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Krank durch Kohle, Öl und Gas

Mediziner:innen mahnen die Regierungen, Kohle, Erdöl und Erdgas nicht länger finanziell zu stützen. Der neue Lancet-Report listet zahlreiche Gründe dafür auf, endlich auf saubere Energiequellen umzusteigen.


Junge mit Atemschutzmaske steht auf einer Brücke über die Stadtautobahn in Peking.
Vom Kraftwerk bis zum Verbrennungsmotor: Fossile Schadstoff- und Treibhausgasquellen werden kräftig subventioniert. (Foto: Hung Chungchih/​Shutterstock)

Die Klimakrise verschärft weltweit die Risiken für die menschliche Gesundheit, vor allem durch verstärkt auftretende Hitzewellen, Ernteeinbußen, mehr Luftverschmutzung und Infektionskrankheiten.

Diese Fakten sind lange bekannt. Trotzdem pushen Regierungen und Unternehmen in den aktuellen Krisen – von Corona bis zu Putins Krieg – weiterhin die Nutzung fossiler Energien, was die Gesundheit heutiger und künftiger Generationen zunehmend gefährdet.

Das ist die Hauptaussage des diesjährigen Forschungsberichts zu Klima und Gesundheit, den die renommierte medizinische Fachzeitschrift The Lancet am heutigen Mittwoch veröffentlicht hat. Es gäbe jedoch Alternativen. So könne zum Beispiel die Verbesserung der Luftqualität durch Investitionen in saubere Energie jährlich 1,3 Millionen Menschenleben retten.

Die Lancet-Autor:innen rechnen für 86 Länder weltweit vor, wie stark fossile Energieträger immer noch den Vorzug vor sauberen Energielösungen bekommen. Vier von fünf untersuchten Ländern (genau: 69) haben im vergangenen Jahr Subventionen für fossile Brennstoffe gewährt, die sich auf rund 400 Milliarden US-Dollar summieren.

Dabei handelt es sich oft um Beträge, die in der Höhe mit den Gesundheitsausgaben dieser Länder vergleichbar sind oder diese sogar übersteigen: In fünf Staaten waren sie höher als die Mittel für das nationale Gesundheitswesen, in 31 Ländern machten sie mehr als zehn Prozent davon aus.

Laut dem Report erhöhen die Folgen des Klimawandels den Druck auf Gesundheitssysteme und verschlimmern so die Auswirkungen anderer, gleichzeitig bestehender Krisen. Dies erhöhe das Risiko für die globale Ernährungssicherheit, etwa wegen geringerer Ernteerträge aufgrund von Dürren, und lasse hitzebedingte Krankheiten schwerer ausfallen, zudem gebe es mehr Todesfälle aufgrund von Hitze und Luftverschmutzung.

Den hohen Aufwendungen für die fossilen Subventionen stehen laut dem Bericht hohe gesellschaftliche Kosten gegenüber. Ein Beispiel ist die verminderte Arbeitsfähigkeit und Produktivität von Menschen wegen stärkerer Hitze. Im vorigen Jahr habe dies dazu geführt, dass weltweit 470 Milliarden Arbeitsstunden nicht geleistet werden konnten – in ärmeren Ländern vor allem in der Landwirtschaft. Den Einkommensverlust dadurch beziffert der Report auf 669 Milliarden US-Dollar.

Guterres fordert schnelle Energiewende

"Unser diesjähriger Bericht zeigt, dass wir an einem kritischen Punkt angelangt sind", sagte Marina Romanello vom University College London, die Leiterin des "Lancet Countdown".

Der Klimawandel habe überall auf der Welt schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit, wobei die anhaltende Abhängigkeit von fossilen Energieträgern diese Gesundheitsschäden noch weiter verschlimmere. Zudem wachse die Gefahr der Energiearmut durch die explodierenden Preise für Erdöl und Erdgas.

Mehr Klimatote in Europa

Auch in Europa fordert der Klimawandel laut dem "Lancet Countdown"-Report immer mehr Opfer, vor allem durch Hitzewellen. Die Belastung durch hohe Temperaturen hat danach zwischen dem vorletzten und dem letzten Jahrzehnt im Schnitt um 57 Prozent zugenommen, und die hitzebedingte Sterblichkeit stieg um 15 jährliche Todesfälle pro Million Einwohner.

 

Die wirtschaftlichen Verluste aufgrund von klimabedingten Extremereignissen in Europa beziffert der Bericht für 2021 auf knapp 48 Milliarden Euro, ein Rekordwert. Der größte Teil davon, über 30 Milliarden oder 63 Prozent, entfielen auf Deutschland. Ein großer Posten waren hier die Flutkatastrophen an Ahr und Erft im Juni des Jahres.

 

Besonders spürbar sind die Veränderungen im Klima laut dem erstmals für Europa vorgelegten Lancet-Sonderreport auch für Allergiker. In den letzten vier Jahrzehnten habe die Erwärmung dazu geführt, dass die Blütezeit der wichtigsten für Allergien relevanten Bäume wie Birke, Erle und Olive zehn bis 20 Tage früher beginnt.

Der Lancet-Bericht wurde jetzt zum siebten Mal veröffentlicht. Beteiligt waren 99 Fachleute aus 51 Institutionen, darunter die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Weltmeteorologieorganisation WMO.

Die Expert:innen mahnen eine "gesundheitsorientierte Reaktion" auf die derzeitige Klima-, Energie- und Kostenkrise an. Die Staaten müssten umgehend die Netto-Null bei den Treibhausgas-Emissionen erreichen – vor allem durch CO2-freie Energieversorgung und Verkehrsmittel sowie eine klimafreundliche Landwirtschaft und Ernährung.

Dies bringe neben einer Begrenzung des Klimawandels weitere Vorteile. So werde eine bessere Luftqualität die Anzahl der Todesfälle durch Feinstaubbelastung aus fossilen Brennstoffen deutlich verringern, von denen es bisher jährlich weltweit rund 1,3 Millionen gibt.

Ein Wechsel zu einer ausgewogeneren und stärker pflanzlichen Ernährung wiederum werde jährlich bis zu 11,5 Millionen ernährungsbedingte Todesfälle verhindern. Zudem sinke das Risiko von Zoonosen wie bei der Covid-Pandemie.

UN-Generalsekretär António Guterres kommentierte den Report mit drastischen Worten: "Die Klimakrise bringt uns um. Sie untergräbt nicht nur die Gesundheit unseres Planeten, sondern auch die Gesundheit der Menschen überall – durch giftige Luftverschmutzung, abnehmende Ernährungssicherheit, höhere Risiken für den Ausbruch von Infektionskrankheiten, extreme Hitze, Dürre, Überschwemmungen und mehr."

Als Gegenstrategie empfahl er massive Investitionen in erneuerbare Energien und in "Klimaresilienz". Dies werde "den Menschen in allen Ländern ein gesünderes und sichereres Leben ermöglichen".

Der deutsche Arzt und Publizist Eckart von Hirschhausen sagte knapp: "Der Countdown läuft. Gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde. Und das Teuerste, das wir gerade tun können, ist: nichts!"

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