Heute mit Erdgas, morgen mit Wasserstoff heizen?

Bis Mitte Juli müssen Bau- und Wirtschaftsministerium ein Sofortprogramm vorlegen, um 2022 das Klimaziel im Bereich Gebäude einzuhalten. Der Betrieb von Gasheizungen mit Wasserstoff müsse dabei ausgeschlossen werden, verlangt die Deutsche Umwelthilfe.


Heizungsrohre mit Thermostat, Thermometer, Druckmesser und Ventilen in einem Hauskeller.
Die Erdgasheizung auf Wasserstoff umstellen? Ein besonders teurer Weg, warnen Experten. (Foto: Werner Weisser/​Pixabay)

Um zwei Millionen Tonnen CO2 verfehlte der Gebäudesektor sein Klimaziel für 2020. Statt erlaubter 118 Millionen wurden letztes Jahr 120 Millionen Tonnen ausgestoßen. Da half auch nicht, dass wegen der Coronakrise Gewerbe, Handel und Dienstleistungen für ihre Gebäude weniger Brennstoffe brauchten, sodass ihnen vier Millionen Tonnen CO2-Einsparung praktisch in den Schoß fielen.

Laut dem neuen Klimaschutzgesetz, das im Juni vom Bundestag verabschiedet werden soll, darf der Gebäudesektor 2022 sogar nur noch 113 Millionen Tonnen CO2 emittieren. Zählt man Überziehung, Corona-Effekte und die gesetzlichen Einsparungen zusammen, geht es bei dem jetzt erforderlichen Sofortprogramm um Maßnahmen, die bis zu zehn Millionen Tonnen CO2 einsparen müssen.

Das ist ein ordentlicher Brocken, und die Frage ist, wie er bewältigt werden kann. Hier bahnt sich ein Grundsatzstreit um den Einsatz von Wasserstoff in Gebäuden und Wohnungen an.

Vor einigen Tagen veröffentlichte die Lobbyorganisation Zukunft Gas eine Studie "Klimaneutral Wohnen", die zeigen soll, wie der Gebäudesektor bis 2050 weitgehend dekarbonisiert werden kann. Die Arbeit wurde schon vor dem neuen Klimagesetz mit dem Nullemissions-Zieljahr 2045 in Auftrag gegeben.

Laut der Studie werden gasförmige Energieträger auch bei Erreichen der Klimaneutralität – hier noch 2050 – weiterhin die beliebteste Heizquelle im Wohngebäudebestand sein. Strom sei als zweite Wärme-Säule vor allem im Neubau zum Heizen attraktiv. Während heute die Hälfte der Deutschen mit Gas heize, würden es 2050 fast 60 Prozent sein, erklärte Timm Kehler, Vorstand der Gas-Brancheninitiative.

Im klimaneutralen Jahr 2050 sollen laut Studie zwei verschiedene gasförmige Energieträger zum Einsatz kommen. Zum einen ein Gasmix aus 80 Prozent Biomethan und 20 Prozent "blauem" Wasserstoff, der aus Erdgas hergestellt und durch CCS- oder CCU-Technologien "dekarbonisiert" wird.

Und zum anderen "reiner Wasserstoff", der aus "grünen", "blauen" und "türkisen" Wasserstofferzeugungen stammen soll, der also grob gesagt mit Ökostrom und mit Erdgas – mit und ohne CCS – produziert wird.

In den Gebäuden käme zudem effiziente Brennwerttechnik zum Einsatz, Brennstoffzellen und Geräte, die mit reinem Wasserstoff betrieben werden können.

"Der teuerste und unsicherste Weg"

Eine klare Absage an den Einsatz von Wasserstoff zur Wärmeversorgung von Gebäuden kommt dagegen von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Im geplanten Sofortprogramm für den Gebäudesektor müssten die beiden zuständigen Ministerien für Bauen und für Wirtschaft den Betrieb von Gasheizungen mit Wasserstoff ausschließen, fordert die Organisation in einem heute veröffentlichten Grundsatzpapier.

Das Sofortprogramm dürfe nicht auf den "vermeintlichen Heilsbringer" Wasserstoff setzen, warnt DUH-Geschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. Grüner Wasserstoff sei zu wertvoll, um in Gebäuden verheizt zu werden. Deshalb sei auch eine Beimischung im Erdgasnetz auszuschließen.

Die Umweltorganisation verlangt von den beiden Ministern, Horst Seehofer (CSU) und Peter Altmaier (CDU), zudem ein Einbau-Verbot für neue Gasheizungen ab 2025. Erneuerbare Alternativen zum Heizen mit Gas seien ausreichend verfügbar und auch wirtschaftlich vernünftiger.

In dem Grundsatzpapier listet die DUH insgesamt sieben sogenannte "Wasserstoff-Mythen" auf, darunter die Idee, dass Wasserstoff der einzige Weg sei, um die Emissionslücke bis 2030 zu schließen. Oder jene, dass die Beimischung von Wasserstoff in Gasnetzen helfe, die Klimaziele zu erfüllen. Oder, dass mithilfe von Wasserstoff eine sozial verträgliche Energiewende im Gebäudebereich möglich sei.

Das DUH-Papier nimmt dabei an – ebenso wie eine gestern von der Stiftung Klimaneutralität vorgelegte Studie –, dass Wasserstoff und seine Folgeprodukte auf absehbare Zeit "knappe und teure Energieträger" bleiben, bei denen überdies hohe Umwandlungsverluste entstehen.

Deswegen werde der direkte Einsatz von grünem Wasserstoff im Gebäudesektor bis 2030 keine Rolle spielen, so die Umwelthilfe. Weder werde dann grüner Wasserstoff in ausreichender Menge verfügbar sein, noch könnten alle nötigen technischen Anpassungen an Gasnetz und Heizgeräten bis dahin vorgenommen werden.

Für die DUH weisen verschiedene Studien darauf hin, dass eine hohe Sanierungsrate in Kombination mit Wärmepumpen der volkswirtschaftlich beste Weg ist, um die Gebäude-Klimaziele zu erreichen. Der Einsatz von Wasserstoff sei dagegen der teuerste und unsicherste Pfad.

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