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ZMP Fachkongress 2021

Fossiles Auslaufmodell

Die Internationale Energieagentur fordert überraschend einen sofortigen Stopp von Investitionen in Kohle, Erdöl und Erdgas. Nur mit einem radikalen Kurswechsel ließen sich die klimaschädlichen Emissionen bis 2050 auf netto null bringen.


Der Braunkohletagebau Garzweiler, weit im Hintergrund dampfen Kohlekraftwerke gegen den blauen Himmel.
Selbst für die IEA, die lange die erneuerbaren Energien in ihren Prognosen kleinrechnete, ist Kohle nun ein Auslaufmodell – und ebenso Öl und Gas. (Foto: Malte Florian Klein/​Shutterstock)

Die Internationale Energieagentur IEA fordert einen radikalen Kurswechsel: Ab sofort sollten weltweit keine Investitionen mehr in Kohlekraftwerke und die Erschließung neuer Erdöl- und Erdgasfelder erfolgen.

Nur so sei es möglich, die globalen Treibhausgas-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf netto null zu senken, heißt es in einem neuen Report der Organisation ("Net Zero by 2050"). Zudem empfiehlt die IEA, ab 2035 keine neuen Autos mit Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen.

Der Kurswechsel in dem Report ist symbolträchtig. Viele Experten zeigen sich überrascht über die Vehemenz, mit der die IEA nun die Energiewende fordert. Die in Paris ansässige Organisation wurde 1974 vom Industrieländerclub OECD als Reaktion auf die erste Ölkrise gegründet, ihr Schwerpunkt war die Sicherung der Versorgung mit fossilen Energien.

Der Klimawandel spielte bei der IEA erst in den letzten Jahren eine größere Rolle, lange unterschätzte sie den Ausbau der Öko-Energien systematisch, und noch vor wenigen Jahren forderte sie höhere Investitionen in neue Öl- und Gasvorkommen.

Nun warnt auch die IEA, dass die bisherigen Klimaschutz-Zusagen der Regierungen bei Weitem nicht ausreichen, um die CO2-Emissionen aus dem Energiesektor bis 2050 auf null zu bringen und den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, wie im Pariser Klimavertrag angestrebt. Daher müsse die Energiewende deutlich beschleunigt werden.

Die Begrenzung der Erderwärmung sei "die vielleicht größte Herausforderung, der die Menschheit je gegenüberstand", sagte IEA-Generaldirektor Fatih Birol zur Begründung. Es gebe einen "tragfähigen Pfad" zu einem klimaneutralen Energiesektor, er sei allerdings "schmal" und erfordere eine "noch nie dagewesene Transformation". Die bisher noch für Kohle, Öl und Erdgas geplanten Investitionen müssten in erneuerbare Energien und Innovationen umgeleitet werden.

Schwerer Schlag für fossile Branche

Der Umbau wäre radikal. Der vorgeschlagene Pfad sieht vor, dass der jährliche Zubau von Photovoltaikanlagen bis 2030 rund 630.000 Megawatt und der von Windkraftanlagen 390.000 Megawatt erreichen soll – zusammen ist das das Vierfache des Niveaus von 2020. Bei der Photovoltaik entspricht dies laut IEA in etwa der Installation des derzeit größten Solarparks der Welt – pro Tag.

Wichtig ist laut der Agentur auch, die Energieeffizienz deutlich zu steigern, bis 2030 auf durchschnittlich vier Prozent pro Jahr – etwa das Dreifache des Durchschnitts der letzten beiden Jahrzehnte.

Die IEA betont, der vorgeschlagene Pfad sichere eine "stabile und erschwingliche Energieversorgung", gewährleiste einen Zugang zu Energie für alle bei einer um zwei Milliarden Menschen gewachsenen Weltbevölkerung und mache "ein robustes Wirtschaftswachstum" möglich.

Ziel sei eine "saubere, dynamische und widerstandsfähige Energiewirtschaft, die von erneuerbaren Energien wie Sonne und Wind anstelle von fossilen Brennstoffen dominiert wird". Die Atomkraft spielt in dem Szenario allerdings weiter eine Rolle. Sie würde 2050 rund zehn Prozent des verbrauchten Stroms liefern, ähnlich viel wie heute.

Dave Jones, Analyst beim britischen Klima-Thinktank Ember, sieht in dem Kurswechsel der IEA ein wichtiges Signal. "Ich glaube nicht, dass irgendjemand das von der IEA erwartet hätte. Es ist eine große Wende", sagte er der Financial Times. Die Organisation habe fossile Energien bislang sehr positiv gesehen. "Jetzt mit so einer Forderung zu kommen, ist schlicht erstaunlich. Für die fossile Brennstoffindustrie ist das ein schwerer Schlag."

Der neue Report dient auch der Vorbereitung des UN-Klimagipfels COP 26 im Herbst in Glasgow, für den die Staaten verschärfte Klimaziele vorlegen sollen. Er wurde als Beitrag zu den Verhandlungen von der britischen COP-Präsidentschaft angefordert.

Der designierte COP-26-Präsident Alok Sharma sagte: "Ich begrüße diesen Bericht, der einen klaren Fahrplan zu Netto-Null-Emissionen aufzeigt und viele der Prioritäten teilt, die wir als kommende COP-Präsidentschaft gesetzt haben – dass wir jetzt handeln müssen, um saubere Technologien in allen Sektoren auszubauen und sowohl Kohlekraftwerke als auch umweltverschmutzende Fahrzeuge im kommenden Jahrzehnt auslaufen zu lassen."

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