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Kann russisches Erdgas hundertprozentig ersetzt werden?

Was ein Lieferstopp bei russischem Erdgas für Folgen in Deutschland hätte, gilt derzeit als die Millionen-Euro-Frage. Entsprechende Szenarien haben jetzt Energieexperten durchgespielt. Am meisten würde wohl ein warmer Winter helfen.


Der Thermostat an einem Heizkörper ist niedrig eingestellt.
Eine wichtige Stellschraube in der Erdgaskrise befindet sich an der Heizung. (Foto: Thomas Breher/​Pixabay)

Über die Hälfte der Menschen hierzulande befürwortet laut einer ZDF-Umfrage einen Stopp der Erdgas- und Erdöl-Importe aus Russland, um die Finanzierung von Putins Militärmaschine zu stoppen – genau sind es 55 Prozent. Und zwar auch für den Fall, dass es dann zu Problemen bei der Gasversorgung kommt.

Energieexperten des Thinktanks Agora Energiewende und der Berliner Beratungsfirma Energy Brainpool haben jetzt unabhängig voneinander einmal durchgerechnet, ob und wie Deutschland ohne das russische Gas durch den Winter käme.

Agora Energiewende kommt in einer Kurzstudie zum Ergebnis: Deutschland könnte seinen Erdgasbedarf von etwas mehr als 900 Terawattstunden, der derzeit zu rund 55 Prozent aus Russland gedeckt wird, innerhalb der nächsten fünf Jahre um etwas mehr als ein Fünftel oder 200 Terawattstunden reduzieren. Eine Terawattstunde sind eine Milliarde Kilowattstunden.

Möglich würde diese Einsparung durch eine deutliche Steigerung der Energieeffizienz, den Ausbau der erneuerbaren Energien, die Umstellung von Heizungen auf Wärmepumpen sowie die Elektrifizierung von Herstellungsprozessen in der Industrie – alles in fünf Jahren, wohlgemerkt.

Für den Fall, dass die russischen Gasimporte gänzlich gestoppt werden, könnte sich Deutschland laut der Analyse zwar teilweise auf andere Erdgas-Lieferländer umstellen, es bliebe allerdings ein offener Ersatzbedarf von rund 290 Terawattstunden.

Auch dieser könne durch Energieeinsparung und alternative Energiequellen zumindest vorübergehend zu einem großen Teil kompensiert werden. Dazu wären in einer ersten Stufe moderate bis starke Einschränkungen und Produktionskürzungen in der Industrie nötig, auch eine Absenkung der Raumtemperatur in allen Gebäuden um ein halbes bis ein Grad sowie kleinere Effizienzmaßnahmen wie das Abdichten von Fenstern.

Weitere Sofortmaßnahmen wären aber nötig, so der Ersatz von Gaskraftwerken durch zusätzliche erneuerbare Energien oder einen Rückgriff auf Kohle oder Öl. In der Industrie wäre der Umstieg auf andere Brennstoffe für die Prozesswärme im Umfang von 15 Prozent erforderlich. Zudem müsste die Verwendung von Erdgas in der Chemieindustrie zur Herstellung von Produkten halbiert werden.

Stufe zwei mit staatlichem Schutzschirm

In einer zweiten, der Supersparstufe gewissermaßen, könnten die Maßnahmen aus Sicht von Agora Energiewende noch verstärkt werden: Raumtemperatur um ein bis 1,5 Grad senken, Erdgas in der Prozesswärme zu 33 Prozent ersetzen, nur noch ein Viertel Erdgas in der Chemieproduktion gegenüber dem Niveau von 2021 nutzen.

Die Agora-Experten schreiben: "Die Produktion würde damit zum Teil aufrechterhalten werden, um Unterbrechungen von Lieferketten durch Kaskadeneffekte entgegenzuwirken."

Allerdings müsste das alles gut koordiniert werden, so der Thinktank. "Zur Krisenbewältigung braucht es sowohl eine Industrie, die ihre Handlungsoptionen voll ausschöpft, als auch – ähnlich wie in der Corona-Pandemie – einen staatlichen Schutzschirm für die Unternehmen", sagte Agora-Deutschlandchef Simon Müller.

Dazu gehörten die Deckung von Betriebskosten im Fall von Produktionsausfällen und ein Schutz für die Beschäftigten durch Kurzarbeit. Zudem brauche es eine breit angelegte Informationskampagne zum Energiesparen und für Effizienz. "Die Bundesregierung muss soziale Härten infolge steigender Energiekosten abfedern. Vor allem die einkommensschwachen Haushalte brauchen zudem finanzielle Unterstützung für Energieeffizienzmaßnahmen", forderte Müller.

Alles in allem ließe sich durch die Einspar- und Kompensationsmaßnahmen der Erdgasbedarf um rund 160 bis 260 Terawattstunden senken, so die Studie. Verglichen mit dem anfänglichen Ersatzbedarf bei einem Totalausfall des russischen Erdgases ergebe sich für Deutschland immer noch eine Lücke von 30 bis 130 Terawattstunden.

Die Speicher füllen kann vorerst nur Russland

Nach Ansicht von Energy-Brainpool-Chef Tobias Federico, der die Erdgas-Situation in einem Blogbeitrag analysierte, würde sich der Ausfall Russlands nicht sofort auf den Gasverbrauch auswirken. Spürbar werde der Ausfall erst, wenn es zu Spitzenverbräuchen im ersten Quartal des kommenden Jahres kommen wird. Üblicherweise sei das die kälteste Zeit des Winters.

Der hohe Gasbedarf für diese Monate könne nur gedeckt werden, wenn genügend Gas aus Speichern hinzukomme. Ohne Russlands Lieferungen blieben jedoch die Erdgasspeicher in Europa nur zu 30 Prozent gefüllt, schreibt Federico. Diese Reserve wäre dann in den ersten Monaten der Heizperiode aufgebraucht – es könne also zu Engpässen in der zweiten Phase des Winters kommen.

Kurvendiagramm: Der Gaspreis sinkt bis 2030 von bis zu 140 auf unter 40 Euro pro Megawattstunde und stabilisiert sich dort sehr langfristig.
So sieht Tobias Federico die Preisentwicklung bei Erdgas und später Wasserstoff bis 2050. Erst die Inbetriebnahme von LNG-Terminals ab 2026 bringe wirkliche Entspannung. (Grafik: Energy Brainpool)

Kurzfristig lasse sich die Lieferlücke nur durch einen reduzierten Erdgasverbrauch schließen, betont der Energy-Brainpool-Geschäftsführer. Denn die anderen Energieträger – Erdöl und Steinkohle – wären ebenfalls von einem Lieferausfall durch Russland betroffen.

Mit neuen LNG-Terminals zum Import von Flüssigerdgas rechnet Federico frühestens für 2026. Bis dahin werde der Markt in Europa von "Panik", Kältewellen in Asien und den LNG-Exportkosten geprägt sein, sagt er voraus. Dieser Zustand werde sich erst ändern, wenn erneuerbarer Wasserstoff als Alternative zum Erdgas das Preisniveau bestimme.

Längere AKW-Laufzeiten brächten nicht viel

Beide Forscherteams erteilen übrigens einer Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke eine Absage. Agora Energiewende rechnet dabei nur mit einer zusätzlichen Laufzeit der AKW von drei Monaten, weil kurzfristig keine neuen Brennelemente eingesetzt werden dürften.

In Summe könnte der verlängerte AKW-Betrieb lediglich drei Terawattstunden Erdgas einsparen, so der Thinktank. Der Grund für den geringen Effekt liege in der Fernwärmeauskopplung der Erdgaskraftwerke. Diese lasse sich nicht durch die bestehenden Atom- oder Kohlekraftwerke ersetzen.

Für Federico von Energy Brainpool ergäbe sich durch verlängerte AKW-Laufzeiten zwar eine Ersparnis von 17 Terawattstunden Erdgas im Jahr – verglichen mit dem Jahresverbrauch sei das aber viel zu wenig. Stärker als Laufzeitverlängerungen würde helfen, die Raumtemperaturen im Haushaltsbereich zu senken, betont Federico. Erste Schätzungen gingen dabei von einem Spareffekt von 21 Terawattstunden pro Jahr aus.

Als größte Unsicherheit bei der Frage, wie gut Deutschland ohne russisches Gas durch den nächsten Winter kommt, sehen beide Beratungsinstitute den Mehrverbrauch von Erdgas, besonders von Heizgas, in einem kalten Winter. Die historische Schwankungsbreite des winterlichen Erdgasverbrauchs in Deutschland beziffert Federico auf 67 Terawattstunden.

Agora Energiewende sieht die Schwankungsbreite bei bis zu 50 Terawattstunden. In Jahren mit warmem Winter könne der Ersatzbedarf für russisches Erdgas dabei noch um bis zu 20 Terawattstunden niedriger liegen – in kälteren Wintern um bis zu 20 Terawattstunden höher.

Besonders wirksam gegen die Abhängigkeit von Putins Erdgas sind somit, so makaber es klingen mag, warme Winter, wie sie der Klimawandel zunehmend hervorbringt.

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