Es ist jetzt genau 50 Jahre her. Am 20. Juli 1975 wird in einem Gasthof im unterfränkischen Marktheidenfeld deutsche Ökogeschichte geschrieben.
Es ist ein heißer Sommernachmittag, und eine kleine Gruppe aus Naturschützern und Atomkritikern hat sich hier, am Rande des Spessarts, getroffen. Sie gründen den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, kurz BUND. Unterstützt werden sie von damals so bekannten Leuten wie dem Zoodirektor Bernhard Grzimek, dem Filmemacher Horst Stern und dem kritischen CDU-Umweltpolitiker Herbert Gruhl ("Ein Planet wird geplündert").
Die Vision: Der neue Verband soll eine starke Stimme für die Natur werden, parteipolitisch unabhängig, basisnah, kämpferisch.
Fünf Jahrzehnte später ist der Verband eine feste Größe in der deutschen Umweltpolitik – mit mehr als 650.000 Mitgliedern und Förderern, eigener eignen Jugendorganisation, Klagebefugnis und Lobby-Zugang in Berlin und Brüssel.
Man habe "nicht länger zusehen wollen, wie die Umwelt abgewrackt wird – durch die Chemie-Keule in der Landwirtschaft, die Autobahn-Bagger, die Macht der Energielobby", erinnert sich der langjährige BUND-Vorsitzende Hubert Weiger im Gespräch mit Klimareporter°, damals eines der Gründungsmitglieder.
Mitte der 1970er Jahre wird das Thema Umwelt in der Bundesrepublik tatsächlich kritisch. Kurz vorher hat es eine Zeit des Aufbruchs mit der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt gegeben, die angesichts dreckiger Luft und Schaumbergen auf den Flüssen ein erstes deutsches Umweltprogramm vorlegt, dann löst die Öko-Bibel "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome in der Öffentlichkeit einen Bewusstseinsschub aus.
Doch das ist plötzlich vorbei. Mit der ersten Ölkrise 1973 und dem Wechsel zum "Macher"-Kanzler Helmut Schmidt kommt des Rollback. Mehr Wachstum, mehr Straßenbau, mehr Atomkraft – so lauten nun die Konzepte. Weiger: "Es gab damals kaum öffentliche Gegenwehr." Dem wollten die BUND-Gründer etwas entgegensetzen.
Kluge Mehrfachstrategie
Vorbild für den BUND ist der Bund Naturschutz in Bayern. Dieser Traditionsverband ist von seinem neuen Vorsitzenden Hubert Weinzierl aus einem staatsnahen Honoratiorenverein in eine kritische Organisation umgeformt worden, die sich auch mit der Politik, der Industrie und der Agrarlobby anlegt.
Wichtig dabei: Dank der erhobenen Mitgliedsbeiträge kann er sich eigenständig finanzieren. Weinzierl ist dann auch einer der Motoren der BUND-Gründung und natürlich in Marktheidenfeld dabei. Die Aufbauarbeit des neuen Verbandes erweist sich allerdings alles andere als einfach, denn im Rest der Republik gibt es kaum organisatorische Strukturen, auf die der neue Verband mit seinem politischen Anspruch aufbauen kann.
Der BUND wächst dann doch relativ schnell – auch dank einer klugen Mehrfachstrategie: lokale Gruppenarbeit, Besetzen zentraler Themen wie Waldsterben und Atomkraft sowie der Einsatz juristischer Mittel für den Naturschutz.
Früh erkennt der Verband die Macht des Rechts – und nutzt sie. Legendär wird die, letztlich aber erfolglose, Klage gegen den Rhein-Main-Flughafen in den 1980er Jahren, später folgen Aktionen gegen Gentechnik, Massentierhaltung und Glyphosat.
In den 1990er Jahren wird der BUND zu einem Motor der Umweltpolitik in Deutschland. Er streitet für naturverträgliche Landwirtschaft und eine ökologische Steuerreform, und er macht den Klimawandel früh zu einem seiner Hauptthemen. Seit dem UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992 ist der Verband auch bei den internationalen Klimaverhandlungen präsent.
Nach der Wiedervereinigung trägt der BUND maßgeblich dazu bei, dass aus dem ehemaligen Todesstreifen an der deutsch-deutschen Grenze ein "Grünes Band" als Refugium für bedrohte Arten wird.
Im Jahr 1994 gibt es einen weiteren Durchbruch: Der Umweltschutz wird im Grundgesetz verankert – auch dank der unermüdlichen Lobbyarbeit des BUND. Der Beitritt zum internationalen Verband Friends of the Earth gibt der Organisation zusätzliches Gewicht.
Zwischen Protest und Politikberatung
Als Meilenstein gilt auch die von dem Verband mitherausgegebene Studie "Zukunftsfähiges Deutschland", eine Blaupause für eine nachhaltige Entwicklung in allen Sektoren von Industrie über Verkehr bis Haushalte, die sich an den globalen Umweltgrenzen orientiert.
Das Jahr 2000 bringt dann einen großen Erfolg: den rot-grünen Atomausstieg, der später zwar revidiert, nach Fukushima aber bekräftigt wird. Gemeinsam mit anderen Umweltorganisationen hat der BUND durch öffentlichen Druck die Basis dafür geschaffen, dass die rot-grüne Schröder-Regierung das sukzessive Abschalten der AKW beschließt – der Kampf gegen diese Energieform ist ja ein Hauptantrieb der Verbandsgründung gewesen.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist der BUND keine Graswurzelgruppe mehr, sondern Teil des politischen Establishments – was nicht nur Lob bringt. Kritiker ätzen damals, die Organisation wirke fast wie ein Co-Regierungsorgan.
Die Erfolge haben auch ihren Preis. In den 2010er Jahren gerät der BUND zunehmend in interne Konflikte: Wie radikal muss Protest sein? Wie kompromissbereit darf Politikberatung sein? Auch ein Streit über die Naturverträglichkeit der Windkraft entsteht.
Kritiker monieren, der Verband sei zu staatsnah, zu angepasst, zu langsam. Während die nach Greta Thunbergs "Skolstrejk" erstarkte Klimabewegung – Fridays for Future, Letzte Generation, Extinction Rebellion – jung und laut auftritt, wirkt der BUND oft im Vergleich altväterlich, zumal die Mitgliederschaft zunehmend ergraut.
Der amtierende Vorsitzende Olaf Bandt sagt dazu: "Menschen ab 60 haben oft die Zeit, sich gesellschaftlich zu engagieren. Das ist gut so, auch der BUND wird damit stärker." Aber gleichzeitig wolle man jüngeren Menschen mehr und besser passende Angebote machen, sich zu engagieren.
Die neue Generation im Verband bringt hier durchaus frischen Wind – sie ist diverser, direkter, digitaler. Die BUND-Jugend ist auf Instagram aktiv, setzt auf Klimagerechtigkeit und soziale Fragen. Der Verband öffnet sich zunehmend auch Themen wie Migration, Antirassismus und sozialem Ausgleich.
Eine ganz neue Konfliktlinie
Heute, im Jahr 2025, steht der BUND vielleicht vor der größten Herausforderung seiner Geschichte: dem sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft.
Zwar sind die AKW abgeschaltet, der Kohleausstieg beschlossen, und das Bundesverfassungsgericht hat der Bundesregierung 2021 – übrigens aufgrund einer BUND-Klage – strenge Vorgaben für eine generationengerechte Klimapolitik gemacht. Folge war, dass sie das Ziel Klimaneutralität von 2050 auf 2045 vorzog.
Doch beim konkreten Umbau von Verkehr, Industrie und Landwirtschaft hapert es gewaltig. Der Verband fordert zum Beispiel ein Tempolimit, einen sofortigen Baustopp für Autobahnen, ein Ende der Massentierhaltung, einen Turbo bei der Energiesanierung von Gebäuden.
Doch die Realität ist kompliziert. Viele Menschen fürchten um ihren Job, ihr Auto, ihr (warmes) Haus.
Hinzu kommt eine ganz neue Konfliktlinie, auf die der Bochumer Umwelthistoriker Frank Uekötter in einem Vortrag zum 50-jährigen BUND-Jubiläum hinweist, das an diesem Sonntag in Marktheidenfeld begangen wird: Mit der AfD wird eine Partei von einem Fünftel der Menschen gewählt, die eine zentrale Herausforderung wie den Klimawandel und wissenschaftliche Belege dazu schlicht leugnet.
Damit umzugehen, ist noch schwieriger, als etwa gegen "Benzinwut"- oder "Heizhammer"-Kampagnen konservativer Parteien und Medien zu argumentieren.
Dem BUND wird nichts anderes übrig bleiben, als weiterhin gleichzeitig Mahner und Saboteur der Bequemlichkeit, aber auch Ideengeber und gesellschaftlicher Vermittler zu sein.
