Der russische Wald im Nebel des Krieges

Seit 2011 war Russland auf dem Weg zu einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung ein großes Stück vorangekommen. Der Anreiz, den die europäischen Standards dazu gaben, fällt mit den Sanktionen weg. Experten zeigen sich dennoch nicht ganz pessimistisch.


Satellitenaufnahme vom August 2021: Brände in Jakutien
Auch der Klimawandel bedroht Russlands Wälder: 2021 wurden dort so große Flächen durch Waldbrände vernichtet wie noch nie. (Foto: NASA)

Russland wird, besonders mit seinen Gebieten östlich des Ural, als ein "Land der Wälder" wahrgenommen. Nach Angaben der Naturschutzorganisation WWF gibt es in Russland zwölf Millionen Quadratkilometer boreale Wälder, die, als ein einheitliches Naturgebiet betrachtet, die Fläche des Amazonasregenwaldes übertreffen. Insgesamt entfällt auf Russland ein Fünftel der Waldreserven der Erde.

Die russische Regierung ist es gewohnt, diese beträchtlichen Waldgebiete als eine wertvolle Ressource zu betrachten, die sowohl eine Quelle von industriellen Rohstoffen – unter anderem für den Export – als auch ein klimapolitisches Instrument darstellt. Die russischen Verpflichtungen im Rahmen des Pariser Klimaabkommens – Reduzierung der Treibhausgasemissionen bis 2030 auf 30 Prozent des Niveaus von 1990 – enthalten jedenfalls eine Klausel, wonach sie "unter maximaler Berücksichtigung der Absorptionskapazität der Wälder und anderer Ökosysteme" erfüllt werden.

Gleichzeitig arbeitet Russland an der Entwicklung seiner holzverarbeitenden Industrie, deren Erzeugnisse bisher zu einem erheblichen Teil exportiert wurden. Nach Ausbruch des Krieges mit der Ukraine am 24. Februar wurden infolge der verhängten Sanktionen und freiwilliger Entscheidungen zahlreicher Unternehmen viele Lieferketten unterbrochen, durch die Russland mit der Welt verbunden war.

Auch russisches Holz war davon betroffen. Das gilt auch für diejenigen, die in Russland Forstwirtschaft nach den Standards einer nachhaltigen Bewirtschaftung betrieben haben.

Kein FSC-Holz aus Russland mehr

"Im März 2022 war Russland das Land mit der größten Fläche an FSC-zertifizierten Wäldern", sagt Andrej Schtschjogolew, Leiter des Waldprogramms beim WWF Russland. Bei FSC handelt es sich um eines der wichtigsten und am weitesten verbreiteten internationalen Zertifizierungssysteme, die gewährleisten, dass das Holz unter Einhaltung der Grundsätze einer nachhaltigen Forstwirtschaft geerntet wird.

 

Nach Angaben von Nikolai Schmatkow, Leiter des FSC-Büros in Russland, verfügt ein Drittel aller zur Holzgewinnung verpachteten Waldflächen mit einer Gesamtfläche von 62,4 Millionen Hektar über die entsprechenden Zertifikate.

Am 8. März beschloss FSC International, alle FSC-Handelszertifikate für Russland und Belarus zu annullieren. Jetzt kann für sämtliche Erzeugnisse aus russischem Holz kein Nachweis mehr erlangt werden, dass sie nachhaltig hergestellt wurden.

Damit ist den russischen Herstellern der Zugang zu den europäischen Märkten nahezu vollständig versperrt. Außerdem enthielt das fünfte EU-Sanktionspaket vom April dieses Jahres ein Verbot für die Lieferung von Holz, Schnittholz und Zellulose aus Russland.

Im Ergebnis ist der für die russischen Hersteller traditionelle und attraktive europäische Markt praktisch nicht mehr zugänglich. Bisher stellte der Wunsch, auf diesen Märkten tätig zu werden, einen der Anreize zur Entwicklung einer nachhaltigen Forstwirtschaft in Russland dar.

Die Einführung der FSC-Zertifizierung in Russland 2011 war ein wichtiger Schritt, um in der Branche moderne Nachhaltigkeitsstandards durchzusetzen. "In den letzten Jahren wurde die Nachfrage nach FSC-Holz nicht nur durch Exporte gewährleistet, auch auf dem Inlandsmarkt waren große westliche Unternehmen aktiv. Ikea, Tetra Pak und Leroy Merlin benötigen ebenfalls zertifiziertes Holz", erläutert Schmatkow.

Wenn diese Unternehmen Russland verlassen oder ihre Aktivitäten herunterfahren, sinkt auch die Nachfrage nach Zertifizierung. "Durch die freiwillige Zertifizierung konnten in Russland etwa 20 Millionen Hektar wertvoller Waldflächen erhalten werden", unterstreicht Schtschjogolew. Rund die Hälfte davon wurde allein nach den internen FSC-Regeln unter Schutz gestellt.

Der Faktor China

FSC International hat allerdings beim Annullieren der russischen Zertifikate eine wichtige Ausnahme gemacht: Die Waldpächter, die nach FSC-Regeln wirtschaften, behalten ihre Zertifizierung. "Wenn die Sanktionen einmal wieder aufgehoben werden, muss es Waldgebiete geben, in denen zertifizierte Produkte geerntet werden können. Sonst müssen wir wieder bei null anfangen", sagt Michail Julkin, Klimapolitikexperte und Chef der Beratungsfirma Carbon Lab.

Die Frage ist, ob den Pächtern dieser Anreiz ausreicht. Schmatkow sagt, ihm sei bekannt, dass ein großes Unternehmen, das im Gebiet Tomsk in Westsibirien 800.000 Hektar Wald gepachtet hatte, nach Bekanntwerden der FSC-Entscheidung auf die Zertifizierung seiner Waldflächen verzichtet hat.

Auch der "chinesische Faktor" könnte zum Verzicht auf die Zertifikate anregen. Laut Daten der Weltbank hat China 2019 Holz im Wert von 4,3 Milliarden US-Dollar aus Russland bezogen, während sich die Gesamtexporte in die EU-Länder auf 2,7 Milliarden Dollar beliefen. Den Daten der China Timber & Wood Products Distribution Association (CTWPDA) ist zu entnehmen, dass in der ersten Jahreshälfte der Jahre 2019 und 2020 jeweils etwa 60 Prozent der chinesischen Nadelschnittholzimporte auf Russland entfielen.

Nach dem Ende des russischen Holzhandels mit Europa nimmt die Dominanz Chinas als Hauptimporteur von Holzprodukten aus Russland deutlich zu. Auf dem chinesischen Inlandsmarkt spielt es kaum eine Rolle, ob im Ausland ökologische Normen eingehalten werden. "China wird jetzt auf dem Markt mit harten Bandagen kämpfen und seine Bedingungen für Preise und Holzeinschlag durchsetzen. Das ist eine Bedrohung für unsere wertvollen Wälder", sagt Schmatkow.

Experten setzen auf anhaltende Nachfrage

Zurzeit arbeitet Nikolai Schmatkow zusammen mit dem ehemaligen russischen FSC-Büro an der Entwicklung eines nationalen Zertifizierungssystems mit dem Namen "Lesnoj Etalon" (Wald-Standard), das auf offenen FSC-Standards basiert. "Ich hoffe, dass die Nachfrage nach einer wie auch immer gearteten Zertifizierung von russischem Holz aufrechterhalten bleibt", sagt Schmatkow.

"Auch außerhalb Europas will kaum jemand in einen Skandal wie die Abholzung eines Nationalparks verwickelt werden." Schmatkow geht davon aus, dass die in Russland verbliebenen großen Einzelhändler auch zukünftig Wert auf das Vorliegen eines Zertifikats legen werden, vor allem Leroy Merlin.

Einige Entwicklungen in der russischen Gesetzgebung zeigen jedoch, dass die Wälder den neuen Usancen des unerklärten Krieges zum Opfer fallen könnten. Da wäre beispielsweise ein Gesetzentwurf des Verteidigungsministeriums, der sich derzeit in der öffentlichen Anhörung befindet. Sollte dieser Entwurf Gesetz werden, dann kann für den "Verteidigungsbedarf" alles abgeholzt werden, und zwar ohne Genehmigung. Der Gesetzentwurf enthält keine Definition des Begriffs "Verteidigungsbedarf", womit eine sehr breite Auslegung zu erwarten ist.

Man kann nicht unbedingt davon auszugehen, dass die gesamte russische Forstwirtschaft die etablierten Nachhaltigkeitsstandards unverzüglich aufgeben möchte.

"Die meisten großen Forstwirtschaftsunternehmen in Russland haben erklärt, dass sie ihre bisherigen Verpflichtungen im Rahmen von FSC weiter einhalten werden", sagt Schtschjogolew vom WWF. "Sie haben bereits eine gewisse Unternehmenskultur entwickelt, die sich auf nachhaltige Entwicklung orientiert. Hier gibt es bewährte Mechanismen, die sie bislang nicht aufgeben wollen."

Michail Julkin, dessen Unternehmen Carbon Lab Beratung zur Dekarbonisierung anbietet, stellt ebenfalls fest, dass die Forstwirtschaftsbetriebe an seinen Dienstleistungen interessiert sind und sich mit ziemlich komplexen Aufträgen an ihn wenden, die auf einer langfristigen Strategie basieren. Für Julkin ist klar: "Der jetzige Alptraum wird ein Ende haben, wir werden in die große Wirtschaft zurückkehren müssen, und da sollten wir möglichst gut vorbereitet sein."

Den Beitrag in russischer Sprache finden Sie hier.

Wie diese Artikelserie entstand

Im August 2021 begannen unabhängige Journalist:innen und Expert:innen sich in einem Projekt der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) mit der Frage zu befassen, wie Russland das Pariser Klimaabkommen einhalten und zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise finden kann. Das Land ist weltweit einer der größten Emittenten von Treibhausgasen, seine Ökonomie ist eng mit der Nutzung fossiler Brennstoffe verbunden. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine löste zudem eine scharfe Debatte aus, welche Rolle das Land in der internationalen Klima-Gemeinschaft noch einnehmen kann.

 

Grafik: Links ein Wärmekraftwerk mit rauchenden Schornsteinen und dampfenden Kühltürmen, rechts ein Nadelwald und ein großes Windrad – dazu der Schriftzug: Wie steht es um die Klimapolitik in Russland?
Illustration: Kristin Rabaschus

Klimareporter° möchte zu dieser Debatte beitragen und veröffentlicht im Rahmen des DGO-Projekts entstandene Texte in einer Beitragsserie.

 

Aufgrund der Repressalien, denen Journalist:innen und Expert:innen seitens der russischen Regierung ausgesetzt sind, werden einige Texte unter Pseudonym veröffentlicht.

 

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