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Klimaneutral bis 2070 – ist Indien ambitioniert?

Deutschland will in 25 Jahren klimaneutral sein – Indien in erst in 50 Jahren. Das hat Premier Modi jetzt angekündigt. Ist Indiens Ziel deswegen von vornherein unzureichend? Die Antworten auf diese Frage fallen sehr unterschiedlich aus.


Solarpark Telangana 2 im zentralindischen Bundesstaat Telangana.
Zwölf-Megawatt-Solarkraftwerk in Indien: Das demnächst bevölkerungsreichste Land der Welt will seine Erneuerbaren-Leistung steil nach oben treiben. (Foto: Thomas Lloyd/​Wikimedia Commons)

Indiens Premierminister Narendra Modi hat am Montag auf der Klimakonferenz in Glasgow angekündigt, sein Land wolle bis zum Jahr 2070 klimaneutral werden – ­ volle 25 Jahre später, als Deutschland sich das zum Ziel gesetzt hat.

Dabei war Modi tags zuvor noch deutlich ehrgeiziger aufgetreten. In der Abschlusserklärung des G20-Gipfels in Rom sagte er zu, Klimaneutralität "bis zur oder um die Mitte des Jahrhunderts" zu erreichen.

Die indische Klimaaktivistin Disha Ravi schrieb auf Twitter: "Ich wusste, dass Indien bei der UN-Klimakonferenz schlecht dastehen würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so schlecht wie 'netto null bis 2070' sein würde. Modi übertrifft wie immer die Erwartungen."

Andere Beobachter werteten die Ankündigung Modis deutlich positiver. Siddarth Singh von der Internationalen Energieagentur IEA twitterte: "Das ist groß, sehr groß. Dies wird sich auf alles auswirken – Energieversorgung, Verkehr, Industrie, Luftqualität, Arbeitsplätze."

Ein Grund für die unterschiedliche Bewertung des neuen indischen Ziels dürfte darin liegen, dass Modi noch vier weitere Klimaziele bekannt gegeben hat. Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen pro Rupie Wirtschaftsleistung um 45 Prozent sinken statt wie bisher um 33 Prozent.

Das soll durch einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien erreicht werden. Indien will in den nächsten zehn Jahren seine Solar- und Windkraftkapazität auf eine halbe Million Megawatt steigern. Bislang hat der gesamte, also konventionelle wie erneuerbare, Kraftwerkspark des Landes eine Kapazität von 380.000 Megawatt. 2030 soll der Strommix damit schon zur Hälfte aus Grünstrom bestehen.

Kritische Masse beim Netto-Null-Ziel

Durch die Verschärfung der Ziele will Indien bis dahin insgesamt eine Milliarde Tonnen CO2 weniger ausstoßen als bislang geplant.

Aus Sicht von Madhura Joshi vom Umwelt-Thinktank E3G sind denn auch diese Kurzfristziele entscheidend: Damit habe Modi Indien "fest auf einen sauberen Energiepfad gesetzt, der bis 2070, möglicherweise sogar früher, zu einer Netto-Null-Energieversorgung führen kann", sagte die Politologin. Jetzt sei die "Bühne frei für eine Wende bei den sauberen Investitionen".

Doch zurück zu Indiens Langfristziel. "Das Datum ist spät, aber wichtiger ist, dass Indien sich überhaupt auf null verpflichtet hat, was viele für unwahrscheinlich hielten", sagte der Potsdamer Klimaforscher Niklas Höhne dem Magazin New Scientist.

Und auch Thomas Hale von der Universität Oxford ist überrascht: "Vor einem Jahr hätte niemand erwartet, dass Indien auf der diesjährigen Konferenz ein Netto-Null-Ziel ankündigen würde. Aber das ist die Natur von Wendepunkten. Sobald die kritische Masse erreicht ist, ist es sehr schwer, nicht mitzumachen".

Damit bezieht sich Hale auf das Gewicht der Staaten, die mittlerweile ein Netto-Null-Ziel haben. Mit der Ankündigung Indiens werden nun 88 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in Ländern erbracht, die ein solches Ziel haben. Dazu gehören die EU, die USA, China, Japan, Südkorea und einige andere.

Noch deutlicher ist diese Verschiebung bei der Kohle: 93 Prozent der Kohleverstromung entfallen auf Länder mit einem solchen Ziel. Der globale Kohleausstieg ist nur noch eine Frage der Zeit.

"China ist überholt worden"

Modi ist allerdings nicht nur mit neuen Klimazielen nach Glasgow gekommen, sondern auch mit einer Forderung: Er will, dass die Industriestaaten ihre Klimahilfen von heute rund 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr "so früh wie möglich" auf eine Billion Dollar vervielfachen.

Modi erinnerte an das Versprechen der Industriestaaten, die Entwicklungsländer ab dem Jahr 2020 mit jährlich 100 Milliarden Dollar bei der Anpassung an den Klimawandel und bei der Emissionsreduktion zu helfen. "Heute müssen wir nicht nur die Fortschritte bei der Eindämmung des Klimawandels verfolgen, sondern auch die Klimafinanzierung."

COP 26 in Glasgow

Nach 25 UN-Konferenzen gibt es noch immer keine Lösung für die Klimakrise, aber wenigstens das Pariser Klimaabkommen. Wie gut es funktioniert, wird sich beim 26. Gipfel in Glasgow zeigen. Ein Team von Klimareporter° ist vor Ort in Schottland und berichtet mehrmals täglich.

Damit signalisierte Modi den Industriestaaten in den Verhandlungen, dass Indien nun in seinen Augen in Vorlage gegangen ist und der Ball nun bei den Industriestaaten liegt.

Aus Sicht des deutschen Umweltstaatssekretärs Jochen Flasbarth ist Indien aber noch gegenüber einem anderen Land in Vorlage gegangen: "Die Rolle von China ist enttäuschend", sagte Flasbarth heute in Glasgow. Das Land sei von anderen Schwellenländern überholt worden. Dabei will China zehn Jahre vor Indien klimaneutral sein.

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