Deutschland verliert seine Vorreiterrolle zusehends. Die Bundesrepublik ist im Länder-Ranking des neuen "Klimaschutz-Index", der am Dienstag auf dem UN-Gipfel im brasilianischen Belém vorgestellt wurde, wegen verschlechterter Klimapolitik deutlich abgerutscht.
Einen extremen Absturz erlebten hier die USA unter ihrem "fossilen" Präsidenten Donald Trump. Hoffnung macht unterdessen der weltweit mit Abstand größte CO2-Emittent China, der erstmals ein Sinken seiner Emissionen angekündigt hat.
Der Klimaschutz-Index ("Climate Change Performance Index") wurde erstmals 2005 auf dem UN-Gipfel im kanadischen Montreal veröffentlicht. Er hat sich in den 20 Jahren zum viel beachteten Instrument der klimapolitischen Bewertung entwickelte.
Erarbeitet wird das Ranking von der deutschen Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch und dem Thinktank New Climate Institute. Es bewertet 63 Länder plus die EU, die zusammen für mehr als 90 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind.
In dem aktuellen Index wird auch eine Bilanz der Dekade seit Verabschiedung des Pariser Klimavertrags im Dezember 2015 gezogen. Danach sind durchaus einige Fortschritte zu verzeichnen: leicht sinkende globale Emissionen pro Kopf, massiv wachsende erneuerbare Energien sowie Investitionen in die Elektrifizierung.
Hinzu kommt, dass inzwischen über 100 Länder, also mehr als die Hälfte weltweit, langfristige Klimaziele für netto null Emissionen aufgelegt haben, darunter die EU-Staaten für 2050, China für 2060 und Indien für 2070. Allerdings: Sie reichen längst nicht, um auf einen 1,5-bis-zwei-Grad-Erwärmungspfad zu kommen.
Alte und neue Vorreiter
"Fortschritte sind über die Jahre unübersehbar. Unser Index zeigt in einzelnen Kategorien wie Emissionen oder erneuerbare Energien deutlich mehr Länder als früher mit guten oder sogar sehr guten Ergebnissen", sagte Thea Uhlich von Germanwatch zur Vorstellung des Rankings in Belém.
Aber gerade bei den Großemittenten der G20 – also den Industrie- und Schwellenländern – hätten die positiven Tendenzen für Erneuerbare und Elektrifizierung zu spät begonnen, um die notwendigen Emissionsminderungen zu erreichen. Laut dem UN-Klimarat IPCC müsste der globale CO2-Ausstoß bis 2030 mehr als halbiert werden, um die 1,5 Grad zu halten. Zuletzt stieg er hingegen weiter an.
Die ersten drei Plätze des Rankings blieben wie in den früheren Jahren unbesetzt. Mit anderen Worten: Kein einziges Land tut genug. Dänemark schafft es immerhin auf Platz vier, und zwar schon das fünfte Jahr in Folge – unter anderem wegen des weit fortgeschrittenen Ausbaus der Erneuerbaren.
"Dänemark ist mittlerweile so eine Art FC Bayern München des internationalen Klimaschutzes", kommentierte Uhlich das. Doch auch unter den anderen Ländern gibt es in einzelnen Kategorien – wie CO2-Emissionen, erneuerbare Energien, Energienutzung und Klimapolitik – überraschende Vorreiter. Dazu zählt etwa das Entwicklungsland Pakistan dank sehr niedriger Pro-Kopf-Werte bei Emissionen und Energienutzung.
In der Gesamtwertung folgen hinter Dänemark auf den Plätzen fünf und sechs Großbritannien und Marokko. Letzteres sorgt laut der Index-Bilanz im Klimaschutz seit einigen Jahren für Aufsehen. Marokko erreicht in allen Kategorien außer erneuerbaren Energien die Bewertung "gut", und bei den Erneuerbaren zeigt sich immerhin ein positiver Trend.
Niklas Höhne vom New Climate Institute fasst das so zusammen: "Marokko hat mit 2,6 Tonnen pro Kopf noch immer sehr niedrige Emissionen und überzeugt mit großen Investitionen in den öffentlichen Verkehr sowie einem relativ ambitionierten neuen Klimaziel für 2035."
Viele EU-Staaten haben Deutschland überholt
Die G20-Staaten, die zusammen für fast 80 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich sind, liefern laut Germanwatch ein besorgniserregendes Bild. Zwar gibt es mit Großbritannien ein G20-Land in der Spitzengruppe (Platz fünf), zehn der 20 Staaten liegen allerdings im untersten Bereich, eingestuft als "sehr schlecht" (Plätze 52 bis 67).
Germanwatch-Experte Jan Burck sagte dazu: "Bei den G20 zeigt sich der Konflikt um das Ende des fossilen Zeitalters wie unter dem Brennglas. Wir haben eine Gruppe der Petrostaaten, die das fossile Zeitalter um jeden Preis fortsetzen will: arabische Staaten, die USA, Russland, teilweise auch Kanada und Australien."
Die Mehrheit der G20 wolle das nicht, zeige aber Schwächen beim Abbau der Emissionen, beim Erneuerbaren-Ausbau und bei der Elektrifizierung sowie bei progressiver Klimapolitik. Immerhin fänden sich aber auf drei von fünf Plätzen in der Spitzengruppe der Kategorie Klimapolitik G20-Länder: neben Großbritannien auch China und der Belém-Gastgeber Brasilien. Bei den Erneuerbaren lägen Brasilien (Platz neun) und China (15) immerhin im obersten Mittel-Bereich.
Deutschland, ebenfalls G20-Land, erhielt im aktuellen Ranking mit Platz 22 die schlechteste Platzierung seit sechs Jahren. Germanwatch-Bewertung: "In fast allen Kategorien ist das Land ins Mittelmaß abgerutscht und wird somit von fast der Hälfte der EU-Staaten überholt."
Gründe dafür seien die angekündigten Rückschritte in Teilen der Klimapolitik, der starke Fokus auf Erdgas und die Tatsache, dass in den Problemsektoren Verkehr und Gebäude noch immer Maßnahmen zur Emissionssenkung fehlen.
Nur bei der Energienutzung schneidet Deutschland mit Platz 13 noch relativ gut ab. Mit dem anstehenden Klimaschutzprogramm müsse die Bundesregierung "in den kommenden Wochen entscheidende Weichen stellen, um wieder auf Kurs zu kommen", sagte Experte Burck.
China zwischen Ökostrom-Boom und Fossil-Tradition
Die Europäische Union zeigt ein uneinheitliches Bild. Die EU insgesamt (Rang 20) sowie die beiden größten Länder Deutschland (22) und Frankreich (21) liegen beieinander im Bereich "mäßig", wo sich auch weitere sieben der 27 Länder finden. Acht EU-Staaten werden als "gut" bewertet, zehn als "schlecht", darunter der größte Absteiger der EU-Länder, Österreich (35).
Eine positive Überraschung ist Rumänien, das auf Rang 16 hochrückt und erstmals in "gut" landet. Erklärung: Rumänien habe sich relativ ambitionierte Ziele für einige Sektoren gesetzt, den Windkraft-Ausbau im Schwarzen Meer erleichtert und einen Kohleausstieg eingeleitet.
China, das allein für ein Drittel des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, verharrt trotz des beispiellosen Booms bei Solar- und Windenergie, E‑Autos und Stromspeichern noch im Bereich "sehr schlecht" auf Rang 54. Peking erhielt zwar gute Noten in der Klimapolitik, unter anderem wegen eines nationalen Klimaziels für 2035, das erstmals eine absolute Emissionssenkung um sieben bis zehn Prozent gegenüber dem möglicherweise bereits erreichten "Peak" vorsieht.
Bei der Höhe der Emissionen bleibt China allerdings noch "sehr schlecht". Dank des sehr guten Trends bei den erneuerbaren Energien – China führt dort die Rangliste an – reicht es in der Erneuerbaren-Kategorie insgesamt für ein "mittelmäßig".
Höhne sagte dazu: "Wir sehen klare Anzeichen, dass der Emissionshöhepunkt in China bald erreicht sein könnte." Es sei nun entscheidend, dass China nicht nur grüne Technologien weiter im Rekordtempo ausbaut, sondern gleichzeitig zügig aus Kohle, Erdgas und Erdöl aussteigt. "Letzteres passiert bisher noch zu wenig."
