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Der kleine Ausweg Bioabfall

Die Biogasbranche will mehr Bioabfälle zur Energieerzeugung nutzen. Nachhaltig ist das, bietet aber nur einen sehr begrenzten Ausweg aus der wieder aufgeflammten Tank-oder-Teller-Debatte. Inzwischen nennt Umweltministerin Lemke die Energiepflanzen-Förderung für Kraftstoffe einen Irrweg.


Apfelschalen und andere Gemüsereste sowie Eierschalen.
Mehrere Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle und -reste, die derzeit im Müll landen, könnten zu Biogas vergärt und in Strom und Wärme umgewandelt werden. (Foto: New Africa Studio/​Mykolajiw/​Shutterstock)

Die Förderung von Energiepflanzen für Kraftstoffe sei ein "Irrweg". Auf diese kürzliche Äußerung von Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) angesprochen, kann sich Claudius da Costa Gomez in Rage reden.

Energiepflanzen seien kein Irrweg, sondern eine sinnvolle Möglichkeit, Energie verlässlich bereitzustellen, gab der Geschäftsführer des Fachverbandes Biogas Anfang der Woche die ministerliche Kritik zurück. Die wegen steigender Preise und drohender Lebensmittelknappheit mit Wucht aufgeflammte "Tank oder Teller"-Diskussion hält er für "ausgesprochen überzogen".

Seinem Ärger machte da Costa Gomez, zugleich Co-Geschäftsführer des Erneuerbaren-Verbandes BEE, gleich mal so richtig Luft. Öffentlich werde bei den erneuerbaren Energien immer nur über Solar- und Windkraft gesprochen und die Bioenergie vergessen oder verschwiegen. Dabei speise sie jährlich 33 Milliarden Kilowattstunden Strom ins Netz ein – etwa so viel wie die Photovoltaik.

Zudem könnte man die Produktion von Biogas verdoppeln und damit 40 Prozent des Gases aus Russland ersetzen, zitierte da Costa Gomez eine in der Branche kursierende Zahl. So könnte Biogas gerade jetzt einen wichtigen Beitrag zur Energiesicherheit leisten, betonte er.

Schon länger zeigt sich die Branche auch mit dem "Osterpaket" unzufrieden, mit dem Wirtschaftsminister Habeck die Energiewende vorantreiben will. Doch das erhoffte politische Signal blieb aus.

Die Politik verstecke sich momentan hinter der Formel, zuerst müsse strategisch festgelegt werden, was mit der wertvollen Biomasse künftig anzufangen sei, kritisierte da Costa Gomez und warnte: "Darüber wird schon sehr lange gesprochen. Wenn jetzt zu lange gewartet wird, gibt es keine Biogasanlagen mehr."

Für die DUH bleibt Agrosprit verzichtbar

Kein Irrweg ist es jedenfalls, Nahrungsmittel- und andere Bioabfälle zu vergären und aus dem Biogas Strom oder Wärme zu erzeugen sowie mit den Gärresten Düngemittel zu ersetzen.

Diese sogenannte Kaskadennutzung von Bioabfällen befürwortet auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH), sonst eine Gegnerin der Bioenergie. "Das ist nicht vergleichbar mit der Produktion von landwirtschaftlichen Nutzpflanzen für die Biokraftstoffherstellung", erläutert DUH-Kreislaufwirtschaftsexperte Thomas Fischer auf Nachfrage.

Agrotreibstoffe hält die Umwelthilfe hingegen für verzichtbar, weil Verbrennungsmotoren für Autos generell verzichtbar seien und es dafür umweltfreundlichere Antriebe gebe. Auch würden die Nutzpflanzen gezielt für den Sprit produziert. "Das lehnen wir ab", stellt Fischer klar.

Hingegen werde der zu vergärende Bioabfall nicht extra produziert. Dinge wie Schalen oder Reste von Obst und Gemüse fielen eben an und seien vielfach nicht vermeidbar. Diese Abfälle ungenutzt zu lassen, wäre "ein Bärendienst für den Klimaschutz", meint Fischer.

Das findet auch der Biogas-Verband und warb Anfang dieser Woche anlässlich der Umweltmesse Ifat in München für einen Ausbau der Kaskadennutzung.

Den biogenen "Input" dafür geben derzeit knapp sechs Millionen Tonnen Grüngut aus Parks und Gärten ab, so die Verbandsstatistik. Dazu kommen etwa 4,5 Millionen Tonnen aus den braunen Biotonnen in privaten Haushalten sowie rund vier Millionen Tonnen gewerbliche Abfälle wie Speisereste oder überlagerte Lebensmittel.

Millionen Tonnen ungenutzter Biomüll

Bundesweit sollen allerdings noch immer rund vier Millionen Tonnen Bioabfälle im Restmüll landen. Eine weitere halbe Million Tonnen kann laut Biogasverband aufgrund von Verunreinigungen bisher nicht vergoren werden. In der Summe würden rund 4,5 Millionen Tonnen vergärbare Bioabfälle nicht energetisch genutzt, rechnete Claudius da Costa Gomez vor.

Mit 3,5 Millionen Tonnen schätzt die Umwelthilfe die ungenutzte Menge Bioabfall deutlich geringer ein. Die DUH bezieht ihre Zahl aus einer Studie des Öko-Instituts und des Abfallwirtschaftsexperten Holger Alwast im Auftrag des Nabu aus dem Jahr 2019.

Die Studie geht davon aus, dass von den organischen Abfällen, die heute in der Restmülltonne landen, nur drei Viertel herausgeholt werden können und nicht hundert Prozent. Dadurch ergebe sich ein niedrigerer, jedoch ausgesprochen realistischer Wert des noch nutzbaren Bioabfalls, meint DUH-Experte Fischer.

Würden die 3,5 Millionen Tonnen gesammelt und energetisch genutzt, könnten nach DUH-Angaben pro Jahr bis zu 740.000 Tonnen CO2 eingespart werden. Würden dann die entsprechenden Gärreste noch anstelle von Kunstdünger eingesetzt, stiege die CO2-Einsparung noch an.

Das ist bei einem Klimaschutz, wo inzwischen jedes Gramm CO2 zählt, nicht zu verachten. Es wäre aber wohl ein Irrtum anzunehmen, Bioabfälle könnten der Ausweg für die gebeutelte Branche sein.

Biogas aus Abfällen bisher eine Randerscheinung

Denn von derzeit mehr als 9.000 Biogasanlagen können gerade einmal 400 Bioabfall vergären, Strom und Wärme erzeugen oder das Biogas ins Gasnetz einspeisen. Mit einer Gesamtleistung von gut 350 Megawatt machen sie nur rund sechs Prozent des Biogasanlagenparks aus, sind also eher eine Randerscheinung in der Branche.

Dennoch glaubt da Costa Gomez: "Über die flächendeckende Einführung der Biotonne, sauberes und konsequentes Trennen und den Zubau an Biogasanlagen ließe sich mittel- bis langfristig sehr viel zusätzliche klimaneutrale und regionale Energie erzeugen – ohne dass hierfür Energiepflanzen angebaut werden müssten."

Ob dadurch eine Substitution eintreten würde, bleibt allerdings offen. Auf den Flächen, auf denen Biogas-Pflanzen wachsen, steht nach Angaben der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe noch immer zu mehr als der Hälfte Mais, gefolgt von Getreide, Gräsern und Zuckerrüben.

Die Durchwachsene Silphie als eine bekannte Alternative hatte 2021 einen Flächenanteil von deutlich weniger als einem Prozent. Auf wie viel Hektar gar insektenfreundliche Blühpflanzen angebaut werden, ist nicht zu ermitteln.

"Wir können auch Artenvielfalt, wir können auch einen anderen Aufwuchs", versicherte Biogas-Verbandsgeschäftsführer da Costa Gomez am Montag. Dafür müsse dann allerdings jemand bezahlen. "Das ist auch klar", erklärte er zum Messestart.

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