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Die Regierungen wollen einfach nicht

Die Erderhitzung noch bei 1,5 Grad zu halten, würde an ein Wunder grenzen. Das kann man dem neuen Bericht des Weltklimarats entnehmen. Entscheidende Punkte haben die Regierungen aber aus der üblichen Zusammenfassung herausverhandelt. So kann das nichts werden.


Hier ist ein Mensch zu sehen, der einem startenden Flugzeug zuschaut
"50 Prozent der Treibhausgas-Emissionen aus dem Luftverkehr entfallen auf die obersten ein Prozent." Auch diese Formulierung, die Verantwortung klar benennt, wurde aus der Zusammenfassung des Berichts gestrichen. (Foto: Hong Kong/​Pixabay)

Das waren zähe Verhandlungen: Zwei Tage länger als geplant stritten sich die Regierungen über Formulierungen in der "Zusammenfassung für Entscheidungsträger" von Teil drei des Weltklimaberichts, der dann am Montagnachmittag erschien.

Eigentlich haben die Regierungen bei den Berichten nichts zu sagen. Diese werden von Tausenden Forscherinnen und Forschern ehrenamtlich zusammengestellt, um gemeinsam den aktuellen Erkenntnisstand der Klimawissenschaft darzulegen.

Dabei sollen sie, so der IPCC-Auftrag, wissenschaftliche Bewer­tungen liefern zum Ausmaß des Klimawandels (das ist der erste Teil des Berichts), zu den möglichen ökologischen und sozio-ökonomischen Auswirkungen (Teil zwei) und zu "realistischen Reaktions­strategien" (Teil drei).

Anders sieht es bei der sogenannten Summary for Policymakers aus, die gezielt für Politiker:innen formuliert ist und die oft mehr als tausendseitigen Berichte auf rund 60 Seiten zusammengefasst.

Hier können die Regierungen direkt Einfluss nehmen, wenn die Delegierten der IPCC-Mitgliedsstaaten in der abschließenden Plenarsitzung mit den jeweils hauptverantwortlichen Wissenschaftler:innen zusammensitzen, um über den Entwurf der Zusammenfassung zu verhandeln. Denn diese Kurzfassung muss von den Ländern Satz für Satz verabschiedet werden.

Der Vorteil ist, dass die Länder so die wissenschaftlichen Aussagen der Berichte offiziell anerkennen. Das ist wichtig.

Es gibt aber auch einen schwerwiegenden Nachteil. Ausgerechnet bei dem Dokument können die Regierungen mitreden, das sich explizit an sie richtet. Sie haben somit die Wahl, was sie zur Kenntnis nehmen wollen und was nicht.

Anders gesagt: An den zugrundeliegenden wissenschaftlichen Fakten können die Regierungen zwar nichts ändern. Sehr wohl aber können sie dafür sorgen, dass die Fakten in Narrative eingebettet werden, die ihren Interessen entsprechen.

Hinweise auf Verantwortliche sind verschwunden

Dass sich die Abschlussdiskussion diesmal über 40 Stunden hingezogen hat, sagt viel darüber aus, wie ernst die Lage mittlerweile ist. Vergleicht man die jetzt verabschiedete Zusammenfassung mit einer vorab bekannt gewordenen früheren Fassung, sieht man vielsagende Unterschiede.

Klare Formulierungen wurden gestrichen, etwa dass eine "substanzielle Reduktion fossiler Energien" notwendig ist. Statt eindeutig auf die billige und risikoarme Solar- und Windenergie hinzuweisen, wird nun fossile Energie mit CO2-Speicherung (CCS) als Lösung genannt. Auch ein Hinweis auf Risiken der Atomkraft wurde entfernt.

Im Vergleich zu einem Dokument, das letzten Sommer geleakt wurde, fehlen weitere wichtige Aussagen. Etwa, dass "institutionelle Trägheit" zu dem Risiko führt, "künftige Treibhausgasemissionen festzuschreiben, die kostspielig oder schwer zu reduzieren sein könnten".

Verena Kern ist stellvertretende Chefredakteurin von Klimareporter°.

Oder dass "Eigeninteressen" und die Konzentration auf einen schrittweisen statt systemischen Ansatz die ehrgeizige Transformation einschränken.

Verschwunden ist auch die klare Benennung, wer für die Klimakrise die größte Verantwortung trägt – nämlich die reichsten zehn Prozent der Menschheit. Sie verursachen 36 bis 45 Prozent aller weltweiten Treibhausgasemissionen, während die ärmsten zehn Prozent nur für drei bis fünf Prozent der Emissionen verantwortlich sind.

Wird aber nicht klar benannt, durch wen und durch was ein Problem verursacht wird, ist es kaum möglich, dieses Problem tatsächlich zu lösen – weil unklar bleibt, wo man am besten ansetzen und wie man vorgehen müsste.

Die Regierungen müssen sich fragen lassen, ob sie eine Lösung überhaupt wollen.

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