Leere Klimarhetorik, bessere Unwetterwarnungen und nervenaufreibende IPCC-Berichte

Kalenderwoche 29: Es gibt eine enorme Kluft zwischen der Rhetorik und dem Handeln der Regierungen, kritisiert Friederike Otto, Professorin im Climate Research Programme der Universität Oxford und Mitglied des Herausgeberrates von Klimareporter°. Wer Klimaziele erreichen will, muss alle Entscheidungen daran messen und bei Bedarf nachbessern.


Porträtaufnahme von Friederike Otto.
Friederike Otto. (Foto: David Fisher)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Friederike Otto, Professorin im Climate Research Programme der Universität Oxford und geschäftsführende Direktorin des dortigen Environmental Change Institute.

Klimareporter°: Frau Otto, über die jüngsten Wetterextreme – den katastrophalen Starkregen in Deutschland und die großflächigen Brände in Nordamerika – sagt der Meteorologe Mojib Latif, die Menschheit verlasse gerade den "klimatischen Wohlfühlbereich". Teilen Sie diese Einschätzung?

Friederike Otto: Wir als Menschheit haben uns über lange Zeit an ein sehr stabiles Klima angepasst. Mit dem Beginn der industriellen Revolution haben wir angefangen, dieses Klima langfristig zu verändern – zuerst langsam, aber in den letzten Jahrzehnten haben wir die Rate unserer Treibhausgasemissionen stetig erhöht und dadurch ist auch die globale Mitteltemperatur immer schneller gestiegen.

Die Folgen sehen wir besonders drastisch am Beispiel der Hitzewelle in Kanada, die bisherige Rekorde um mehrere Grad gebrochen hat. Ein exzellenter Fachartikel von Erich Fischer und Kollegen erscheint dazu am Montag in Nature Climate Change.

Die Folgen sehen wir aber auch schon seit vielen Jahren – den "Wohlfühlbereich" haben wir lange verlassen. Allerdings ist das ein schwieriges Wort, denn in welchem Klima man sich einrichten kann, hängt dramatisch davon ab, welche Ressourcen man hat und wo man lebt.

Anfang der Woche hat die britische Wetterbehörde Met Office erstmals in ihrer 167-jährigen Geschichte eine Warnung vor extremer Hitze ausgegeben. Unterschätzen wir die Folgen von Hitzewellen noch zu sehr?

Es ist gut, das es endlich solche Warnungen gibt, denn allein im letzten Jahr sind mehr als 2.500 Menschen durch Hitzewellen in Großbritannien ums Leben gekommen. Warnungen vor Extremwetter muss es überall geben und vor allem muss natürlich sichergestellt sein, dass alle Menschen im betroffenen Gebiet die Warnung hören und sehen und auch wissen was zu tun ist.

Diejenigen, die besonders gefährdet sind, sind nicht diejenigen, die sich ständig über alles informieren. Wenn wir Hitze wirklich ernst nähmen, würden wir Schülern beibringen, wie man sich bei Hitze verhält, Warnungen gäbe es flächendeckend, Städte würden so geplant und umgebaut, dass es genug Grün gibt, und vieles mehr. Hitze tötet jedes Jahr tausende Menschen und wird durch den Klimawandel viel häufiger und intensiver.

Als Klimaforscherin sind Sie bekannt damit geworden, den Anteil des Klimawandels an einer Hitzewelle zu errechnen. Lassen sich solche Berechnungen auch für Starkregen-Ereignisse durchführen?

Ja, das geht. Ich habe dazu selbst einige Studien veröffentlicht – auch zu Dürren und anderen Extremen. Bei Hitze ist allerdings der Anteil des Klimawandels deutlich größer als bei allen anderen Extremwetterereignissen. Wir arbeiten gerade an einer Studie zu den Starkregenfällen, die in Deutschland so katastrophale Konsequenzen hatten.

Die Internationale Energieagentur befürchtet neue CO2-Rekorde, weil die Regierungen die Corona-Hilfsgelder falsch einsetzen. Nur zwei Prozent der Finanzhilfen gehen in die Energiewende, zeigt der neue "Sustainable Recovery Tracker" der IEA. Kommen wir denn bei der CO2-Minderung international gar nicht vom Fleck?

Es gibt tatsächlich eine enorme Kluft zwischen der Rhetorik der Regierungen – Klimaneutralitätsziele für spätestens Mitte des Jahrhunderts, Ausrufen des Klimanotstands allenthalben – und den Handlungen. Wenn man Klimaziele erreichen will, müssen alle Entscheidungen daraufhin geprüft werden, ob sie mit den Zielen vereinbar sind, und wenn nicht, muss nachgebessert werden. Das passiert viel zu wenig und kann natürlich auch nur funktionieren, wenn jedes Ressort sich für Klima zuständig fühlt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

In den nächsten zwei Wochen findet der allerletzte Schritt vor der Veröffentlichung des neuen IPCC-Berichts statt, an dem wir seit Jahren gearbeitet haben: die Abnahme durch die Regierungen dieser Welt. Dabei müssen wir Wissenschaftler in der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger, der SPM, jeden Satz erklären und alle Schlussfolgerungen begründen.

Wie wahnsinnig nervenaufreibend das ist – sogar bevor es richtig angefangen hat – hat mich diese Woche überrascht. Ich dachte, ich wäre cooler. 

Fragen: Jörg Staude und Sandra Kirchner

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