Versteckte Klimakosten

Der Ausstoß von Klimagasen bleibt auch nach fünf Jahren Paris-Abkommen auf Rekordhoch, beim Klimaschutz geht es kaum voran. Das liegt auch daran, dass die Kosten von Umwelt- und Klimaschäden nicht in den Preisen enthalten sind, wie eine Studie zum Fleischkonsum vorrechnet.


Fleisch- und Wurstregal im Supermarkt mit vielen Sonderangeboten
Billigfleisch ist tatsächlich eine sehr teure Angelegenheit. (Foto: Mappe-CN/​Flickr)

In knapp zwei Wochen jährt sich der Beschluss über das Pariser Klimaabkommen zum fünften Mal. Seit fünf Jahren gibt es einen verbindlichen internationalen Klimavertrag, es gibt starke Klimaziele, es gibt nationale Klimapläne.

Der Ausstoß von Treibhausgasen ist dennoch weiter auf Rekordhoch. Auch Corona hat daran nur wenig geändert. Die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre steigt weiter, wie die Auswertung neuer Daten der UN-Wetterorganisation WMO erst kürzlich zeigte.

Gründe gibt es dafür viele. Einer besteht darin, dass klimaschädliche Produkte und Verhaltensweisen nach wie vor mit großen Vorteilen verbunden sind.

Sie werden subventioniert, wie etwa das Fliegen durch die Steuerbefreiung von Kerosin. Sie werden privilegiert, wie der Autoverkehr, dem in Städten überproportional viel Platz eingeräumt wird. Und sie werden künstlich verbilligt, weil die Kosten der Umwelt- und Klimaschäden, die sie verursachen, nicht im Preis enthalten sind.

Umwelt und Klima zu schädigen wird so belohnt und attraktiver gemacht als sich klimafreundlich zu verhalten.

Was das beim Fleischkonsum bedeutet, hat nun das Hamburger Beratungsunternehmen Soil & More im Auftrag der Umweltschutzorganisation Greenpeace errechnet.

Demnach verursachen Erzeugung und Konsum von Rind- und Schweinefleisch in Deutschland pro Jahr externe Kosten von rund sechs Milliarden Euro, die auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Das entspricht in etwa der Summe, die deutsche Landwirt:innen jährlich an Subventionen erhalten.

Besonders eklatant ist das Verhältnis von wahren Kosten zum Erzeugerpreis bei Schweinefleisch aus konventioneller Landwirtschaft. Es liegt bei 100 Prozent. Das Fleisch müsste also eigentlich doppelt so teuer sein. Bei Bio-Schweinefleisch sind es hingegen nur 23 Prozent.

Fehlbetrag könnte noch größer sein

Konventionell produziertes Rindfleisch müsste 52 Prozent teurer sein, wenn sich die wahren Kosten in den Preisen niederschlagen würden, bei Bio-Rindfleisch sind es 50 Prozent.

"Würden die externen Kosten bei der Preisbildung am Markt berücksichtigt, wären viele konventionell erzeugten Lebensmittel teurer als ökologisch hergestellte Produkte", resümiert das Papier.

Der Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Martin Hofstetter spricht denn auch von "Marktversagen" und fordert die Bundesregierung auf, dies zu korrigieren.

"Intensive Tierhaltung für billiges Fleisch verseucht Trinkwasser, befeuert die Klimakrise und treibt die Waldzerstörung voran, ohne dass die dadurch entstehenden Kosten auf dem Preisschild auftauchen", sagt Hofstetter.

Dabei hat Soil & More sogar eher vorsichtig kalkuliert. Das Beratungsunternehmen nutzt eine Berechnungsmethodik der UN-Welternährungsorganisation FAO von 2014, die beispielsweise die Kosten für Biodiversitätsverluste sehr niedrig ansetzt.

Möglicherweise liegen die wahren Kosten der derzeitigen Lebensmittelproduktion also noch höher.

Die gemeinnützige britische Organisation Sustainable Food Trust hat bereits im vergangenen Jahr die externen Kosten im Lebensmittelbereich für Großbritannien untersucht. Ihre Studie ergab, dass die volkswirtschaftlichen Produktionskosten der konventionellen Landwirtschaft doppelt so hoch sind wie bisher angenommen.

Für jeden Euro, den Verbraucher:innen für Lebensmittel ausgeben, fällt demnach noch ein weiterer Euro an versteckten Kosten an.

Versteckte Kosten tauchen woanders wieder auf

Diese Kosten sind aber nicht einfach weg. Sie tauchen an anderer Stelle wieder auf, als höhere Gesundheitskosten und Krankenkassenbeiträge, eine teurere Wasserversorgung oder auch Steuergelder, die verwendet werden müssen, um die Umwelt- und Klimaschäden in den Griff zu bekommen.

Um die externen Kosten nicht länger auf die Allgemeinheit abzuwälzen, müsse Ordnungsrecht "konsequent angewendet werden, mit strengen Grenzwerten und scharfen Kontrollen, etwa beim Immissions- oder Gewässerschutz", fordert Greenpeace.

"Über Steuern oder Abgaben auf Fleisch könnten das Verursacherprinzip durchgesetzt und irreführende Preissignale für Verbraucherinnen und Verbraucher korrigiert werden." 

So könne auch die Nachfrage nach Billigfleisch gedämpft und so die Belastung für Umwelt und Klima gemindert werden, argumentiert die Umweltorganisation.

Derzeit sieht es noch anders aus. Wenn etwa das Handelsabkommen zwischen EU und Mercosur-Staaten zustande kommen sollte, könnte dies zu höheren Fleischimporten führen.

Bei Rindfleisch aus dem Mercosur-Land Argentinien ist die Kluft zwischen Erzeugerpreis und externen Kosten am allergrößten. Diese liegen um 372 Prozent über dem, was derzeit bezahlt wird, da auch die Transportkosten berücksichtigt werden müssen.

"Die Bundesregierung muss diesem Abkommen endlich eine klare Absage erteilen", sagt Greenpeace-Experte Hofstetter. "Sonst droht ein ruinöser Preiskampf, der die Existenz europäischer Betriebe mit höheren Standards gefährdet und Umwelt- und Klima massiven Schaden zufügt."

Die wahren Kosten transparent zu machen wäre auf jeden Fall ein erster wichtiger Schritt.

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