Kein Wärmen mehr mit Erdgas ab 2030

Die Ökostromgenossenschaft EWS Schönau gab nicht nur eine Studie in Auftrag, um einen Erdgas-Ausstieg im Wärmemarkt bis 2030 zu prüfen – sie korrigierte auch selbst ihr Verhältnis zu dem fossilen Energieträger.


Heizung
Wie Ihr Heizkörper von innen aussieht, müssen Sie nicht wissen – wie klimafreundlich Ihre Heizung ist, schon. (Foto: Gelly/​Pixabay)

Vor Irrtümern ist ein Ökostrom-Pionier wie EWS Schönau nicht gefeit. In der ersten Phase der Energiewende habe man den Einsatz von Erdgas im Wärmebereich "als sinnvollen Baustein propagiert", räumte EWS-Vorstand Sebastian Sladek kürzlich ein.

Die Hoffnung war, dass Erdgas die noch schädlicheren Energieträger Öl und Kohle verdrängen würde. So stellten es sich auch Umweltorganisationen wie Greenpeace vor.

Mittlerweile sieht man das ziemlich anders. "Erdgas kann kein Baustein einer klimaneutralen Wärmewende sein – und muss es auch nicht", betonte Sladek Mitte des Monats bei der Vorstellung einer "Roadmap für den Gasausstieg im Wärmesektor".

Ausgearbeitet wurde der Fahrplan im EWS-Auftrag vom Thinktank Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS). Und als wollte sie die alte Position in gewisser Weise radikal vergessen machen, ergab die Untersuchung: Deutschland könnte im Wärmesektor schon bis 2030 aus dem Erdgas aussteigen.

Das erste Mittel dazu wäre ein Preisaufschlag. Der nationale CO2-Preis sei zwar ein erster Schritt, aber noch immer seien knapp drei Viertel der durch Erdgas im Gebäudesektor entstehenden Klimakosten nicht eingepreist, erläuterte Studienautorin Isabel Schrems vom FÖS.

Der "echte" Erdgaspreis für Haushalte müsste danach mit 9,1 bis 9,6 Cent je Kilowattstunde etwa um die Hälfte höher ausfallen als der aktuelle Gaspreis für Haushalte. Den beziffert die Studie mit rund 6,1 Cent. Schätzungen der Erdgasbranche selbst kommen für 2021 auf sieben Cent.

Um die Klimakosten von Erdgas real widerzuspiegeln, müsste der CO2-Preis bis 2030 ziemlich steil ansteigen – laut Roadmap auf etwa 215 Euro je Tonne CO2. Wenn das die nationale CO2-Bepreisung, die sich ab 2026 nach dem Markt richten soll, nicht hergebe, müssten entsprechende Mindestpreise her.

Die Einnahmen könnten dann, schlägt die Studie weiter vor, auch als "attraktive Austauschprämien für Gasheizungen" zurückfließen. Das Erdgas würde dann seine Abschaffung in gewisser Weise selbst bezahlen.

Methanschlupf und Methanleckagen

Ein Grund für die recht hohen Klimakosten des Gases und den rasch nötigen Ausstieg sind die Austritte von Methan an die Atmosphäre. Diese würden bisher noch zu wenig berücksichtigt, betonte Schrems.

Methan ist ein starkes Treibhausgas. Um die Menge, die in die Atmosphäre gelangt, richtig einschätzen zu können, fehle es aber an unabhängigen Messungen und Studien, wird in der Studie beklagt.

Unterschieden wird zwischen Methanleckagen und Methanschlupf. Von Schlupf wird gesprochen, wenn beim Verbrennen von Erdgas Methan entweicht. "Die Datenlage ist hier schlecht", sagte Schrems. Der Methanschlupf bei Verbrennungsprozessen in Deutschland könne derzeit nicht beziffert werden.

Kaum besser sieht es bei den Leckagen aus. Die treten entlang der Lieferkette von Erdgas auf: bei Förderung, Aufbereitung, Transport, Verteilung und Speicherung. Methan gelangt aus Bohrlöchern ebenso an die Luft wie aus undichten Stellen der Pipelines und Verdichterstationen. Gas wird auch absichtlich abgelassen, etwa bei der Wartung und Reparatur der Leitungen.

Die Klimawirkung der Methanemissionen im deutschen Wärmesektor geben Schrems und ihre Mitautoren deswegen mit der Spannbreite von jährlich 4,4 bis 20 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent an. Genauer bestimmbar sind die CO2-Emissionen, die durch die Erdgasverbrennung in dem Sektor entstehen – für Raum- und Fernwärme sowie Warmwasser. Laut Studie sind es jährlich rund 87 Millionen Tonnen.

Hinzu kommt nun also der Klimaeffekt der Methanemissionen. Die Studie beziffert entsprechend die gesamten CO2-Emissionen im Raumwärmesektor auf jährlich 91,5 bis 107 Millionen Tonnen CO2. Das ist ein Achtel bis ein Siebentel der aktuellen deutschen Treibhausgasemissionen.

Als erster Schritt ein Investitionsstopp

Auf jeden Fall zeige die Studie, dass die wahren Klimakosten durch Erdgas weit höher sind als der aktuelle Preis, betonte FÖS-Chefin Carolin Schenuit. Diese Kosten schnellstmöglich einzupreisen sei klimapolitisch dringend angezeigt.

Der Preis allein werde es aber nicht richten, so Schenuit weiter. Für den Erdgasausstieg würden auch ordnungspolitische und planungsrechtliche Maßnahmen gebraucht.

Der Fahrplan listet einige solcher Instrumente auf: strengere Effizienzvorgaben für Gebäude, Mindestanteile für erneuerbare Wärme im Gebäudebestand, Einbauverbot für Gasheizungen und "Nachschärfen" der Austauschpflicht.

Frieren muss deswegen aber niemand. Die FÖS-Studie beziffert das technische Potenzial erneuerbarer Wärme für 2030 auf fast das Doppelte des heutigen Energieverbrauchs im Wärmesektor. Genügend Alternativen seien verfügbar: Solarthermie, Biomasse, Umweltwärme, Geothermie, Abwärme und anderes mehr.

"Damit ist es sehr wahrscheinlich, dass in Deutschland zum Ende des Jahrzehnts genügend erneuerbare Wärme für den Gebäudebereich erzeugt werden kann. Bis 2030 ist der Ausstieg aus der Nutzung aller fossilen Energieträger machbar, inklusive Erdgas", fasste FÖS-Autorin Schrems bei der Vorstellung der Untersuchung das Ergebnis zusammen.

Ein erster Schritt wäre für Schrems, die Erdgasinfrastruktur nicht weiter auszubauen. Im Moment ist Deutschland laut Studie das Land mit den zweithöchsten geplanten Gasinvestitionen in Europa. Mehr als 18 Milliarden Euro würden für Kraftwerke, Gasnetze und Flüssiggas-Terminals veranschlagt, zitiert die Studie aus einschlägigen Quellen.

Wasserstoff als Heizungsalternative kommt in der Roadmap übrigens nicht vor. Schenuit begründet das mit der enormen Unsicherheit, wann und wo welche Mengen an grünem Wasserstoff verfügbar wären. Zudem hätten die jetzt schon bekannten Alternativen genügend Potenzial und seien leichter zu erschließen als Wasserstoff.

Wie EWS-Vorstand Sladek selbst zu Wasserstoff steht, war bei der Präsentation der Roadmap nicht zu erfahren. Auf jeden Fall ist es möglich, unter bestimmten Voraussetzungen bei EWS Schönau einen Investitionszuschuss auch für den Einsatz von Brennstoffzellen zu beantragen, die Wasserstoff oder Erdgas nutzen, um Strom und Wärme zu erzeugen.

Redaktioneller Hinweis: EWS-Vorstand Sebastian Sladek ist Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°

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