Hartmut Graßl. (Bild: Christoph Mischke/​VDW)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporter°: Herr Graßl, die Millionenstadt Belém im Amazonasgebiet war symbolträchtiger Ort für den 30. Weltklimagipfel. Trotz Fortschritten beim Waldschutz oder bei der Anpassungs-Finanzierung konnte die COP 30 die Erwartungen nicht erfüllen, vor allem gab es keine Einigung auf einen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen. Wie bewerten Sie die Klimakonferenz?

Hartmut Graßl: Die 30. Vertragsstaatenkonferenz zur UN-Klimakonvention wurde vom Exekutivsekretär der Konvention, Simon Stiell, in einem Satz sehr gut zusammengefasst: "A new economy is rising, while the old polluting one is running out of road."

Es entsteht also eine neue Wirtschaft, während die alte, umweltschädliche an ihre Grenzen stößt.

Stiell spricht damit an, dass etwa die Hälfte der Vertragsstaaten in Belém aus den fossilen Brennstoffen aussteigen wollte, aber einige Hardliner wie die arabischen Ölstaaten und die Russische Föderation, die extrem stark von fossilen Brennstoffen abhängig sind, sich überhaupt keinen Ausstieg vorstellen können.

In meinen Worten: Der Siegeszug der beiden zentralen erneuerbaren Energien, Sonne und Wind, lässt sich wegen ihrer geringen Kosten im Vergleich zu Kohle, Erdöl und Erdgas kaum noch bremsen. Außerdem hat Brasiliens Präsident Lula da Silva in Belém seinen Intimfeind vorgeführt, den Präsidenten der Noch-Weltmacht an der Seitenlinie, dem viele Länder seine Lügen zum Klimawandel auch nicht glauben.

Die COP 30 war in anderen Teilbereichen relativ erfolgreich. So wurde eine Verdreifachung der Mittel für Anpassungsmaßnahmen vereinbart, was für die besonders vom anthropogenen Klimawandel betroffenen Länder dringend notwendig ist.

Auch den überfälligen Regenwaldfonds hat Brasiliens Präsident einrichten können, in den Deutschland eine Milliarde Euro einzahlen wird. Weil die COP 30 in einem demokratischen Land stattfand, wurde in Belém auch klar, dass Klimaschutz für das Überleben indigener Bevölkerungsgruppen im tropischen Regenwald Voraussetzung ist.

Vor zehn Jahren wurde das Pariser Klimaabkommen beschlossen. Sein Ziel, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist nicht mehr erreichbar. Einige Klimaforscher halten sogar einen Temperaturanstieg um bis zu drei Grad schon bis 2050 für möglich. Wie schauen Sie heute auf den Klimavertrag?

Das Paris-Abkommen als Teil der UN-Klimarahmenkonvention ist seit neun Jahren völkerrechtlich bindend. Es fordert, die mittlere globale Erwärmung seit Beginn der Industrialisierung wesentlich unter zwei Grad Celsius zu halten.

Wegen der Schwankungen der mittleren Lufttemperatur an der Erdoberfläche von Jahr zu Jahr sollte zur Berechnung der schon erreichten mittleren Erwärmung nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich gemittelt werden.

Im Jahrzehnt von 2015 bis 2024 war die Lufttemperatur bereits um 1,25 Grad erhöht, sodass bei noch immer nicht sinkenden globalen Treibhausgasemissionen das laut Paris-Abkommen "anzustrebende" Ziel von 1,5 Grad sehr wahrscheinlich nicht mehr erreichbar ist.

Angesichts des in Belém nicht erreichten Fahrplans zum Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen ist es dennoch falsch, am Paris-Abkommen zu rütteln.

Die vielen vom Klimawandel ausgelösten zusätzlichen Naturkatastrophen und die dadurch weiter zunehmenden Fluchtbewegungen in den betroffenen Ländern und in die westlichen Demokratien werden die Leugner des Klimawandels wie den amerikanischen Präsidenten als das zeigen, was sie sind, nämlich Lügner oder Scharlatane. Auch die Besitzer fossiler Brennstoffe werden gegenüber den preiswerten erneuerbaren Energien langfristig immer stärker verlieren.

Es ist wenig hilfreich, wenn wir Wissenschaftler die Debatte einseitig beeinflussen, indem wir nur obere Abschätzungen der Erwärmung bei einer vom Klimawandel unbeeinflussten globalen Wirtschaftskraft geben.

Deutschland verliert seine Vorreiterrolle beim Klimaschutz zusehends. Die Bundesrepublik rutschte im neuen "Klimaschutz-Index" deutlich ab und landete nur noch auf Platz 22 des Länder-Rankings, hinter Ländern wie Pakistan oder den Philippinen. Wo sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf in der deutschen Klimapolitik?

Dass die neue Regierung in Deutschland den Klimaschutz geringer bewerten würde als die Vorgängerregierung, war abzusehen. Wie ich vorausgesagt hatte, misst sie ihm hohe Bedeutung in ihren Sonntagsreden zu, fasst aber keine neuen Beschlüsse zum Erreichen der Ziele des Klimaschutzgesetzes und macht in der EU Vorschläge zur Aufweichung des Klimaschutzes. Sie folgt damit der Grundeinstellung des konservativen Teils der CDU.

Die Quittung für diese Politik ist der Abstieg im globalen Klimaschutz-Index um volle sechs Ränge. So opfert die Regierung wegen erhoffter kurzfristiger Zugewinne beim Bruttoinlandsprodukt die langfristigen als Industrienation.

Ich hoffe, dass sie wenigstens die Unterstützung für Technologien mit offensichtlichen physikalischen wie ökonomischen Vorteilen bei der Transformation des Energiesystems beibehält: Wärmepumpen für Eigenheime, Mietshäuser und Fernwärmenetze, ebenso Elektroautos.

Dringlich wäre, die Speicherung elektrischer Energie für Zeitabschnitte von einigen Stunden auszuweiten und dazu auch den "Kraftwerkspark" geladener Autobatterien durch Anreize im Elektroversorgungssystem bereitzustellen. So ließe sich der "Rettungsanker bei Dunkelflauten" – die neuen erdgasbefeuerten Kraftwerke – drastisch reduzieren.

Einem europäischen Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Meteorologie und des Deutschen Klimarechenzentrums gelang es, einen "digitalen Zwilling" des Erdsystems – inklusive Atmosphäre, Meeren, Land und komplettem Kohlenstoffkreislauf – mit einer horizontalen Auflösung von 1,25 Kilometern zu schaffen und innerhalb eines Computer-Rechentages den Verlauf von mehr als vier Monaten zu simulieren. Wozu braucht die Wissenschaft derartige Rechenleistungen?

Mit höherer räumlicher Auflösung führen Simulationsmodelle zu wesentlich realistischerer Beschreibung, wenn das zu beschreibende System sehr kleinräumig organisiert ist. Im Klimasystem sind das zum Beispiel die Wolken, aber auch die Böden mit der zugehörigen Vegetation sowie die Siedlungen der Menschen.

Deshalb hat jetzt das europäische Forschungsteam den hochkarätigen Gordon-Bell-Preis für Klimamodellierung in den USA erhalten, weil es unter besonders effizienter Nutzung der beiden größten europäischen Rechner das Erdsystemmodell ICON des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg nicht nur mit der genannten Auflösung, sondern auch bei über viermonatigem Zeitgewinn pro Rechentag vorgestellt hat.

ICON steht für "Icosahedral Nonhydrostatic" und ist ein globales Wettervorhersagemodell des Deutschen Wetterdienstes, das in Hamburg zum Klima- und Erdsystemmodell weiterentwickelt worden ist.

Daniel Klocke, der Hauptautor der ausgezeichneten Veröffentlichung, war der erste Meteorologiestudent, der bei der Umstellung des Studiums auf die Abschlüsse Bachelor und Master an der Universität Hamburg eine hervorragende Bachelor-Arbeit verfasst hat.

Die Klimaforscher nutzen seit Jahrzehnten die jeweils größten Rechner, um möglichst viele Prozesse im Erdsystem direkt auflösen zu können. Dadurch hat die Qualität ihrer Ergebnisse mit der Rechenleistung zugenommen.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Das ist die Schaffung einer Basis für das Wissen über die biologische Vielfalt in Deutschland.

Als die zwei wichtigsten Umweltprobleme werden meist der Klimawandel und der Verlust der biologischen Vielfalt genannt. Während für den Klimawandel ein immer dichteres globales Beobachtungsnetz existiert, wissen wir noch längst nicht, welche biologische Vielfalt wo vorhanden ist. Das behindert solide Aussagen zur Biodiversität.

Deshalb hat mich überrascht, dass eine große Gruppe auf diesem Gebiet forschender Institutionen in der jungen Zeitschrift NPJ Biodiversity aus dem Verlag Springer Nature darüber schreibt, wie eine solide Wissensbasis über die Biodiversität in Deutschland geschaffen werden könnte. "Unknown Germany – An integrative biodiversity discovery program" heißt der Artikel.

Während Wirbeltiere und Pflanzen relativ gut dokumentiert sind, bleiben große Lücken bei Insekten und anderen Wirbellosen, Pilzen und Bakterien sowie anderen Gruppen, für die es keine Inventuren und noch keine "Rote Listen" gibt.

Obwohl wir wissen, dass unser Leben von der Biodiversität getragen wird und schrumpfende Biodiversität es bedroht, beginnen wir erst jetzt mit einer Inventur. Ich danke den Kollegen für ihre Initiative.

Fragen: Jörg Staude