"Ich kann nicht mehr sagen: Das hat mit Klima nichts zu tun"

Statt über laue Brisen muss er immer häufiger über Stürme, Extremniederschläge und Hitzewellen sprechen: Özden Terli moderiert den Wetterbericht des ZDF. Im Gespräch mit Klimareporter° erklärt der Meteorologe, warum es auch zu seinem Job gehört, sein Millionenpublikum über den Klimawandel aufzuklären.


Porträtfoto Özden Terli
"Ich bin für viele das personifizierte Wetter": Özden Terli klärt sein Millionenpublikum auch über den Klimawandel auf. (Foto: Rico Rossival/​ZDF)

Klimareporter°: Herr Terli, Sie kommen fast täglich in die Wohnzimmer von Millionen Menschen. Werden Sie auf der Straße eigentlich oft angesprochen?

Özden Terli: Ja, es kommt schon vor, dass mich jemand erkennt. Einmal am Tag vielleicht. Manche gucken mich nur sehr auffällig an, andere kommen direkt auf mich zu. Interessanterweise bin ich da fast nie "Herr Terli" und meinen Vornamen kann sich eh keiner merken. Die meisten Leute nennen mich den "Wettermann". Meistens kommt noch ein lockerer Spruch wie: Was haben Sie denn heute für Wetter gemacht? Ich bin für sie sozusagen das personifizierte Wetter.

Das gibt einen Hinweis darauf, wie Sie wahrgenommen werden: offenbar als vertraute und recht neutrale Person. Das klingt nach guten Voraussetzungen für Ihr Vorhaben, beim Wetterbericht auch über den Klimawandel zu informieren.

Wir informieren ja über das Wetter, das sich durch den Klimawandel verändert. Wenn wir das nicht ansprechen, wer sonst?

Ich meine damit, dass Sie für niemand ein rotes Tuch sind. Der menschengemachte Klimawandel wird oft sehr politisch besprochen. Es gilt als eher "linkes" Thema, Rechtspopulisten leugnen ihn fast durch die Bank.

Für Klimaleugner bin ich mittlerweile vielleicht schon ein rotes Tuch! Aber es stimmt schon: Ich habe eine recht neutrale Rolle, der Wetterbericht steht nicht im Verdacht, politisch gefärbt zu sein.

Wie lange geht Ihr Wetterbericht eigentlich?

Das kommt auf die Sendung an. Mittags sind es 2:30 Minuten, abends sind es nur 1:15 oder 1:30. Diese Zeiten muss ich auch einhalten, es gibt nur wenige Sekunden Spielraum.

Wie viel Klimawandel kann man denn in der kurzen Zeit erklären?

Den ganzen Klimawandel in 1:30, das würde einen Fernsehpreis verdienen! Nein, man muss sich da sehr zurückhalten. Am besten geht das an Tagen, wo beim Wetter nicht viel los ist. Hoher Luftdruck, Sonne, zwischendurch ein paar Schauer – das ist schnell gesagt, da kann ich noch etwas zusätzlich einbauen.

Und was zeigen Sie dann?

Vor ein paar Wochen ging es zum Beispiel um den April. Der war extrem warm – der wärmste April, den Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt hat. Ich habe dann eine Klimakarte gezeigt, auf der man sehen konnte, wie viel wärmer es im Vergleich zu den durchschnittlichen Temperaturen im April zwischen 1981 bis 2010 war. Je stärker es darauf farblich ins Rot ging, desto größer die Abweichung. Dieses Jahr war Europa im April mehr oder weniger rot. Das zeigt direkt, wie außergewöhnlich der Monat war.

Zur Person

Özden Terli wurde 1971 in Köln geboren. Der Diplom-Meteorologe arbeitete bereits als Wetterredakteur bei wetter.com und Pro Sieben Sat 1, bevor er 2013 zum ZDF wechselte.

Wichtig für mich ist: Ich brauche einen Anlass. Wenn ich auf Sendung über den Klimawandel rede, stelle ich die Verbindung zum aktuellen Wetter her. Nur so verknüpfen meine Zuschauer auch etwas mit dem, was ich da erzähle. Der gerade erlebte heiße April ist so ein Beispiel. Natürlich könnte ich fast jeden Monat einfach wiederholen, dass es auf der Erde insgesamt wieder wärmer war als im Durchschnitt der Referenzperiode. Das ist aber sehr abstrakt, damit kann kaum jemand etwas anfangen. Keine gute Klima-Geschichte.

Manchmal ist das gerade Erlebte aber nicht geeignet, um Verbindungen zu den Messwerten herzustellen. Der letzte Sommer war gefühlt zum Beispiel sehr ungemütlich – dabei waren die Temperaturen sogar überdurchschnittlich hoch. Was machen Sie in so einem Fall?

Auch da kann man aufklären. Es hat sich nicht wie ein richtiger Sommer angefühlt, weil es wahnsinnig viel geregnet hat. Das Bild vom klassischen schönen Sommer ist sonnig und trocken, obwohl das für Mitteleuropa nicht mal unbedingt typisch ist. Zu der Zeit haben wir aber eher über die Hurrikansaison berichtet als über die Temperaturen. An Tagen, an denen richtig was los ist – wo genau zieht ein großer Sturm entlang und wie können sich Menschen schützen? –, bleibt im Wetterbericht tatsächlich keine Zeit für allgemeine Exkurse in die Klimaforschung.

Sind das nicht aber genau die Tage, an denen sich viele fragen: Ist das nun normal oder ist das doch der Klimawandel?

Wenn das Wetter so verrückt spielt, dass es relevant für die Nachrichten wird, öffnen sich andere Türen. Über Sturm "Irma" hat natürlich auch das Heute-Journal berichtet. Da war ich dann nicht nur als Wettermoderator am Ende der Sendung, sondern auch als Interview-Partner im Hauptteil. An solchen Tagen kann es vorkommen, dass ich in mehreren Sendungen auftrete, auf Twitter und Facebook aktiv bin und auch noch einen Artikel schreibe – da kann ich natürlich auch ausführlicher darauf eingehen, was das alles mit dem Klimawandel zu tun hat.

Klimaforscher betonen immer wieder: Wetter ist nicht gleich Klima.

Natürlich, Wetter ist das, was wir jeden Tag sehen, das Klima ist sozusagen das statistische Wetter über Jahrzehnte. Ein besonders heißes Jahr ist für sich genommen kein Beweis für den Klimawandel, ein eher kaltes widerlegt ihn auch nicht.

Ich muss aber sagen: Wir sind über den Punkt hinaus, an dem wir uns ständig auf diese statistischen Fragen konzentrieren müssen. Die sind natürlich wissenschaftlich wichtig, aber wir wissen ja, dass es auf der Erde seit der Industrialisierung durch den CO2-Ausstoß der Menschheit schon jetzt deutlich wärmer geworden ist, nämlich im globalen Durchschnitt etwa ein Grad. Das hat selbstverständlich jetzt schon Folgen.

Und wie wollen Sie das stärker betonen?

Warum sollen wir denn längst gewonnene Erkenntnisse der Physik ignorieren? Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen und das ist der Treibstoff für Gewitter, aber auch für Hurrikans. Das bedeutet, dass mehr Energie für Stürme zur Verfügung steht, und zwar wie gesagt jetzt schon – nicht erst in 30 oder 50 oder 100 Jahren. Diesen Zusammenhang kennen wir. Da können wir uns ja, wenn sich die Hurrikans wie im vergangenen Jahr mal wieder überschlagen, nicht hinstellen und sagen: Das ist Wetter und hat mit dem Klima nichts zu tun, aber wir gucken uns das in ein paar Jahrzehnten noch mal an.

Die Klimawissenschaft entwickelt außerdem Methoden zur sogenannten Attribution. Man versucht, durch gigantische Computersimulationen zu ermitteln, inwiefern ein Sturm, eine Flut, eine Dürre durch den menschlichen CO2-Ausstoß begünstigt wurde.

Mit solchen Ergebnissen, die es mittlerweile zu einigen Unwettern der vergangenen Jahre gibt, kann man endlich ganz konkret sagen: Dieses Extremwetterereignis hat der Klimawandel um – nur mal beispielhaft – 70 Prozent wahrscheinlicher gemacht. Das hat natürlich viel Aussagekraft. Noch fehlt aber das Handwerkszeug, solche Erkenntnisse kurzfristig in den aktuellen Wetterbericht einzubringen.

Sie gehören dem Netzwerk "Climate without Borders" für Wettermoderatoren an, das Ihre Kollegin Jill Peeters vom belgischen Fernsehsender VTM im vergangenen Jahr gegründet hat.

Ja, das war für mich überhaupt keine Frage. Das Projekt hat Mitglieder aus 110 Ländern. Wir tauschen uns zum Beispiel über nationale und regionale Daten aus, über neue Studien und Erkenntnisse zum Klimawandel. Bei Extremwetterereignissen informieren uns die Kollegen vor Ort sofort über die Lage, täglich stellen sie Bilder zur Verfügung. Das hilft mir, meine Geschichten besser und anschaulicher zu erzählen.

Jill Peeters sagte damals, es sei schwierig gewesen, in Deutschland Mitglieder zu finden. Müssen Sie beim ZDF eigentlich darum kämpfen, dass Sie für den Klimawandel Sendeplatz bekommen?

Natürlich muss man manchmal Überzeugungsarbeit leisten. In meinem eigenen Wetterbericht bin ich aber übrigens völlig frei, solange ich journalistischen und wissenschaftlichen Standards entspreche. Den kann ich gestalten, wie ich will.

Der Fernsehwetterbericht steht seit Jahren in Konkurrenz zu Online-Diensten. Sehen Sie Ihren Job und damit auch Ihre Rolle als Klimabotschafter in Gefahr?

Ich denke, dass wir noch lange Wetterpräsentatoren brauchen werden. Im Alltag reicht gerade den jungen Menschen vielleicht der Blick auf die Wetter-App. Das Wetter ist aber immer noch sehr kompliziert. Extremes Wetter zum Beispiel bedarf der Einordnung von Experten, nicht nur von Computern. Wir erklären, wie es zu den Stürmen, Fluten, Dürren kommt – und auch, wie man sich davor schützt. Mit dem Fortschreiten des Klimawandels wird das noch wichtiger.

Das Interview ist im Rahmen einer Zusammenarbeit von klimareporter° mit klimafakten.de entstanden.

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