Klimareporter°: Frau Patel, in diesem Sommer kosteten Starkregen und Überschwemmungen im Norden Chinas viele Menschen das Leben – in Peking, aber auch in den Regionen Hebei, Gansu und der Inneren Mongolei. Naturkatastrophen und Extremwetter sind in China keine Seltenheit: Ob Sandstürme, Taifune oder Dürren, die Volksrepublik erlebt regelmäßig die "Macht der Naturgewalten". Können Sie uns einen kurzen regionalen und historischen Überblick geben?
Anika Patel: Naturkatastrophen sind in China nichts Neues – Überschwemmungen und Hungersnöte haben die historische Entwicklung des Landes stark geprägt. Neu ist jedoch, dass extreme Wetterereignisse immer häufiger auftreten. Sowohl die Regierung als auch Wissenschaftler:innen führen das klar auf den Klimawandel zurück.
In den vergangenen Jahren sind die Durchschnittstemperaturen in fast allen Regionen Chinas kontinuierlich gestiegen. Viele Regionen meldeten in diesem Sommer Rekordhitze – teils über 40 Grad. Es ist absehbar, dass China auch in Zukunft immer neue Rekordjahre erleben wird.
Ganz grob gesagt gilt: Im Norden und Westen ist es eher trocken, während der Süden und Osten, besonders die Küsten und die an Südostasien grenzenden Provinzen wie Yunnan und Guizhou, heißer und feuchter sind. Zudem gibt es die sogenannten "Glutofen-Städte", vor allem im Süden, wo die Temperaturen regelmäßig in den hohen 30er-Bereich steigen.
Doch wissenschaftliche Analysen zeigen, dass der Klimawandel diese Muster zunehmend verschiebt – insbesondere im Norden. In den nördlichen und zentralen Provinzen, Chinas "Kornkammer", treten Dürren mittlerweile häufiger auf und dauern länger an. Hilfsorganisationen berichten, dass viele Landwirt:innen kaum wissen, wie sie damit umgehen sollen.
Taifune haben sich geografisch zwar nicht verändert: Da sie sich über dem Meer bilden, konzentrieren sie sich weiterhin auf die Küstenregionen. Doch durch die zusätzliche Wärme werden sie stärker.
Anika Patel
ist China-Analystin beim britischen Klima-Nachrichtenportal Carbon Brief, wo sie über die Energie- und Klimapolitik sowie internationale Klimadiplomatie Chinas berichtet. Zuvor arbeitete sie als Politikanalystin in Peking, zuletzt bei einer US-Consultingagentur. Sie studierte Chinesisch an der SOAS University of London und Internationale Beziehungen an der Peking-Universität.
Wie sieht die Katastrophenhilfe der chinesischen Regierung aus?
Das hängt von der Art der Katastrophe ab. Bei Überschwemmungen und Taifunen organisiert die Regierung in der Regel Evakuierungen, Such- und Rettungsaktionen, aber auch Wiederaufbaufonds. Bei Dürren geht es eher um finanzielle Hilfe: Unterstützung für Landwirt:innen, Neuverhandlungen von Krediten oder Subventionen. In den Medien so stark sichtbare Notfalleinsätze wie bei Hochwasser gibt es in diesem Fall nicht.
China verfügt seit Langem über feste Mechanismen für den Katastrophenschutz. Neu ist jedoch die Aufmerksamkeit für extreme Hitze. Nach mehreren Rekordsommern testet die Regierung derzeit ein System zur "Hitze-Gesundheitswarnung". Es soll das Bewusstsein schärfen und den lokalen Behörden einheitliche Vorgaben machen, wie sie Gemeinden während Hitzewellen schützen können.
Das ist ein innovativer Ansatz, aber der Umfang der Unterstützung hängt stark von den Ressourcen der lokalen Regierungen ab. Nichtregierungsorganisationen berichten von deutlichen Unterschieden zwischen Stadt und Land sowie zwischen wohlhabenden und ärmeren Provinzen. Oft übernehmen lokale NGOs und Gemeinschaften eine Schlüsselrolle, um diese Lücken zu schließen.
Wie steht es um Präventionsmaßnahmen wie Frühwarnsysteme oder ökologische Wiederherstellung?
Prävention hat eindeutig Priorität. In seiner nationalen Klimaanpassungsstrategie legt China dar, wie es sich bis 2035 aufstellen will. Der Plan ist breit angelegt: Er umfasst die Risikobeobachtung, naturbasierte Lösungen wie Schwammstädte sowie eine engere Koordination zwischen Zentral- und Lokalregierung.
Das Konzept der Schwammstadt – also Feuchtgebiete und grüne Infrastruktur zu nutzen, um Regenwasser aufzufangen und zu halten – gilt als beispielhaft und wurde bereits in 60 Städten umgesetzt. Allerdings sind die Regenfälle inzwischen so extrem, dass Schwammstädte allein nicht ausreichen. Deshalb sucht China weiter nach neuen Technologien und Ansätzen.
Auf dem letztjährigen Klimagipfel in Baku hat China zudem ein Frühwarnsystem vorgestellt, ein "Early Warnings for All system". Damit hat sich die Volksrepublik erneut als globaler Anbieter öffentlicher Güter im Bereich der Klimaanpassung präsentiert – eine Rolle, die traditionell eher die USA gespielt haben.
Lässt sich sagen, wie stark der Zusammenhang zwischen der menschengemachten Klimakrise und dem Auftreten von extremen Wetterereignissen in China ist?
Es ist schwierig, einzelne Wetterereignisse direkt auf den Klimawandel zurückzuführen. Doch sogenannte "rapid attribution studies" zeigen, dass vor allem Hitze- und Starkregenereignisse sehr wahrscheinlich durch den Klimawandel verstärkt werden – sie treten häufiger auf, als es sonst der Fall wäre.
Historisch betrachtet tauchen Dürren, Überschwemmungen und andere Formen von Extremwetter regelmäßig in den Aufzeichnungen auf. Doch unter den Bedingungen der globalen Erwärmung häufen sich diese Ereignisse.
Jedes Jahr veröffentlicht die chinesische Regierung einen Bericht zur Klimaanpassung, in dem die Klima- und Wettertrends des vergangenen Jahres analysiert werden. Der jüngste Bericht zu 2024 verweist auf mehrere rekordverdächtige oder besonders verheerende Extremwetterereignisse.
Dazu gehörten die Überschwemmungen in den nördlichen Provinzen, Taifune, extreme Kälte und extreme Hitze – die ganze Bandbreite unterschiedlicher Wetterphänomene. In vielen Regionen wurden historische Niederschlagsrekorde gebrochen. Inzwischen nennt praktisch jeder Jahresbericht neue Rekorde für Hitze oder Starkregen.
Werden solche Katastrophen in der öffentlichen Debatte – also in Staatsmedien oder in den sozialen Medien – mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht?
Das ist eine sehr interessante Frage. Ich denke, seit 2021 hat sich hier einiges verschoben. Die damalige tödliche Flut in der zentralchinesischen Millionenmetropole Zhengzhou, gefolgt von anhaltenden Hitzewellen und Überschwemmungen, hat das Thema Klimawandel stärker auf die öffentliche Agenda gebracht. Inzwischen ist es viel präsenter in den Schlagzeilen.
Noch vor wenigen Jahren war es ungewöhnlich, dass Staatsmedien – die ja den offiziellen Diskurs widerspiegeln – den Klimawandel ausdrücklich erwähnten, wenn sie über Extremwetter berichteten. Agenturen wie Reuters weisen fast immer auf eine Verbindung zum Klimawandel hin, chinesische Medien taten das oft nicht.
In ausführlicheren Berichten über Wettertrends sieht man nun jedoch immer öfter, dass Vertreter:innen des Chinesischen Amts für Meteorologie oder anderer Behörden diesen Zusammenhang herstellen.
Selbst Wirtschaftsfunktionäre, die bei Klimapolitik eher zurückhaltend sind, räumen inzwischen ein, dass Extremwetter das Wachstum beeinträchtigt. In letzter Zeit haben zum Beispiel heftige Regenfälle die Industrieproduktion und den Kohleabbau behindert – und die NDRC, Chinas wichtigste Wirtschaftsbehörde, hat das öffentlich bestätigt.
In der Bevölkerung ist das Bewusstsein gemischt. Jüngere, gebildete, städtische Gruppen sehen den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Extremwetter deutlich häufiger. Aber insgesamt nehmen viele Menschen Hochwasser, Dürren oder Hitzewellen einfach wahr, ohne sie mit dem Klimawandel zu verbinden. Das gilt nicht allein für China – Ähnliches sehen wir auch in Großbritannien und anderswo.
Chinas Klima- und Umweltpolitik
China ist der größte Treibhausgasemittent der Welt, treibt aber auch den Ausbau der erneuerbaren Energien am schnellsten voran. Die Volksrepublik ist bei vielen "grünen" Technologien führend – und hat eine Schlüsselrolle bei der Weiterverarbeitung von Rohstoffen wie Kobalt und Lithium. Während China in der internationalen Klimapolitik eine prominente Position innehat, kommt es im Land immer wieder zu Protesten gegen Umweltverschmutzung. Die Serie wirft ein Auge auf Akteure und Debatten, Gesetze und Industrien in China.

Tatsächlich - warum wird sonst immer der Eindruck erweckt, das sei unsere Erfindung?