"Ich nenne den Krieg Klimakrieg"

Klimakrise und Ukraine-Krieg haben für Ilyess El Kortbi die gleichen Ursachen: Abhängigkeit von fossilen Energien. El Kortbi hat Fridays for Future in der Ukraine mitgegründet und engagiert sich inzwischen in Deutschland für Klimagerechtigkeit. Auf die UN‑Klimakonferenzen könne sich die Welt nicht länger verlassen.


Ilyess El Kortbi steht vor dem Konferenzzentrum in Bonn und hält sein Schild hoch mit der ukrainischen Aufschrift: Jugend fürs Klima.
"Jugend fürs Klima" steht auf dem Schild, das Ilyess El Kortbi immer dabei hat – hier vor dem Konferenzzentrum in Bonn, wo die Klimakonferenz stattfand. (Foto: Rosa-Lena Lange)

Klimareporter°: Letzte Woche haben Sie in Bonn an der Vorbereitungskonferenz zum nächsten UN‑Klimagipfel teilgenommen, als Mitglied der Jugenddelegation. Warum? Welche Themen wollten Sie auf der Tagesordnung sehen?

Ilyess El Kortbi: Vor drei Monaten habe ich den Krieg in meinem Heimatland Ukraine verlassen, einen Krieg, der wegen der Abhängigkeit Europas von russischer fossiler Energie überhaupt erst finanzierbar ist. Tatsächlich geben die europäischen Länder bis zu einer Milliarde Dollar pro Tag für fossile Brennstoffe aus Russland aus.

Auf der Konferenz in Bonn war ich, weil ich mich für den Frieden einsetzen will und weil ich auf die Zusammenhänge zwischen der Klimakrise und dem Krieg, den ich Klimakrieg nenne, aufmerksam machen möchte.

Seit mehr als 25 Jahren finden die UN‑Klimakonferenzen statt, und die Menschen unternehmen immer noch nichts gegen die Klimakrise. Stattdessen werden die Folgen ihrer Untätigkeit von Tag zu Tag schlimmer – was durch die russische Invasion in der Ukraine, einem Land mitten in Europa, gerade deutlich sichtbar wird.

Ich war in Davos und in Stockholm und jetzt in Bonn, um die Verantwortlichen mit dieser Tatsache zu konfrontieren, in der Hoffnung, dass wir sie zum Handeln bewegen können.

Als Teil der Jugendvertretung der UN‑Klimakonvention habe ich diese Forderungen zusammen mit anderen Jugenddelegierten und Aktivist:innen in der Abschlussplenarsitzung vorgetragen.

Wie schätzen Sie den Verlauf der Verhandlungen ein? Sind die Jugend-Forderungen berücksichtigt worden?

Die Verhandlungen auf der Konferenz in Bonn sind generell zu langsam und zu technisch verlaufen. Die sehr technischen Diskussionen über kleine Details machen die Prozesse undurchsichtig und verstellen den Blick auf die großen und wichtigen Fragen.

Obwohl Bonn nur etwa 2.000 Kilometer vom Kriegsgebiet in der Ukraine entfernt ist, wo täglich Menschen verletzt und getötet werden, wurde diese Sicherheitsbedrohung auf der Konferenz kaum angesprochen.

Dieses Phänomen beschränkt sich nicht nur auf die Ukraine. An vielen Orten der Welt werden durch die Klimakrise Konflikte und Kriege um natürliche Ressourcen ausgelöst oder verschärft.

Wie wir im Fall der Ukraine sehen, haben diese Konflikte das Potenzial, Ernährungskrisen von globalem Ausmaß zu verursachen. Trotz der großen Gefahr, die diese klimabedingten Konflikte für viele Menschen auf der Welt darstellen, hat die Bonner Konferenz nicht angemessen darauf reagiert.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die fehlende Dynamik zeigte sich zum Beispiel bei den Verhandlungen über die Finanzierung klimabedingter Verluste und Schäden.

Auf dem letzten UN‑Klimagipfel COP 26 in Glasgow hatte die ugandische Klimaaktivistin Vanessa Nakate an das Versprechen der reicheren Nationen erinnert, ärmere Länder, die zum Beispiel von Dürren oder Überschwemmungen betroffen sind, mit 100 Milliarden Dollar jährlich zu entschädigen.

In Bonn trafen wir jetzt Michael Regan, den Direktor der US-Umweltbehörde EPA. Als einige Menschen aus Uganda ihn nach Präsident Obamas Versprechen fragten, diesen Entschädigungsfonds zu unterstützen, antwortete er, er wisse nichts darüber.

Wenn wir die Klimakatastrophe abwenden wollen, müssen wir uns mit den Menschen, die am meisten unter der Klimakrise leiden, solidarisch zeigen und die reichen Länder des globalen Nordens, die die Hauptverantwortung für die Krise tragen, in die Pflicht nehmen.

Hatten Klimaaktivist:innen Schwierigkeiten, zu der Konferenz zu kommen oder daran teilzunehmen?

Ich persönlich hatte das Glück, offiziell für die Konferenz akkreditiert zu sein und kurzfristig teilnehmen zu können. Für viele andere Klimaaktivist:innen war aber der Zugang eingeschränkt – durch die Visabeschränkungen in Deutschland und wegen eines unzuverlässigen Akkreditierungssystems des UN‑Klimasekretariats.

Ilyess El Kortbi

ist in Charkiw aufgewachsen, hat dort Architektur studiert und zusammen mit anderen im März 2019 Fridays for Future in der Ukraine gegründet. Nach dem russischen Angriff im Februar flohen die Aktivist:innen zunächst in die ukrainische Hauptstadt und landeten später in Berlin. Seitdem ist Ilyess El Kortbi mit Fridays for Future in Deutschland aktiv und versucht, auf den Zusammenhang von Klimakrise und Sicherheitspolitik aufmerksam zu machen.

Akkreditierungen sollten nicht erst wenige Tage vor Konferenzbeginn erfolgen. Die Akkreditierung ist oft ausschlaggebend dafür, ob jemand ein Visum erhält oder nicht.

Ich habe aber auch das Gefühl, dass sich die Organisator:innen der UN‑Klimakonferenzen hinter den Regierungen verstecken, wenn es um die Entscheidung geht, wer ein Visum und damit Zugang zur Konferenz erhält.

Das Verfahren, um ein Visum zu bekommen, ist oft sehr zeitaufwendig und kostspielig. Dadurch ist der Zugang zu solchen Konferenzen oft auf eine privilegierte Minderheit beschränkt. Das UN‑Klimasekretariat muss hier tätig werden und den Zugang für alle erleichtern.

Für die Konferenz "Stockholm+50", an der ich im Juni teilnahm, erhielt ich beispielsweise erst sieben Tage vor der Konferenz die Bestätigung meiner Akkreditierung.

Trotzdem fühle ich mich sehr privilegiert, weil ich an dieser und anderen Konferenzen teilnehmen konnte, während so viele andere junge Klimaaktivist:innen aus dem globalen Süden mit viel größeren finanziellen, logistischen und politischen Hindernissen zu kämpfen haben.

Es ist absurd, dass Menschen aus Ländern, die am stärksten von der Klimakrise und ihren Folgen betroffen sind – den Konflikten, dem Verlust der biologischen Vielfalt, der Nahrungsmittelknappheit –, hier teilweise keinen Zugang haben.

Der kommende Weltklimagipfel im November in Scharm el-Scheich wird bereits der 27. sein. Haben Sie noch Hoffnung, dass die Staaten die Klimakrise ernst nehmen?

Ich befürchte, dass diese Konferenz in Ägypten, die COP 27, noch exklusiver sein wird als Bonn oder Glasgow. Scharm el-Scheich ist ein Touristenzentrum auf der Sinai-Halbinsel, die Übernachtungspreise sind hoch und die meisten Leute werden fliegen müssen.

Wahrscheinlich werden also weniger Klimaaktivist:innen vor Ort sein und es wird schwieriger, auf konkrete und weitreichende Beschlüsse zu drängen.

Außerdem ist dort das politische Umfeld viel unsicherer. Vor allem für ägyptische Aktivist:innen, die nach der Konferenz nicht einfach das Land verlassen können, besteht die Gefahr, dass sie die Auswirkungen zu spüren bekommen, in einem undemokratischen Staat zu leben.

Auch der übernächste UN‑Klimagipfel COP 28 wird in einem Land mit einem autokratischen Regime stattfinden, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es scheint fast so, als sollten Klimaaktivist:innen abgeschreckt werden.

Wenn ich daran denke, wie diese Konferenz in Bonn ablief – und auch die früheren Konferenzen, an denen ich teilgenommen habe –, werde ich es nicht bereuen, wenn ich nicht zur nächsten COP kommen kann. Sie zwingen uns Aktivist:innen zu solchen enormen Anstrengungen, und wir bekommen nur leere Versprechungen.

Warum? Nur weil wir die Wahrheit sagen und die Verantwortlichen auffordern, die Probleme endlich so zu behandeln, wie es nötig ist.

Wollen Sie trotzdem Ihren Klima-Aktivismus fortsetzen?

Es ist nicht meine Entscheidung, meine Freizeit auf der Straße zu verbringen und Politiker:innen aufzufordern, ihre Arbeit zu machen.

Statt all diese Zeit und Energie zu investieren, hätte ich mich in den letzten drei Monaten von meinen Kriegstraumata erholen können. Fast jede Nacht habe ich Albträume. Ich sehe dann, wie mein Leben in meiner Heimatstadt Charkiw hätte aussehen können, wenn der Krieg nicht ausgebrochen wäre. Ich sehe meine Freunde, ich spreche mit ihnen, trinke mit ihnen Kaffee. Es wiederholt sich immer wieder, aber ich kann nicht zurück, weil meine Freunde tot sind.

Ich fühle mich gezwungen, weiter für eine sichere Zukunft zu kämpfen. Genau wie meine Freunde will ich einfach nur ein normales Leben, ohne von Klimakatastrophen und den damit verbundenen Sicherheitsbedrohungen gefährdet zu sein.

Was mich die letzten 26 COPs gelehrt haben, ist, dass wir uns nicht länger auf diese Konferenzen verlassen können. Die Macht liegt bei den Menschen, nicht bei diesen Konferenzen. Ich glaube, dass es Hoffnung gibt. In Deutschland zum Beispiel gibt es eine der größten Fridays-for-Future-Bewegungen der Welt.

Und Sie sind jetzt Teil davon?

Ja, ich bin jetzt Teil davon, und das fühlt sich sehr ermächtigend an. Als Fridays for Future in der Ukraine haben wir von Fridays for Future in Deutschland gelernt, wie wir uns strukturieren und organisieren können.

In einem postsowjetischen Land war es für viele von uns neu, Klimaaktivismus zu betreiben. Wir waren mit vielen Schwierigkeiten konfrontiert, vor allem durch Leute, die uns bedrohten. Einige unserer Aktivist:innen wurden angegriffen, auch ich gehörte dazu.

Dennoch machten wir weiter und schafften es, im Jahr, bevor der Krieg ausbrach, einen Klimastreik in 15 ukrainischen Städten zu organisieren.

Obwohl ich lieber unter anderen Umständen hier wäre, fühle ich mich durch die vielen Aktivist:innen sehr gestärkt, das macht mir Hoffnung. Ich bekomme eine Menge moralische Unterstützung und Hilfe. Und hoffentlich werde ich, wenn ich ein bisschen mehr Deutsch kann, selbst einige Freitags-Aktionen in Deutschland vorschlagen.

Möchten Sie uns noch etwas mitgeben?

Ja, wir haben keine Zeit mehr, uns gegenseitig die Schuld für unser sinkendes Schiff zu geben. Wir müssen hier und jetzt gerettet werden und es sind nur wir selbst, die das tun können. Wir müssen jetzt gemeinsam handeln, um uns auf dem einzigen Planeten, den wir haben, zu retten – vor der Klimakrise und vor den Kriegen.

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