Das tägliche Geschäft in Shoppingcentern ähnelt sich: Trubel, Einkaufstaschen und Laden an Laden. Auch in den Schönhauser Allee Arcaden im Berliner Bezirk Pankow piepen die Kassen-Scans in einem fort. Doch bereits das Eingangsschild kündigt zwei ganz besondere Mitarbeiter an. Sie heißen Molly und Dolly.

In etwa 20 Metern Höhe, unter freiem Himmel und im heißen Sonnenschein, grasen die beiden Shropshire-Schafe. Seit rund zehn Jahren wird das Gründach des Centers zeitweise von Schafen beweidet, inzwischen übernehmen Molly und Dolly diese Aufgabe. Gut dreimal im Jahr für jeweils zwei Wochen sind die beiden auf dem Dach und pflegen es. Shropshire-Schafe stammen aus den West Midlands in England und sind besonders gut für die Landwirtschaft und die Pflege von Gründächern geeignet.

 

"Sie fressen selektiv, das heißt, sie machen nicht einfach alles nieder, wie viele andere Rassen, sondern wählen sehr gezielt aus. Deswegen kann man sie für solche Flächen einsetzen", erklärt Schäferin Nicola Kluftinger. Auf dem Speiseplan stehen Gräser, Löwenzahn und andere krautige Pflanzen.

Nicht nur in Berlin, auch in München oder Köln sind die lebenden Rasenmäher auf Büro- und Einkaufszentren Teil eines grünen Konzepts für Städte. Gebäudebegrünung gilt als wichtiger Baustein, um Städte klimaresilienter zu machen.

"Der Klimawandel nimmt stetig zu. Hitze einerseits und Starkregen andererseits führen zu Dürre oder Überflutungen – dem müssen wir uns anpassen", erläutert Christoph Schulze Wischeler. Er ist Geschäftsführer von Mall Umweltsysteme, einem Anbieter für Regenwasser-Bewirtschaftung. Bei einem Medientermin Ende Mai in Berlin stellt das Unternehmen aus Donaueschingen gemeinsam mit dem Bundesverband Gebäudegrün (BuGG) aktuelle Projekte und Strategien für eine klimaresiliente Stadtentwicklung vor. 

Auch Regenwasser müsse zukünftig nutzbar gemacht und nicht länger als Abfallprodukt behandelt werden, erklärt Schulze. "Gerade in Städten wird das Regenwasser über die zentrale Kanalisation und Kläranlagen in Gewässer abgeleitet." Dies entspreche nicht dem natürlichen Wasserkreislauf.

"Das liegt nicht nur am Klimawandel"

Die starke Flächenversiegelung sorgt zusätzlich dafür, dass Städte nicht auf Extremwettereignisse vorbereitet sind. In Deutschland sind laut Umweltbundesamt aktuell etwa 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen versiegelt.

Gerade die Wasserressourcen stehen zunehmend unter Druck, betont Heiko Sieker, Professor für Urbane Hydrologie an der TU Berlin und Inhaber eines Ingenieurbüros. "Der Wasserverbrauch steigt durch die wachsende Bevölkerung." Dadurch steige der Bewässerungsbedarf, während gleichzeitig das Wasserangebot durch längere Hitzeperioden abnehme.

Zwischen auf einem Flachdach ist eine kleine Wiese, auf der zwei Schafe stehen und mit Karotten gefüttert werden.
Die Shropshire-Schafe Molly und Dolly werden von Schäferin Nicola Kluftinger auch mal mit Möhren gefüttert. (Bild: Pia Hesse)

"Das liegt nicht nur am Klimawandel, sondern auch am Wachstum der Städte und der Einwohnerzahlen", erläutert Sieker. Im Ergebnis könne noch weniger Wasser versickern und auch weniger Grundwasser neu gebildet werden.

Antworten auf diese Herausforderungen sehen sowohl Sieker als auch Schulze im Schwammstadt-Prinzip, das sich aus verschiedenen Bausteinen zusammensetzt. "Es hält bei Starkregen Wasser zurück, lässt es versickern oder leitet es verzögert ab", erklärt Schulze. Gespeichertes Wasser könne dann Pflanzen versorgen, die wiederum durch Verdunstung die Luft kühlen.

"Wir sprechen hier von einer blau-grünen Lösung", präzisiert Sieker. Dabei geht Wasserwirtschaft mit Begrünung und Bepflanzung einher. Die Maßnahmen reichen von der Flächenbegrünung über die Speicherung in Zisternen bis zur Versickerung des übrigen Wassers. Das Ziel: den natürlichen Wasserkreislauf in Städten wiederherstellen und die Resilienz, sprich Widerstandsfähigkeit, gegenüber Klimafolgen stärken.

Eine relativ neue Idee sind sogenannte Baumrigolen. "Hier wird das Regenwasser nicht weitergeleitet, sondern aufgefangen – so kann es gespeichert und dem Baum zugeführt werden", sagt Sieker. Überschüssige Wassermengen werden bei Baumrigolen nach der Speicherung und Nutzung durch die Bäume gezielt in den umgebenden Boden geleitet. So gelangt das Regenwasser nicht gleich in die Kanalisation, sondern bleibt im natürlichen Wasserkreislauf und kann zur Grundwasserneubildung beitragen.

Extensive oder intensive Dachbegrünung?

Der aktuelle Marktreport des Bundesverbands Gebäudegrün zeigt: So richtig grün sind Deutschlands Städte noch lange nicht. Auch bei den Gründächern, mit oder ohne grasende Schafe, ist noch viel Luft nach oben. Die Zahlen stammen von 2023, einem Rekordjahr, wie Verbandspräsident Gunter Mann es nennt: "Erstmals sind über zehn Millionen Quadratmeter Gründachfläche neu hinzugekommen."

Dabei erreichte der Anteil der Gründächer an der insgesamt neu entstandenen Flachdachfläche jedoch nur rund 17 Prozent – der allergrößte Teil blieb unbegrünt.

So wirkt Gebäudebegrünung

Ein Quadratmeter Gründach verdunstet täglich rund zwei Liter Wasser und kühlt die Umgebung um bis zu 1,5 Grad Celsius. Jährlich werden auf dieser Fläche etwa zehn Gramm Feinstaub sowie 800 Gramm CO2 gebunden. Besonders wichtig: Gründächer speichern bis zu 30 Liter Regenwasser pro Quadratmeter und geben es verzögert ab – das entlastet die Kanalisation bei Starkregen.

Auch begrünte Fassaden tragen zur Kühlung bei. Sie senken die Oberflächentemperatur um bis zu sieben Grad Celsius, erhöhen im Sommer die Luftfeuchtigkeit um bis zu 40 Prozent und nehmen pro Quadratmeter sogar bis zu 2,3 Kilogramm CO2 im Jahr auf. Beide Begrünungsformen fördern die Artenvielfalt, binden Luftschadstoffe und verbessern die Wärmedämmung.

(Angaben vom Bundesverband Gebäudegrün)

Bei Gründächern unterscheidet man intensive und extensive Begrünung. Intensive Gründächer ähneln kleinen Gärten, sind aufwendig bepflanzt und brauchen viel Pflege sowie regelmäßige Bewässerung. Extensive Gründächer setzen hingegen auf robuste Pflanzen wie Gräser oder Moose, kommen mit wenig Pflege aus und benötigen meist auch keine zusätzliche Bewässerung.

Nur jedes sechste Gründach ist intensiv begrünt, den großen Rest macht die extensive Begrünung aus. Das liege vor allem an den kommunalen Förderinstrumenten, sagt Mann. Aber auch schon eine einfache extensive Dachbegrünung halte etwa die Hälfte des Jahresniederschlags zurück, hebt der Verbandschef hervor.

Bei der Fassadenbegrünung war der Zuwachs 2023 mit bundesweit rund 130.000 Quadratmetern noch geringer. Der Großteil entfällt hier auf bodengebundene Fassadenbegrünung, bei der die Pflanzen das Wasser aus dem Boden ziehen können. Etwa 20 Prozent sind wandgebundene Systeme, die wiederum Bewässerung und mehr Pflege brauchen.

Bei den zunehmenden Hitzeperioden in Deutschland bleibt allerdings auch das Gründach nicht immer grün. "Es gibt trockene Sommermonate, da gleicht es mehr einem Braundach", sagt Gunter Mann. "Das erholt sich aber wieder." Und selbst dann sei die Wirkung nicht verloren, betont Mann: Denn wenn das Dach im Sommer keine Lebensraumfunktion erfülle, halte es wenigstens Wasser zurück.

"Bei einer extensiven Dachbegrünung sind die Pflanzen an die Trockenheit angepasst", so Mann weiter. "Sie erholen sich je nach Witterung von selbst, denn sie benötigen keine Bewässerung. Anders verhält es sich bei intensiver Begrünung: Hier muss regelmäßig nachgewässert werden."

Hamburg macht Solar-Gründächer zum Standard

Aber auch sonst ist Gründach nicht gleich Gründach. So gibt es verschiedene Typen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Biodiversitäts-Gründächer etwa bieten laut Verbandschef Mann eine besonders hohe Artenvielfalt, sind in der Herstellung aber rund 30 Prozent teurer als normale extensive Gründächer und erfordern zusätzlich ein bis zwei Pflegegänge pro Jahr, "am besten durch Fachpersonal", wie Mann unterstreicht.

Auch die Verbindung von Begrünung und Photovoltaik – das Solar-Gründach – setzt sich immer mehr durch. "Wenn das fachgerecht gemacht wird, funktioniert diese Kombination durchaus", ist Mann überzeugt. In Hamburg gilt ab 2027 sogar eine Solar-Gründachpflicht für viele Flachdächer.

Noch eine Möglichkeit sind sogenannte Retentions-Gründächer, die besonders viel Regenwasser aufnehmen und erst nach und nach abgeben. So entlasten sie bei Starkregen die Kanalisation und beugen Überschwemmungen vor. Denkbar sind auch Kombinationen dieser Systeme, etwa als Solar-Retentions-Biodiversitätsdach, skizziert Gunter Mann die Zukunft. Einige Dächer könnten also bald die Regenwasserspeicherung mit artenreicher Begrünung und Solarmodulen zur Stromerzeugung vereinen.

 

Eine besondere Variante der Dachbegrünung bleibt die Schafbeweidung, wie sie auf den Schönhauser Allee Arcaden zu finden ist. Die Tiere übernehmen vorrangig die Pflege der Vegetation, und das auf eine schonende Weise. 

Molly und Dolly sollen Mitte Juli wieder runter vom Dach und zurück zur Herde. Ganz sicher ist sich Schäferin Kluftinger aber noch nicht, ob sie so lange bleiben, denn bei der Hitze und dem wenigen Regen wachsen die Pflanzen kaum nach. Das bedeutet weniger Futter für die Schafe und weniger Fläche, die gepflegt werden muss. 

Die Hitze wird zur Herausforderung für das Dachgrün. Wie Kluftinger beobachtet, wirken die Grünflächen zwar auf den ersten Blick hochgewachsen, nach zwei Tagen zeigt sich aber, dass sie von unten völlig ausgetrocknet sind und nichts nachwächst.

Zwischen hohen Betonwänden auf einem Flachdach ist eine kleine Wiese, auf der ein Schaf grast.
Auf dem Shoppingcenter-Dach ist die Aussicht sehr beschränkt, aber das Gras schmeckt. (Bild: Pia Hesse)

Trotz der Trockenheit sind Molly und Dolly wichtig für das Gründach, das so erhalten bleibt. "Diese Beweidung ist ökologisch sinnvoll. Sie schützt die Biodiversität und kleine Lebewesen", betont Nicola Kluftinger. "Wenn man mit dem Mäher drübergeht, zerstört man viel Lebensraum für Kleintiere."

Noch etwas kommt für die Schäferin hinzu: "Schafe sind ideale Pflanzentaxis. Sie transportieren Samen in ihrem Fell und helfen so, dass sich Pflanzen gut verbreiten können."