Die Energiewende – dieser Begriff geistert seit vielen Jahren durch Deutschland. Politisch scheint der Übergang zu einem klimaneutralen Energiesystem gesetzt und wird von großen Teilen der Bevölkerung weiterhin gewünscht.

Doch ein Blick in soziale wie klassische Medien und aktuelle Debatten legt oft das genaue Gegenteil nahe. Die Energiewende sei zu teuer, zu kompliziert und solle bitte nicht in meinem Backyard stattfinden, heißt es.

 

Viel wird auch über Technologien und Technologieoffenheit, über Fördermittel und Infrastrukturprojekte gestritten, zu selten aber die Frage erörtert, was die Energiewende wirklich zu einem gemeinschaftlichen Erfolg machen kann. Als Schlüssel dazu haben sich – in vielen Jahren der Energiewendeforschung und ‑praxis – Kommunikation und Partizipation herauskristallisiert, und das vor allem auf kommunaler Ebene.

Denn Kommunen sind Schlüsselakteure für die Umsetzung der Energiewende. Je nach Kontext planen, koordinieren und setzen sie Maßnahmen lokal um, binden die Bevölkerung aktiv ein und gestalten politische, rechtliche und soziale Rahmenbedingungen vor Ort, um passgenaue Lösungen für ihre Region zu entwickeln.

Zahlreiche Studien zeigen deutlich: Die Einbindung von Bürger:innen, von lokalen Akteuren wie Wirtschaft und Unternehmen und von Verwaltungen ist entscheidend für das Gelingen der kommunalen Energiewende.

Nicht nur informieren, sondern tatsächlich einbeziehen

Besonders wirksam sind dabei Formate, in denen die Leute nicht nur informiert, sondern tatsächlich gehört, gefragt und einbezogen werden – beispielsweise durch Co-Design, also das gemeinsame Erarbeiten von Lösungen mit und durch lokale Akteure, und durch Szenario-Arbeit, das vorausschauende Denken in möglichen Zukunftsoptionen.

Das motiviert Menschen, sich auf Veränderungen einzulassen, und führt so zu einer höheren Akzeptanz für die erforderliche Transformation.

Bild: VDW

Jahn Harrison

ist Projekt­referent bei der Vereinigung Deutscher Wissen­schaftler (VDW). Der ausgebildete Kaufmann für audio­visuelle Medien und Master of Public Policy arbeitet an der Schnitt­stelle von Wissenschafts­kommunikation und trans­disziplinärem Stakeholder­management. Sein Schwerpunkt liegt auf der Umsetzung und Kommunikation.

Ein weiterer Hebel liegt in einer transparenten und verständlichen Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse und technologischer Lösungen. Diese Art der Kommunikation stärkt nicht nur das Vertrauen in die Energiewende, sondern erhöht auch die Akzeptanz für politische Maßnahmen in der Bevölkerung, wie aktuelle repräsentative Umfragen belegen.

Dafür gibt es konkrete Beispiele in der Praxis. So werden in dem vom Bundeswirtschafts­ministerium geförderten Forschungsprojekt Enervi, der "Individualisierten Visualisierung von Energiewendemaßnahmen", wissenschaftlich fundierte Szenarien und Beispiele entwickelt, die als Grundlage für Entscheidungen zu individuellen Energiewendemaßnahmen dienen können.

Herzstück von Enervi ist eine interaktive Website, die jeweils für bestimmte Gruppen praktische Beispiele für individuelle Maßnahmen in den Bereichen Wohnen und Wärme, Energieerzeugung und ‑verbrauch sowie Mobilität aufzeigt.

Tool macht Folgen des Handelns nachvollziehbar

Die Nutzer können dort sehen, welche Schritte möglich sind, und vor allem, wie viel Geld, Energie und CO2 sie in ihrem eigenen Umfeld sparen können, sei es die Mietwohnung oder ein Einfamilienhaus. Ergänzt wird dies durch weiterführende Angebote zu Förderung oder Beratung sowie zu wissenschaftlichen Grundlagen und Berechnungen.

Ein im Projekt entwickeltes KI-gestütztes Tool kann anhand von Nutzer-Fotos auch die Energiewendemaßnahmen und mögliche Klima-Szenarien im eigenen Umfeld visualisieren. So wird nachvollziehbar, wie sich eigenes und kollektives (Nicht-)Handeln auswirkt.

Ein weiteres vom Bundeswirtschaftsministerium gefördertes Projekt namens "Komm-Wärme" zur kommunalen Wärmewende setzt auf kreative Formen von Kommunikation und Beteiligung. So entstehen in Workshops – basierend auf den Wünschen und Visionen der Teilnehmenden – gemeinschaftliche Zukunftsbilder der kommunalen Wärmewende.

Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft diskutieren hier gemeinsam, wie die Wärmewende vor Ort aussehen soll.

Basierend auf den Potenzialen, Herausforderungen und Besonderheiten der Kommune, dem ausgehandelten Wunschszenario und der künstlerischen Zukunftsvision können Teilnehmende dann ihre Wärmewende konkret angehen. Das schafft nicht nur Verständnis und Akzeptanz, sondern begeistert und motiviert auch für die nächsten Schritte.

 

Am Ende ist klar: Veränderung braucht nicht nur politische Entscheidungen. Soll die Transformation weg von fossilen hin zu erneuerbaren Energien gelingen, gilt es, authentisch und auf Augenhöhe zu kommunizieren und die Bevölkerung vor Ort frühzeitig und proaktiv mit ihrem Wissen und ihren Vorstellungen in Veränderungen einzubeziehen.

Zahlreiche Vorreiterkommunen und Forschungen in Deutschland zeigen dabei seit vielen Jahren, wie es möglich ist, die Energiewende gemeinsam und mit dem Gemeinwohl im Blick umzusetzen. Mit der Energiewende haben wir die großartige Chance, unsere Energieversorgung und das Zusammenleben in den Kommunen neu und besser gestalten – gemeinsam mit Hirn und Herz.

Wie Kommunikation und Beteiligung auf kommunaler Ebene konkret gelingen können, steht im Mittelpunkt eines Workshops zum Projekt Enervi, der im Rahmen des Symposiums zum 85. Geburtstag von Hartmut Graßl stattfindet. Wie erreichen wir mehr Menschen und wie gestalten wir gemeinsam die Energiewende vor Ort? Kommen Sie vorbei, diskutieren Sie mit und gehen mit uns in einen transdisziplinären Lösungsdesign-Prozess. 

Umweltkrise und Demokratie

Hartmut Graßl ist einer der bedeutendsten Klimaforscher unserer Zeit. Zu seinem 85. Geburtstag veranstaltet die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) am 25. September 2025 in Hamburg das interdisziplinäre und intergenerationelle Symposium "Von den Alpen bis zum Watt". Es geht um Themen, die Hartmut Graßl besonders bewegen: Ursachen und Folgen der Klimakrise, Verlust von Biodiversität – und wie eine gerechte sozial-ökologische Transformation gelingen kann. Klimareporter°, zu dessen Herausgeberrat Graßl gehört, ist Medienpartner und begleitet das Symposium mit einer Beitragsserie.