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Die Versorgung des Militärs mit Energie im postfossilen Zeitalter

Geschichtlich gesehen wurden neue Technologien häufig zuerst militärisch genutzt. Bei der Dekarbonisierung ist das offenbar ganz anders. Die Bundeswehr wird in klimapolitisch wichtigen Dokumenten nicht einmal erwähnt.


Mehrere Bundeswehr-Kampfpanzer vom Typ Leopard 2A5 fahren über ein Feld.
Das Militär ist auf Druck der Nato-Staaten und Russlands von CO2-Berichtspflichten freigestellt. (Foto: Detmar Modes/​Bundeswehr/​Wikimedia Commons)

Die Historie lehrt zweierlei: Erstens entspricht das Militär technologisch den jeweiligen Grundoptionen seiner Epoche.

Zweitens war das Militär regelmäßig führend in der Entwicklung und Durchsetzung neuer Technologien. Vor diesem Hintergrund ist der Stand der heutigen Planungen des Militärs irritierend, weil ganz anders.

Das "Heute" ist charakterisiert als transitorischer Zustand: Wir bewegen uns heraus aus dem Regime, das mit der industriellen Revolution entstanden ist. Damals wurden die Segel-gestützte Traktion von Kriegsschiffen und die Biomasse-gestützte Traktion von Pferden für den Landtransport ersetzt durch Maschinen mit Verbrennungsmotoren, erst kohlebefeuert, schließlich überall mit Dieselkraftstoff.

Gilt die erste der beiden historischen Lehren, so wird eine dekarbonisierte Gesellschaft auch ein dekarbonisiertes Militär haben. Gemäß der zweiten müsste das Militär bei der Dekarbonisierung vorangehen, mithilfe seiner im Übermaß vorhandenen finanziellen und wissenschaftlichen Ressourcen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dieser Technologie-Wechsel auch diesmal eine Win-win-Situation für das Militär. Das Vorausgehen aber findet in Deutschland und Europa nicht statt.

In den USA ist das anders, wenn auch nur halbherzig: hinein mit Obama im Jahr 2015, heraus mit Trump, nun erneut hinein mit Bidens Federal Sustainability Plan. Die Nato, die militärische Klammer zwischen den USA und Europa, versucht ihre zögerlichen Mitglieder zum Mitmachen zu bewegen.

Unsichtbare Bundeswehr

Besonders zögerlich ist dabei Deutschland. Die gerade abgetretene Bundesregierung hatte sich in Paragraf 15 ihres Klimaschutzgesetzes zu einer klimaneutralen Bundesverwaltung mit dem Zieljahr 2030 verpflichtet. Enggeführt ist das jedoch mit dem Begriff "Verwaltung", wovon die Bundeswehr kein Teil ist.

In Absatz 3 ist die Selbstverpflichtung des Bundes zwar erweitert auf die "unter seiner Aufsicht stehenden Körperschaften, Anstalten und Stiftungen, ... Sondervermögen sowie ... sich ausschließlich oder zum Teil in seinem Eigentum befindenden juristischen Personen des Privatrechts". Die Bundeswehr fehlt jedoch.

Schaut man in die Pläne der neuen Bundesregierung, so enthält der Ampel-Koalitionsvertrag zum Ziel eines klimaneutralen Militärs nichts. Ohne klimaneutrale Bundeswehr aber ist ein klimaneutrales Deutschland bis 2045 nicht zu erreichen. Wieso dieses Versteckspiel mit dem Militär? Könnte man nicht mit einem Vorangehen des Militärs einiges an technischen Spillover-Effekten erreichen?

Immerhin wird im Koalitionsvertrag eine Novellierung des Gesetzes angekündigt: "Wir werden das Klimaschutzgesetz noch im Jahr 2022 konsequent weiterentwickeln." 

Man wird sehen, ob die Konsequenz so weit geht, dass auch eine "klimaneutrale Bundeswehr bis 20xx" als Ziel ins Klimagesetz aufgenommen wird. Möglicherweise bleibt das Militär aber unsichtbar – ein Zustand, der auch für andere Länder gilt und von internationalen Beobachtern mit Metaphern wie "Elefant im Raum" oder "unter dem Radar" beschrieben wird.

Militärische Logik

Der Energiebedarf des Militärs ist zweigeteilt: für stationäre Anwendungen Strom und Heizenergie – für mobile Zwecke Kraftstoff (fuel), konkret Diesel. Der kommende Primärenergieträger aber wird nicht länger aus der Erdkruste gefördert, er ist Elektrizität.

Elektrischer Strom unterscheidet sich von fuels durch die weit kompliziertere Speicherbarkeit, mit weit geringerer Dichte. Für mobile Anwendungen, wo der Energievorrat mittransportiert werden muss, ist deshalb weiterhin fuel, in Zukunft aus dekarbonisierten Quellen, der Energieträger der Wahl.

Die Frage ist lediglich, wo er in Zukunft hergestellt wird. Entweder zentral, in Großraffinerien wie heute – dann erfolgt der Transport zum Ort des Einsatzes mittels aufwändiger, verwundbarer militärischer Logistik. Oder dezentral – dann müssen die Mittel der Herstellung, also Kraftwerke und Elektrolyseure, auch dezentral verfügbar sein.

Auch die werden per militärischer Logistik an den Ort des Einsatzes gebracht. Aber ihr Transport ist weit weniger verletzlich als der von fuels, der der Menge wegen nur als Land- oder Seetransport möglich ist. Das US-Militär berichtet, dass es im Irak-Einsatz 52 Prozent seiner Verluste in den Jahren 2001 bis 2010 bei Angriffen auf Transporte zu Land zu verzeichnen hatte – Transportgüter sind typischerweise Kraftstoff und Trinkwasser.

Ein EU-Beamter erfuhr kürzlich von den westlichen Soldaten im Sahel, dass der Diesel-Nachschub mit Hubschraubern befördert werde, weil die Nutzung der Landroute zu gefährlich sei. Dabei verbrauche der Hubschrauber selbst mehr als die Hälfte des Kraftstoffs, den er liefert.

USA: Netto-Null-Beschaffung des Bundes

Das US-Militär verfolgte vor gut zehn Jahren bereits einmal ehrgeizige Pläne, den Nato-fuel des klimagerechten Zeitalters aus Kohle herzustellen – mit CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS). Das wurde zu den Akten gelegt. Zurzeit gibt es zwei verschiedene Programme beziehungsweise Planungen.

Eine Programmatik für das Militär insgesamt formulierte der von den Demokraten in den Kongress eingebrachte Climate Crisis Action Plan. Einer seiner Bausteine heißt: "Die Kraft des Militärs für Klimaneutralität und eine resiliente Energieversorgung nutzen".

Ähnlich der von der demokratischen Abgeordneten Veronica Escobar aus Texas eingebrachte Entwurf für ein "Gesetz über die Klimaresilienz und Einsatzbereitschaft des Verteidigungsministeriums". Danach soll das Pentagon "Netto-Null-Energie" für "militärische Einrichtungen" bereits 2030 erreichen. Man erkennt die konzeptionelle Klarheit bei der Versorgung stationärer Anlagen, aber auch die offenen Fragen beim Kerngeschäft des Militärs, bei mobilem Gerät und Waffensystemen.

Doch mit Präsident Bidens Executive Order vom 8. Dezember 2021 ist die Perspektive gesetzt, die in Europa fehlt: "Catalyzing Clean Energy Industries and Jobs Through Federal Sustainability" – es geht um die katalytischen Effekte, die ein entschlossenes innovatives Beschaffungswesen des Bundes für eine Dekarbonisierung der Wirtschaft auslösen kann.

Und in den USA ist hier das Militär eben dominant – mit Anteilen von 56 Prozent an den Treibhausgas-Emissionen der Bundesebene, 52 Prozent am Stromverbrauch und rund 180.000 "nicht-taktischen" leichten Fahrzeugen.

... und Mikro-Atomreaktoren

Eine Studie des Defense Science Board aus dem Jahr 2016 prognostizierte, dass der Elektrizitätsbedarf des Militärs zunehmen werde. Mikro-Reaktoren würden "die Logistik der vorgeschobenen Operationsbasen grundlegend verändern". Folglich wurde zu Erprobungszwecken eine "all-electric brigade" bei den Landstreitkräften eingerichtet.

Die US-Armee hat ein Programm zur Entwicklung mobiler Kernkraftwerke gestartet, in dessen Zentrum das Projekt "Pele" steht. Konzipiert wurde dabei ein Mikroreaktor, der auf Lastwagen und mit Flugzeugen transportiert werden kann.

Der Pele-Reaktor soll zwischen einem und fünf Megawatt elektrischer Leistung bieten und weniger als 40 Tonnen wiegen, das Gewicht des typischen US-Kampfpanzers. Seine äußeren Abmessungen erlauben es, ihn mit einem C-17-Transporter einzufliegen. Der Reaktor soll mit geringster Vorlaufzeit einsetzbar sein, und das sowohl auf frontnahen Basen als auch auf abgelegenen permanenten US-Basen wie etwa Guam.

Das Entwicklungs-Programm ist im Verteidigungshaushalt mit einem jährlichen dreistelligen Millionenbetrag eingestellt. Die Design-Phase soll in diesem Jahr enden, der Abschluss von Real-Tests soll bis Ende 2023 möglich werden.

Bundeswehr: Expertenkreise und Berichte

Die Bundeswehr umhüllt ihren CO2-Ausstoß mit Nebel. Mit einigem Recherche-Aufwand kann man ihn für das Jahr 2019 auf 1,45 Millionen Tonnen bestimmen. Aber: Der Energieverbrauch bei den Auslandseinsätzen, und der dürfte bedeutend sein, ist hier nicht eingerechnet. Auf den inländischen Bedarf für den Betrieb von Infrastrukturen entfallen 0,82 Millionen Tonnen CO2 und auf die militärische Mobilität 0,63 Millionen Tonnen.

Und nun die Überraschung: Die Bundeswehr steht zu dieser Herausforderung fachlich seit Mitte 2017 in den Startlöchern. Es wurde erkannt, dass es bei der Klimaneutralität der zukünftigen Energieträger für die Streitkräfte darum geht, anschlussfähig zu werden an die entsprechenden technologischen Entwicklungen vor allem im zivilen Sektor Verkehr.

Porträtaufnahme von Hans-Jochen Luhmann.
Foto: Wuppertal Institut

Jochen Luhmann

studierte Mathematik, Volks­wirtschafts­lehre und Philosophie und promovierte in Gebäude­energie­ökonomie. Er war zehn Jahre als Chef­ökonom eines Ingenieur­unternehmens und 20 Jahre am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie tätig. Er ist Vorstands­mitglied der Vereinigung Deutscher Wissen­schaftler und dort Mitglied der Studien­gruppe Europäische Sicherheit und Frieden.

Im Bundesverteidigungsministerium wurde ein Expertenkreis "Mobile Energiesysteme" eingerichtet, in dem die Möglichkeiten und Auswirkungen neuer, vornehmlich ziviler Technologietrends für die künftige militärische Mobilität wissenschaftlich zusammengetragen, analysiert, bewertet und aufbereitet werden. Ergebnisse zu etlichen Themenfeldern, darunter "integrale energetische Systemarchitektur", synthetische Kraftstoffe und Energiespeicher, wurden im Juni 2019 in einem Bericht über "Entwicklungen im Bereich der Energieträger für mobile Systeme" zusammengefasst.

Neben dem Expertenkreis für mobile Energiesysteme wurde auch einer für stationäre Energiesysteme eingerichtet. Das Dach für beide ist der im Juli 2017 im Rahmen der "Strategischen Steuerung Industriedialog" des Verteidigungsministeriums konstituierte Gesprächskreis "Nachhaltige innovative Energiesysteme". Darin vertreten sind Experten aus Forschung, Rüstungsindustrie und Bundeswehr, die sich mit Klima-, Nachhaltigkeits- und Energiepolitik befassen.

Aber trotz der guten Voraussetzungen kam man überein, nicht in Führung gehen zu wollen. Man wollte auf die zivile Seite warten. Gilt also doch nicht die historische Erfahrung, dass die üppig finanzierte militärische Technologie-Entwicklung Gutes für das Zivile auslösen kann? Statt in weitere Militär-Orchester oder neue Marine-Stützpunkte zu investieren, wäre das Geld hier doch deutlich besser angelegt.

Man wundert sich auch, weshalb die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) das Thema nicht von sich aus längst aufgegriffen hat – vielleicht will sie erst gebeten werden, mit einem Sonderauftrag von der neuen Bundesregierung.

Nato: "Freiwillige Ziele"

Auf Nato-Ebene ist man weiter. Im September 2020 erklärte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg: "Länder auf der ganzen Welt haben sich das Ziel gesetzt, 2050 keine CO2-Emissionen mehr zu verursachen. Ich denke, es ist an der Zeit zu prüfen, wie die Nato und unsere Streitkräfte zu diesem Ziel beitragen können."

Stoltenberg schlug vor: "Der erste Schritt könnte darin bestehen, freiwillige Ziele für die Bündnispartner zu erwägen, um diese Emissionen schrittweise zu reduzieren."

Beim "Leaders Summit on Climate", dem virtuellem Klimagipfel von US-Präsident Biden im April vergangenen Jahres, klang die Botschaft des Nato-Generalsekretärs ganz ähnlich. Doch es scheint die Botschaft eines Rufers in der Wüste zu sein – oder die einer lame duck: Stoltenbergs Amtszeit geht im kommenden September zu Ende.

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