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"Modoki" könnte Indien noch mehr Hitze bringen

Indien kämpft mit der "schlimmsten Hitzewelle aller Zeiten". Dabei bremst ausgerechnet die Luftverschmutzung noch höhere Temperaturrekorde bisher aus. Aber auch ohne diesen Effekt könnten Hitzewellen bald noch schlimmer werden.


Frau mit Wasserkrug auf dem Kopf auf ausgetrocknetem Boden
Hitzewellen belasten Frauen in Indien oft doppelt, weil sie Trinkwasser organisieren müssen. (Foto: Gaurav Bhosle/​Wikimedia Commons)

Schon im März hatte die indische Katastrophenschutzbehörde NDMA Alarm geschlagen: Eine Hitzeperiode bahne sich an. Und tatsächlich hatten hohe Temperaturen Indien in den vergangenen Wochen fest im Griff. Vor allem der Norden und die Mitte des Subkontinents waren von der extremen Hitze betroffen.

"Das ist die schlimmste Hitzewelle aller Zeiten", sagte Anup Kumar Srivastava, Dürre- und Hitzewellenexperte bei der NDMA. "2015 wurde eine Hitzewelle in neun Bundesstaaten dokumentiert, in diesem Jahr gehen wir von 23 aus." Indien hat 29 Bundesstaaten.

Übertrieben hat Srivastava nicht. Ab Ende Mai erreichten die Temperaturen extreme Höhen. Vielerorts wurden 40 bis 50 Grad Celsius gemessen. In der Hauptstadt Neu-Delhi wurde mit 48 Grad der bisherige Hitzerekord für den Monat Juni getoppt.

Noch heißer war es Mitte Juni in Churu, einer Großstadt im nordwestlichen Bundesstaat Rajasthan, mit fast 51 Grad. Höhere Temperaturen wurden in der Region nur während der Hitzeperiode 2016 gemessen, darunter der höchste in Indien dokumentierte Wert seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Dass die Temperaturen in Nordindien im Mai und Juni über die 40-Grad-Marke steigen, kommt nicht selten vor. Dass aber 50 Grad oder mehr erreicht werden, ist sehr außergewöhnlich. "Hitzewellen können eine Gesellschaft hart treffen, etwa indem sie zu zusätzlichen Todesfällen in gefährdeten Gruppen wie bei alten Menschen und Kindern führen", sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Tatsächlich sind in Indien schon mehrere Menschen infolge der aktuellen Hitze gestorben. Während in Medienberichten von mindestens 200 Todesopfern die Rede ist, liegen die offiziellen Zahlen niedriger.

Durch Hilfsmaßnahmen bemüht sich Indien jedoch, die Zahl der Hitzetoten zu senken. Fielen 2015 mehr als 2.000 Menschen der berüchtigten Hitzewelle zum Opfer, sank die Zahl in den darauffolgenden Jahren kontinuierlich – auch weil Behörden stärker auf die gesundheitsgefährdenden Auswirkungen der Hitze hinwiesen und Hilfsmaßnahmen wie das Bereitstellen öffentlicher Wasserspritzen und gekühlter Notunterkünfte verstärkten.

Hitzewellen gelten in Indien bislang nicht als Naturkatastrophe, und so können auch die Mittel aus nationalen oder staatlichen Katastrophenschutzfonds nicht zur Hitzebekämpfung verwendet werden.

Bekämpft Indien den Smog, wird es noch heißer

Hitzeperioden haben noch weitere verheerende Folgen. "Eine Kombination von heißen und trockenen Bedingungen kann regional unter Umständen zu Wasserknappheiten und Ernteausfällen führen", warnt Klimaforscher Rahmstorf. Auch das lässt sich jetzt in Indien beobachten.

Zwar hat der einsetzende Monsun – zumindest mancherorts – die erhofften Niederschläge gebracht und auch die Temperaturen gesenkt. Und doch ist in Chennai, der Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu, die Wasserversorgung der Bevölkerung bedroht. Vier Seen, die die Stadt mit Wasser versorgen, sind fast komplett trockengefallen. Während Wohlhabende eigene Brunnen bohren oder Wasser kaufen, leiden vor allem Arme unter der Wasserkrise.

Klimaforscher warnen, dass Häufigkeit und Intensität von Hitzewellen aufgrund des Klimawandels weltweit zunehmen werden. Im Gegensatz zum globalen Trend beobachten Wissenschaftler bei den extremen Temperaturen in Indien noch keinen klaren Aufwärtstrend. Zwar sind die Durchschnittstemperaturen gestiegen, die Maximaltemperaturen jedoch nicht.

Das hat einen überraschenden Grund. Die wachsende Luftverschmutzung durch Kraftwerke und Kraftfahrzeuge lässt immer weniger Sonnenlicht durch und senkt damit die Höchsttemperaturen, schreiben mehrere Forscher in einem Gastbeitrag für das englischsprachige Fachmagazin Carbon Brief.

Durch die zunehmende Bewässerung von Flächen werde außerdem ein Teil der Wärmeenergie beim Verdampfen des Wassers verbraucht und könne deshalb nicht die Luft erwärmen. Durch den höheren Wasserverbrauch in Städten im Vergleich zum umliegenden Land lasse sich tatsächlich in einigen Städten im Norden Indiens ein solch kühlender Effekt nachweisen.

Vor allem in indischen Städten ist die Luftverschmutzung enorm. In manchen Städten übersteigt die Konzentration von Feinstaub im Jahresdurchschnitt den Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation um ein Mehrfaches. Sollte Indien Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität ergreifen, könnte das als unerwünschten Nebeneffekt die Höchsttemperaturen steigen lassen. Energieexperten fordern deshalb, die Stromversorgung schnellstens auf 100 Prozent Erneuerbare umzustellen.

Aber auch ohne saubere Luft könnten in naher Zukunft deutlich mehr Hitzewellen die indische Bevölkerung treffen. Schon ab 2020 könnten die Häufigkeit und die Dauer von Hitzeperioden erheblich zunehmen. Laut einer Studie des Indian Institute of Tropical Meteorology liegt das an "Modoki", einer Variante des El-Niño-Phänomens im Zentral-Pazifik, sowie an der abnehmenden Bodenfeuchte. Bald könnte es deshalb auch in Südindien und in den Küstenregionen Hitzewellen geben – Regionen, die bislang noch davon verschont geblieben sind.

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