Huracán nannten die Maya den Gott der Schöpfung und des Sturms. Auch in der Sprache der Taino, eines indigenen Volkes der Großen Antillen, bezeichnet hurakán den göttlichen Akt des Wirbelsturms.

Im Gepäck der spanischen Konquistadoren fand der Begriff – meist leicht abgewandelt – Einzug in die meisten europäischen Sprachen.

 

Heute lassen sich tropische Wirbelstürme freilich ohne Hilfe einer göttlichen Macht erklären. Doch als vor 20 Jahren der Hurrikan "Katrina" auf die US-Golfküste traf, fast 2.000 Menschen starben, ganze Städte verwüstet und über 200.000 Häuser zerstört wurden, wollten doch viele Gottes Tun erkennen.

Von divine retribution, göttlicher Bestrafung, predigten religiöse Fundamentalist:innen verschiedener Religionen. Mal hatte in den wirren Erklärungen die lebendige queere Szene in New Orleans Schuld an Gottes Zorn, mal die Migrationspolitik der Vereinigten Staaten.

Das nahezu beispiellose Ausmaß von Tod und Zerstörung war stattdessen einem Zusammenspiel von Naturgewalt, politischen Versäumnissen und sozialer Ungleichheit geschuldet. Wobei auch Katrina selbst, wie jüngere Studien zeigen, aufgrund der menschengemachten Klimakrise wahrscheinlicher und zerstörerischer wurde.

Das liegt vor allem an dem Energielieferanten für tropische Wirbelstürme, dem Meerwasser. Fast ein Grad wärmer als in Szenarien ohne Klimawandel war das Oberflächenwasser im Golf von Mexiko, als am 28. August 2005 Katrina dort mit 280 Kilometern pro Stunde seine Höchstgeschwindigkeit erreichte, ergab eine Analyse der US-Wissenschaftsorganisation Climate Central.

Einen Tag später traf der Sturm in Louisiana an Land, kurz darauf nochmal in Mississippi, begleitet von bis zu acht Meter hohen Sturmfluten. Mehr als 320 Kilometer Küstenlinie von Louisiana bis zum Florida Panhandle wurden von den Sturmfluten überschwemmt.

New Orleans hat sich bis heute nicht erholt 

Besonders verheerend waren die Schäden in New Orleans. Obwohl Katrina nicht direkt auf die Stadt traf und es deshalb nur in Randgebieten zu Sturmschäden wie abdeckten Dächern kam, zerstörten die nachfolgenden Fluten einen Großteil der Metropole.

Nachlässig gewartete Deiche und Flutmauern hielten dem Druck der Wassermassen nicht stand. Über das schlecht konstruierte Kanal- und Deichsystem schob sich das Wasser in die Stadt und setzt 80 Prozent von New Orleans unter Wasser.

Der Wirbelsturm "Katrina" verwüstete Ende August 2005 die Stadt New Orleans, vor allem durch Hochwasser. (Bild: Carol Colman/​​Pixabay)

Tagelang hielt die Überschwemmung an. Das veraltete Pumpsystem war dem Ausmaß der Flut nicht gewachsen und aufgrund von Stromausfällen ohnehin die meiste Zeit außer Betrieb.

Mit der Stärke des Hurrikans allein lasse sich das Ausmaß der Verwüstung nicht erklären, sagt der Soziologe Kevin Smiley von der Louisiana State University. Schlecht gewartete und falsch konstruierte Flutschutzanlagen und arme, dicht besiedelte Stadtteile seien ebenso Teil der Geschichte.

Die besonders heftig betroffenen ärmeren Wohnviertel, überwiegend von schwarzen Gemeinschaften bewohnt, lagen häufig unterhalb des Meeresspiegels. Immobilienwerte in US-Städten lägen für tief liegende Gebiete in der Regel niedriger, erklärte der Historiker Allen Hyde. "Der Lower Ninth Ward war dafür ein Paradebeispiel."

Das Viertel ist durch Katrina zum Symbol für soziale Ungleichheit geworden. Unzählige Häuser wurden zerstört. Viele der Bewohner:innen hatten kein Auto, um fliehen zu können, und weder Rücklagen noch Versicherungen, um sich von den Schäden finanziell zu erholen.

Während vor Katrina rund 14.000 Menschen hier lebten, sind es heute, 20 Jahre später, 5.000. Ganz New Orleans leidet noch immer unter den Folgen.

Viele der Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, seien nie zurückgekehrt, sagt Kevin Smiley. "Die Stadt ist auch heute noch um ein Fünftel kleiner als damals."

Viele Menschen seien weiter ins Landesinnere von Louisiana gezogen, "an die Nordküste des Lake Ponchartrain und nach Baton Rouge und seinen Vororten." Auch im Nachbarstaat Mississippi würden heute kaum noch Menschen an der Küste wohnen. Die meisten Immobilien seien Ferienhäuser.

Trump sägt am Katastrophenschutz 

Die Katastrophe wurde auch zum Symbolbild staatlichen Versagens. Die Hilfe durch die Fema, die Bundesbehörde für Katastrophenschutz, kam spät und war schlecht koordiniert. Tausende saßen tagelang auf Hausdächern fest. In dem zur Notunterkunft umfunktionierten Stadion Caesars Superdome saßen Zehntausende eine Woche lang bei knapper Lebensmittelversorgung und ohne funktionierende Toiletten fest.

Heute steht die Katastrophenschutzbehörde erneut im Fokus – diesmal wegen US-Präsident Donald Trump, der das Fema-Budget zusammenkürzen will. Expert:innen warnen, dass damit zwei Jahrzehnte des Fortschritts in der Katastrophenversorgung, auch angestoßen durch die Erfahrungen mit Katrina, auf dem Spiel stehen.

Diese Erfahrungen sollten "eindringlich daran erinnern, warum viele bestehende Notfallmanagementprogramme den Bedürfnissen sozial schwacher Bevölkerungsgruppen besondere Aufmerksamkeit schenken", schrieb der Notfallmanagement-Experte Eric Stern im Online-Magazin The Conversation. Auch die Trump-Administration täte gut daran, an Katrina zurückzudenken.

Eine schwächer ausgestattete Fema bedeutet langsameres Eingreifen und schlechtere Vorsorge. Derweil ist sich die Wissenschaft heute weitgehend einig: Der Klimawandel verstärkt Hurrikans nicht unbedingt in ihrer Zahl, aber in ihrer Intensität, Regenmenge und Zerstörungskraft.

Wärmeres Meerwasser liefert mehr Energie für tropische Stürme, was die Wahrscheinlichkeit einer sogenannten rapid intensification – des plötzlichen Aufdrehens um mehrere Windstärken – deutlich erhöht. Zudem kann wärmere Luft mehr Feuchtigkeit halten, was zu extremen Regenfällen führt, wie sie zuletzt bei den Hurrikans Harvey oder Ida beobachtet wurden.

Der Weltklimarat IPCC weist darauf hin, dass die Hurrikans der stärksten Kategorien vier und fünf bei zunehmender Erwärmung häufiger werden. Für tief liegende Küstenstädte wie New Orleans bedeutet das: Die Kombination aus steigendem Meeresspiegel, häufigeren Sturmfluten und alternder Infrastruktur lässt die Risiken zunehmend existenziell werden. 

Das Gegenmittel heißt Klimaanpassung. Auch dafür braucht es keine Hand Gottes.