kohlebergwerk in Großbritannien seit drei Jahrzehnten.

Schon seit 2014 treibt West Cumbria Mining seine Pläne mit großem Aufwand voran. Das Unternehmen gehört dem australischen Investor EMR Capital, der auf Kohle und andere Bergwerksgeschäfte spezialisiert ist.

Vor anderthalb Jahren sprach sich die lokale Verwaltung von Cumbria einstimmig für den Bau der neuen Mine aus. West Cumbria Mining hatte vor allem mit mindestens 500 neuen Arbeitsplätzen geworben, falls das Projekt Realität wird.

In der Region war bereits früher Kohle abgebaut worden. Über einen Zeitraum von 70 Jahren gab es das Kohlebergwerk Haig Colliery. 1986 wurde es geschlossen. 3.500 Jobs gingen damals verloren.

Nur 27 Jahre Betriebszeit?

Pro Jahr will West Cumbria Mining 2,7 Millionen Tonnen Kohle abbauen, und zwar auf dem West Cumbrian Coalfield, das sich vor der Küste von Whitehaven unter dem Meeresboden erstreckt.

Dafür hat die Firma Lizenzen für eine rund 200 Quadratkilometer große Fläche erworben. Sie vermutet in dem Gebiet unter der Irischen See 750 Millionen Tonnen Steinkohle, die größtenteils für die Stahlproduktion geeignet sein soll.

Neben der Schaffung neuer Jobs ist dies das zweite Hauptargument von WCM. Die geförderte Kohle, so die Firma, soll nicht für die Stromerzeugung genutzt werden, sondern für die Stahlproduktion in Großbritannien und in der EU.

Damit könne die "Weltklasse-Mine Cumbria" den Import von "Stahl-Kohle" aus dem außereuropäischen Ausland ersetzen, wirbt WCM-Chef Mark Kirkbride für sein Projekt. Derzeit würden jährlich 60 Millionen Tonnen davon aus den USA, Kanada, Russland und Australien eingeführt.

Wie Rebecca Willis von der Universität Lancaster schon im vergangenen Jahr vorgerechnet hat, würden die Kohlepläne von West Cumbria Mining einen zusätzlichen Ausstoß von neun Millionen Tonnen CO2 pro Jahr bedeuten. Mit der von Großbritannien geplanten Klimaneutralität für 2050 wäre das kaum vereinbar.

Um seine Chancen auf die Genehmigung zu erhöhen, hat WCM inzwischen den geplanten Zeitraum für den Betrieb der Mine korrigiert. War letztes Jahr noch von rund 50 Jahren Betriebszeit die Rede, will der Konzern nun bereits 2049 wieder Schluss machen – "um den Wandel zu einer Netto-Null-Kohlenstoffwirtschaft anzuerkennen". 

Ob diese Versprechen genügen, damit West Cumbria Mining die endgültige Erlaubnis erhält, ist noch offen. Die abschließende Genehmigung kann nicht die örtliche Verwaltung erteilen, sondern nur London.

Atomunfall durch Erdbeben befürchtet

Zuständig ist Robert Jenrick, der dem Kabinett von Premierminister Boris Johnson als Minister für Wohnungswesen, Gemeinden und Kommunalverwaltung angehört.

Initiativen, die sich gegen das Kohleprojekt richten, haben eine Petition gestartet und fordern Jenrick auf, das Projekt zu stoppen.

Sorgen machen ihnen nicht nur die erheblichen Mengen an CO2, die mit dem neuen Kohleprojekt einhergehen würden. Ein großes Problem sehen die Kritiker:innen des Projekts auch darin, dass der Nuklearkomplex Sellafield nur wenige Kilometer entfernt liegt.

Wenn in unmittelbarer Nähe zu Sellafield unter dem Meeresboden Kohle abgebaut wird, könnte dies möglicherweise Erdbeben auslösen und zu einer radioaktiven Verseuchung führen. Auf dem Sellafield-Gelände werden große Mengen an Atommüll aufbewahrt, von dem Radioaktivität in die Umgebung gelangen könnte.

Auch eine spätere Nutzung des ausgebeuteten Kohlebergwerks für die Lagerung von Atomabfällen fürchten die Gegner:innen des Projekts.

Darüber hinaus soll nahe Sellafield ein neues Atomkraftwerk errichtet werden, das AKW Moorside.

Falls Minister Jenrick West Cumbria Mining die Genehmigung für das neue Kohlebergwerk erteilt, will das Unternehmen noch vor dem kommenden Frühjahr mit dem Bau beginnen und anderthalb Jahre später die Kohleförderung starten.

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