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"Holzstädte" als Klima-Lösung

Der Bausektor könnte den Umschwung bringen, wenn auf Stahlbeton verzichtet würde, so eine neue Studie. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber ist überzeugt, dass im Holzbau ein Schlüssel für den Klimaschutz liegt. Voraussetzung wäre allerdings umfassende Nachhaltigkeit.


18-stöckiges Holzhochhaus
Blockhaus XXL: 2019 wurde im norwegischen Brumunddal das mit 85 Metern höchste Holzgebäude der Welt eröffnet. (Foto: Øyvind Holmstad/​Wikimedia Commons)

Häuser müssen nicht aus Stein sein. Selbst Hochhäuser nicht. Auch Holz taugt als Baustoff dafür.

Das derzeit höchste Holzhochhaus der Welt steht im norwegischen Brumunddal. Es ist 85 Meter hoch und hat 18 Stockwerke. In dem Komplex finden sich neben Hotelzimmern auch Büros, ein Restaurant, ein Veranstaltungssaal, 33 Wohnungen und eine öffentlich zugängliche Dachterrasse.

Das höchste deutsche Holzhaus soll mit 65 Metern in der Hamburger Hafencity entstehen. Der Bau hat bereits begonnen. Auch in Pforzheim wird ein Holzhochhaus gebaut.

Bisher ist diese Bauweise die Ausnahme. Neue Häuser, vom Einfamilien- bis zum Hochhaus, werden fast durchweg mit Stein, Beton und Stahl gebaut. Doch das ist ein großes Umwelt- und Klimaproblem.

Der Gebäudesektor hat weltweit einen Anteil von rund 40 Prozent an den globalen Treibhausgas-Emissionen. Sogar 70 Prozent des Rohstoff- und Ressourcenverbrauchs werden durch den Bausektor verursacht, wenn man den gesamten Zyklus von Konstruktion über Bauen und Betrieb bis hin zum Abriss betrachtet,

Und das Problem spitzt sich zu: Werden die neuen Gebäude für die über zwei Milliarden Menschen, die bis 2050 zusätzlich auf der Erde leben dürften, mit Stahl und Beton gebaut, belastet dies das Klima extrem. Da die Herstellung von Stahl und Zement hohe CO2-Frachten verursacht, würde allein damit das CO2-Restbudget gesprengt, das die Menschheit noch ausstoßen darf, ohne das 1,5-bis-zwei-Grad-Limit der Erderwärmung zu reißen.

Der bekannte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber glaubt, dass im Bausektor der Schlüssel zum Schutz vor Erderwärmung liegt. Der Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Co-Geschäftsführer der Initiative "Bauhaus Erde", hat zu einer "globalen Bauwende und einer Transformation der gebauten Umwelt" aufgefordert.

Ein neues Bauwesen müsse auf nachwachsende Rohstoffe setzen, sagt Schellnhuber. Es gelte, "die Klimakrise mithilfe natürlicher und gemanagter Kohlenstoffsenken zu überwinden – indem neben Landnutzung und Forstwirtschaft auch der Bausektor transformiert wird".

Schellnhuber erläutert: "Wenn ein Baum wächst, nimmt er CO2 auf. Bauen wir daraus ein Haus, wird nicht nur klimaschädlicher Stahlbeton substituiert, sondern auch CO2 langfristig gespeichert."

Weltweit könne man rund zwei Milliarden Gebäude aus Biomasse erschaffen, in der CO2 aus der Atmosphäre dauerhaft gespeichert ist – mit Baustoffen wie Holz oder Bambus. Auf diese Weise sei es möglich, in den nächsten 100 bis 200 Jahren wieder ein Klima wie in vorindustrieller Zeit herzustellen – durch eine allmähliche Absenkung der CO2-Konzentration.

Studie sieht Übergang zum Holzbau als machbar an

Eine neue Studie des PIK hat nun analysiert, ob und wie ein Übergang auf "Holzstädte" machbar wäre. Danach könnten durch eine solche Strategie bis zum Jahr 2100 mehr als 100 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen eingespart werden, was etwa zehn Prozent des verbleibenden globalen CO2-Budgets entspricht.

Um die Versorgung mit Bauholz zu sichern, werden neben natürlichen Wäldern auch neu angelegte Holzplantagen benötigt. Die Studie, an der auch Schellnhuber beteiligt war, ist im Fachjournal Nature Communications erschienen.

PIK-Wissenschaftler Florian Humpenöder, Mitautor der Studie, erläutert: "Es kann genügend Holz für neue mehrstöckige Häuser in der Stadt produziert werden, ohne dass das größere Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion hat." Gedacht ist dabei an Gebäude mit vier bis zwölf Stockwerken.

Der größte Teil der zusätzlich benötigten Holzplantagen von rund 140 Millionen Hektar soll nach dem PIK-Konzept auf bereits früher abgeholzten Waldflächen angelegt werden, die es vor allem im globalen Süden gebe. Dies gehe somit nicht auf Kosten landwirtschaftlicher Flächen. Humpenöder: "Wir brauchen Ackerland, um Lebensmittel für die Menschen anzubauen." Diese Flächen dürften nicht für das Pflanzen von Bäumen genutzt werden.

Ein weiteres Problem, das bei der Holzbau-Strategie gelöst werden muss, ist die Erhaltung der Biodiversität. Studien-Co-Autor Alexander Popp sagt dazu: "Es ist wichtig, zu klären, wie und woher das Holz für den Bau von Holzstädten kommt. In unseren Computersimulationen haben wir eine klare Grenze für die Holzentnahme und die Anlage neuer Baumplantagen gesetzt: In unberührten Wäldern und Schutzgebieten für die biologische Vielfalt darf nichts abgeholzt werden."

Das PIK-Team betont daher: Um negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zu begrenzen und einen nachhaltigen Übergang zu Holzstädten zu gewährleisten, bedürfe es einer sorgfältigen Planung und einer starken politischen Steuerung.

"Wer mal eben im globalen Süden aufforsten will, irrt"

Schellnhuber sieht sich durch die Ergebnisse der Studie bestätigt. "Dies könnte die Klimalösung werden, nach der wir so verzweifelt suchen", meint er. Freilich ist klar, dass es noch einige Hürden gibt, bis sie in großem Stil umgesetzt werden könnte.

So ist zum Beispiel noch unklar, wie die Klimaerwärmung sich auf die Vitalität der Wälder und Holzplantagen und damit auf die Verfügbarkeit von Holz auswirkt. Einerseits kann sie das Wachstum antreiben, andererseits durch mehr Dürren Wälder gefährden – so haben die Dürrejahre in Deutschland seit 2018 fast fünf Prozent der Waldfläche in Deutschland zerstört.

Auch muss bedacht werden, dass es Jahrzehnte dauert, bis neu gepflanzte Bäume "erntereif" sind und für Bauholz taugen.

Die Ökologie-Professorin Christine Fürst von der Universität Halle verweist auf weitere Probleme. Sie hält die PIK-Studie für "hoch relevant" und "innovativ", sieht aber Schwierigkeiten bei der Umsetzung.

"Zu glauben und zu hoffen, man könne mal eben im globalen Süden Flächen aufforsten, ist ökologisch, rechtlich und hinsichtlich der Landeigentümerschaften ein Irrläufer", kommentiert die Leiterin des Fachgebiets Nachhaltige Landschaftsentwicklung am Institut für Geowissenschaften und Geographie.

Als Beispiel zitiert sie Brasilien. Dort, sagt sie, wäre Aufforstung und nachhaltige Forstwirtschaft eigentlich absolut lohnend. Sie werde aber zugunsten von Soja-Anbau und Fleischproduktion auf den gerodeten Flächen "total zurückgedrängt". Will sagen: Holz für die "Bauwende" hier wachsen zu lassen, wäre alles andere als einfach.

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