Lösen wir die globale Plastikkrise? In Genf hat die entscheidende Verhandlungsrunde für ein UN-Abkommen dazu begonnen. Delegierte aus über 170 Ländern tagen hier seit Dienstag. Ziel ist ein verbindlicher Vertrag, der die immer dramatischeren ökologischen und gesundheitlichen Folgen der Kunststoff-Nutzung eindämmen soll.
Die Dringlichkeit ist unbestritten. So gelangen jährlich schätzungsweise elf Millionen Tonnen Plastik in die Meere – eine Zahl, die sich bis 2040 mehr als verdoppeln könnte, falls nichts geschieht.
In Entwicklungsländern führt vor allem die mangelhafte Entsorgung des Mülls zu Problemen. Und Mikroplastik findet sich inzwischen überall in unserer Atemluft, im Trinkwasser, im Blut und sogar in der Plazenta von Ungeborenen.
Doch Einigkeit über die Lösungen gibt es nicht. Im Gegenteil: Die Fronten zwischen den Staaten sind verhärtet. Vor allem zwei Lager prallen aufeinander.
Auf der einen Seite die "Allianz der Ambitionierten". Wortführer sind etwa die EU, Norwegen und Ruanda. Sie wollen an die Wurzel des Problems heran: weniger Neuplastik, klare Produktionsobergrenzen, Verbote für unnötige Einwegprodukte, strikte Recyclingquoten. Ihr Motto: Wer den Hahn zudreht, muss nicht ständig die Überschwemmung beseitigen.
Auf der anderen Seite stehen Staaten wie die USA, China und Saudi-Arabien, allesamt Öl- und Gasproduzenten oder Länder mit einer starken petrochemischen Industrie. Sie reden gerne über besseres Recycling – aber bitte, ohne die Plastikproduktion anzutasten. Denn Kunststoffe sind für sie ein Milliardengeschäft.
Die Ölproduzenten wollen ihren Absatz retten
Vor drei Jahren, als die UN-Umweltversammlung in Nairobi den einstimmigen Beschluss fasste, ein globales Plastikabkommen zu schließen, war das eine Sensation angesichts der sich damals schon abzeichnenden Konfliktlage.
Die fünf Verhandlungsrunden seither zeigten allerdings, wie schwierig die Gegensätze aufzulösen sind. Die letzte Konferenz in Busan in Südkorea floppte sogar total. Die Verhandler gingen auseinander, das geplante Abkommen kam nicht zustande. Nun findet in Genf das Nachsitzen statt.
Für die Industrie und die Länder, die ihre Interessen vertreten, steht viel auf dem Spiel. In Hochglanzbroschüren und PR-Kampagnen versprechen sie Innovationen, die das Problem angeblich lösen können – etwa chemisches Recycling, das aus Plastikmüll wieder einen Rohstoff macht, oder biologisch abbaubare Kunststoffe.
Klingt gut, löst aber das Grundproblem nicht: Weltweit wird einfach zu viel (Einweg-)Plastik produziert, und die Mengen sollen nach den einschlägigen Prognosen noch weiter wachsen.
Im Hintergrund steht hier, dass die Ölländer ihren Absatz hoch halten wollen, während die Nutzung von Erdöl im Verkehr und bei der Hausheizung unweigerlich zu Ende geht. Das erklärt die Härte, mit der verhandelt wird.
In Genf wird es entscheidend darauf ankommen, ob die "Ambitionierten" eine gemeinsame Linie mit der großen Gruppe der Entwicklungsländer finden können, die zwar unter der Plastikflut leiden, aber fürchten, dass strikte Vorgaben ihre ohnehin fragilen Ökonomien treffen.
Sie haben recht: Ohne Finanzhilfen, Technologietransfer und Unterstützung beim Aufbau moderner Abfallwirtschaft ist ein radikaler Kurswechsel für sie kaum machbar. Deswegen muss hierfür eine Finanzierung sichergestellt werden, etwa durch eine Abgabe, die von den Plastikherstellern zu tragen ist.
Nur wenn der Druck auf die Blockierer groß genug wird, kann Genf ein Erfolg werden. Ein Abkommen, das in der Praxis wie Mikroplastik zerbröselt, braucht die Welt nicht. Nötig sind klare, verbindliche Reduktionsziele, ein Plan für eine geschlossene Kreislaufproduktion, internationale Hilfen für die armen Länder – und Kontrollen für die Umsetzung.
