Mea culpa?

Ein US-amerikanischer Autor entschuldigt sich im Namen der Umweltbewegung für drei Jahrzehnte Panikmache: Der Klimawandel sei gar nicht so schlimm. In Deutschland gibt ihm ein SPD-nahes Politikmagazin eine Bühne. Nur eine Kuriosität?


Ein digitales Netz liegt über der Erde
Steile Weltrettungsthesen erregen Aufmerksamkeit, so arbeitet auch Buchautor Shellenberger. (Foto: Pete Linforth/Pixabay)

Die Geschichte ist schon kurios. Ein Umweltaktivist sagt sich von seinen Überzeugungen los. Denjenigen, die weiterhin das vertreten, was er jetzt für falsch erklärt, wirft er Alarmismus und Irreführung vor und entschuldigt sich in ihrem Namen für 30 Jahre Panikmache. Der Klimawandel sei zwar real, aber keineswegs die größte Gefahr für die Menschheit. Alle Warnungen seien massiv übertrieben.

Der Mann, der so vollmundig auftritt, heißt Michael Shellenberger. Der 50-jährige US-amerikanische Autor macht seit Jahren mit radikalen Thesen von sich reden. Schon 2004 erklärte er den Umweltschutzgedanken für gescheitert und sprach sich für den "Tod der Ökologie" aus, damit ein neuer Politikansatz entstehen könne.

Er propagiert technologische Innovationen als besten Weg, um mit dem Klimawandel fertigzuwerden, und fordert einen forcierten Ausbau der Atomenergie, anstatt auf Wind und Sonne zu setzen.

Trotz oder gerade wegen der Radikalität seiner Thesen, die Shellenberger auch in seinem kürzlich erschienenen neuen Buch "Apocalypse Never" präsentiert, erhält er viel Zuspruch. 2008 kürte ihn das Time Magazine zu einem der "Umwelthelden des Jahres".

Rechte Gruppen feiern ihn, weil er, als ehemaliger Aktivist, die von ihnen beklagte "Klimahysterie" bekämpft. Und weil das Magazin Forbes Shellenbergers Mea-culpa-Text zuerst veröffentlichte und dann wieder zurückzog. Und weil er eine sehr bequeme Lösung präsentiert: einfach mehr Technik und Wirtschaftswachstum, dann klappt das schon mit dem Klima.

Verena Kern ist stellvertretende Chefredakteurin von Klimareporter°.

Bloß: Mit Wissenschaft und gesicherten Fakten hat das nichts zu tun. Viele der Forscher:innen, auf die Shellenberger sich in seinem neuen Buch beruft, haben sich mittlerweile distanziert. Er habe sie missverstanden oder falsch dargestellt, erklären sie. Der Klimawissenschaftler Peter Gleick nennt das Buch "zutiefst mangelhaft".

Hierzulande ist Shellenberger bislang kaum wahrgenommen worden. Eine der wenigen Ausnahmen ist die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. Ihr Magazin Internationale Politik und Gesellschaft (IPG) hat mit dem umstrittenen Autor ein ausführliches Interview geführt, in dem er unter anderem die deutsche Energiewende scharf kritisiert.

Kein Grund zur Panik, lautet die Überschrift. Ganz ohne die in Interviews üblichen Anführungszeichen, als würde das Magazin sich die Aussage zu eigen machen. Echt jetzt?

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