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Wie grün ist Ökogas?

Mit grünem Gas wollen Gasversorger Kund:innen eine Alternative für ihre Heizung bieten. Was hinter den verschiedenen Angeboten steckt und wie nachhaltig sie wirklich sind.


Ein Heizkörper
Wie können wir künftig klimafreundlich heizen? (Foto: Gelly/​Pixabay)

Der Ökostromanbieter Lichtblick sorgt sich um seine Klimabilanz. Zwar werden Ökostrom und Wärmestrom bei Lichtblick zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen gewonnen, beim "Ökogas" ist das jedoch anders. Hier fielen im vergangenen Jahr 414.000 Tonnen an CO2 an. Damit waren die Gaslieferungen nach Angaben des Unternehmens für 73 Prozent des Klimafußabdrucks von Lichtblick verantwortlich.

Lichtblick ist kein Einzelfall. Der Großteil der Treibhausgase im Gebäudesektor entsteht nach Angaben des Bundesumweltministeriums durch die Verbrennung von fossilen Energieträgern, vorwiegend Gas. Zudem ist Deutschland vor allem von einem Lieferanten abhängig: Russland. Bis 2030 sollen die Emissionen inm Gebäudesektor um 68 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken. Und dennoch: Im vergangenen Jahr wurden mehr als 650.000 neue Gasheizungen installiert. 

Für Gasanbieter eröffnet sich damit ein Geschäftsfeld: nachhaltiges Gas. Tatsächlich finden sich zahlreiche Tarife, die mit klimaneutralem oder klimafreundlichem Gas werben. Ist grünes "Ökogas" also die Lösung? Wie nachhaltig sind solche Produkte wirklich?

Hinter den Tarifen stecken im Wesentlichen drei Methoden: Biogas, Kompensationsgas und Power-to-Gas.

Bioenergie oder Lebensmittel?

Biogas wird von Bakterien produziert, indem sie pflanzliche und tierische Biomasse umsetzen. Aus dem Großteil wird in Blockheizkraftwerken Strom und Wärme gewonnen. Nur ein geringer Teil wird auf die Qualität von Erdgas aufbereitet und ins Gasnetz eingespeist.

Nach Angaben des Fachverbands Biogas gab es 2020 gut 9.500 Biogasanlagen. Davon stellten jedoch nur 235 Biogas für das Stromnetz zur Verfügung. Etwas mehr als zehn Milliarden Kilowattstunden Biogasstrom wurden in dem Jahr laut Bundesnetzagentur ins Netz eingespeist – ein winziger Bruchteil bei einer Gesamtmenge von fast 1,8 Billionen Kilowattstunden im deutschen Netz.

Martin Pehnt ist wissenschaftlicher Geschäftsführer am Institut für Energie- und Umweltforschung Ifeu in Heidelberg und leitet den Fachbereich Energie. Für ihn ist Biogas grundsätzlich eine "gute Sache" – solange es aus Reststoffen gewonnen wird, etwa aus Gülle. Dabei könne zusätzlich noch Methan aufgefangen werden.

Den Anbau von Mais oder anderen Rohstoffen für Biogas sieht er hingegen mit Skepsis. "Wir haben in Deutschland nur eine bestimmte Fläche. Das Ausbaupotenzial ist nicht unbegrenzt skalierbar."

Tatsächlich stammt schon heute ein Großteil des Biogases aus dafür angebauten Energiepflanzen wie Mais, Getreide oder Gras, wobei es sich keineswegs um biologischen Anbau handelt, wie manche vielleicht vermuten. Nur rund 20 Prozent des Ausgangsmaterials sind nach Angaben des Umweltbundesamtes Reststoffe, Bioabfälle oder Gülle.

Angesichts begrenzter Flächen konkurrieren also eigens für Biogas angebaute Pflanzen direkt mit der Produktion von Nahrungsmitteln. Wenn natürliche Ökosysteme als neue Anbauflächen erschlossen werden, zerstört das Lebensräume und mindert die Biodiversität. Auch können zusätzliche Treibhausgase emittiert werden.

Das vorhandene Biogas wird laut Pehnt in anderen Bereichen unabkömmlich: in der Chemieindustrie, für Prozesswärme und für eine künftig sichere Stromversorgung. "Wir brauchen flexible Gaskraftwerke, um uns in wind- und sonnenarmen Zeiten mit Strom zu versorgen. Auch diese Kraftwerke müssen irgendwann dekarbonisiert werden", betonte er.

Für das Gas zeichneten sich daher klare Nutzungskonkurrenzen ab. "Für Gebäude gibt es bessere Lösungen als Biogas."

In Tarifen von Gasversorgern ist in vielen Fällen nur ein geringer Anteil Biogas enthalten, der Rest ist fossiles Erdgas. Eine Zertifizierung bietet das "Grünes-Gas-Label". Es wird für Tarife vergeben, die mindestens zehn Prozent Biogas enthalten, wenn dieses nachhaltig und regional produziert wird.

Kompensieren oder Vermeiden?

Vielfach versteckt sich hinter der Bezeichnung Ökogas auch fossiles Gas, dessen Treibhausgasemissionen über Klimaschutzprojekte bereits vom Anbieter kompensiert werden. In der Regel kaufen die Gasanbieter dazu Emissionszertifikate bei externen Anbietern. Das soll garantieren, dass in den Ausbau erneuerbarer Energien, in Aufforstung oder Energieeffizienz-Projekte investiert wird.

Die Idee hinter solchem Kompensationsgas: Der CO2-Ausstoß durch das Verbrennen des fossilen Erdgases wird an anderer Stelle wieder eingespart.

Das Prinzip ist jedoch umstritten. Vor allem wegen fehlender Standards und mangelnder Transparenz ist vielfach nicht klar, welche Klimaschutzprojekte finanziert werden und wie groß dabei der tatsächliche Effekt für das Klima ist.

Aus Sicht des Umweltbundesamts ist Kompensation nur ein letzter Schritt, wenn sich Treibhausgase nicht mehr vermeiden und reduzieren lassen. Auch Pehnt betont vor diesem Hintergrund die Grenzen von Kompensationsgas. "Wir müssen langfristig unsere gesamte Gesellschaft dekarbonisieren." Kompensiertes Erdgas könne daher keine Lösung sein.

Viele Ökogas-Tarife sind dabei eine Mischung aus Kompensations- und Biogas: Das Biogas macht einen bestimmten Prozentsatz aus, der Rest ist kompensiertes fossiles Gas.

Für Kompensationsgas bietet der TÜV Nord mit "Klimaneutraler Gasverbrennung" und "Klimaneutralem Gasprodukt" zwei verschiedene Zertifikate an. Bei dem ersten muss lediglich die Verbrennung kompensiert werden, das zweite berücksichtigt auch die Lieferkette.

"Große Verluste auf dem Weg vom Strom zum Gas"

Power-to-Gas ist eigentlich ein Sammelbegriff für Gase, die "aus Strom" hergestellt werden. In diesem Fall wird aus Wasser mithilfe von Strom Wasserstoff und daraus wiederum Methan produziert.

"Der Nachteil bei Power-to-Gas ist, dass man große Verluste auf dem Weg vom Strom zum Gas hat", erläutert Pehnt. Im Vergleich zum Heizen mit Gas aus Power-to-Gas sei eine Wärmepumpe fünf- bis sechsmal effizienter.

Daher sollte man – wie beim Biogas – nur in den Bereichen auf Power-to-Gas setzen, in denen man nicht direkt elektrifizieren kann, etwa beim Einsatz in der Chemieindustrie oder als Energiespeicher.

Aus Sicht von Pehnt bietet daher keines der vermeintlich ökologischen Gase einen Ausweg. Letztlich müsse es darauf hinauslaufen, beim Heizen vom Gas wegzukommen. "Wärmepumpen und – wo es sie gibt – Wärmenetze müssen langfristig die Lösung sein", empfiehlt Pehnt.

Erneuerbare Alternativen seien im Vergleich zu fossilen Heizungen über die Lebensdauer gerechnet in vielen Fällen nicht teurer – auch dank umfangreicher staatlicher Förderung von teilweise über 50 Prozent bei der Anschaffung und aufgrund des stetig steigenden CO2-Preises.

Dennoch sieht Pehnt auch die Politik in der Pflicht. "Es braucht einen langfristig stabilen Förderrahmen und auch den Anspruch auf einen Kredit, damit auch ärmere Haushalte auf das Geld für eine neue Heizung zurückgreifen können."

Über kurz oder lang hilft nur der Gas-Ausstieg

Bei Lichtblick steht hinter "Ökogas" kompensiertes Erdgas. Daher ist es auch für den Klimafußabdrucks des Unternehmens relevant: Für die Kund:innen gilt es zwar als klimaneutral, Lichtblick selbst bleibt nach den Kriterien der Vereinten Nationen jedoch voll verantwortlich für die Emissionen.

Auf Dauer sei Kompensation keine Lösung, betont auch Lichtblick-Sprecher Ralf Kampwirth. Sie könne sinnvoll sein, wenn sich Emissionen noch nicht einsparen lassen. Wichtiger sei es jedoch, Klimagase direkt zu vermeiden. Für die Anbieter bedeute das langfristig einen Ausstieg aus dem aktiven Gasvertrieb.

Was langfristig dabei bedeutet, lässt Kampwirth offen. Bislang gebe es noch zu viele Gasheizungen. Es sei nicht zielführend, wenn Lichtblick den Gasvertrieb direkt stoppe und die Kund:innen zu anderen Anbietern wechseln müssten. Denn bei Lichtblick würden die Emissionen wenigstens kompensiert. Zudem arbeite Lichtblick an klimafreundlicheren Angeboten für die Kund:innen mit Gasheizung.

Auf Dauer muss auch aus Sicht von Kampwirth aber das Heizen mit Strom attraktiver werden. Schon jetzt sei Lichtblick einer der größten Anbieter von Heizstrom in Deutschland. Künftig wolle man auch in den Vertrieb von Wärmepumpen einsteigen.

Spätestens 2035 will Lichtblick klimaneutral sein – ohne kompensieren zu müssen. "Deutlich vor diesem Datum müssen wir aus dem Gasvertrieb aussteigen", erklärt Kampwirth.

Redaktioneller Hinweis: Lichtblick-Koordinator Ralf Schmidt-Pleschka gehört dem Herausgeberrat von Klimareporter° an.

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