Die energetische Sanierung des Gebäudebestands gilt seit Jahren als eine der zentralen Baustellen der Energiewende – und zugleich als eine ihrer größten Enttäuschungen. Die Sanierungsrate in Deutschland ist niedrig, viele Altbauten verlieren weiterhin unnötig Energie, und die Klimaziele im Gebäudesektor werden regelmäßig verfehlt.
Vor diesem Hintergrund fordern das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) und die Technische Universität München (TUM) eine Weiterentwicklung der staatlichen Förderung.
"Die Bundesförderung effiziente Gebäude hat in der Vergangenheit erhebliche Mengen an Treibhausgasen reduziert. Wir wollen die Wirksamkeit noch weiter verbessern," sagt Ifeu-Geschäftsführer Martin Pehnt gegenüber Klimareporter°.
Das Konzept: eine einfache, sozial ausgewogene Förderung einzelner wirksamer Maßnahmen, verbunden mit einem neuen "Zukunftsstandard Altbau", der realistische Klimaziele mit Augenmaß verbindet.
Zwar wurden allein 2023 über die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) rund 273.000 Förderfälle bei Einzelmaßnahmen angestoßen. Doch mehr als die Hälfte der Mittel floss in die Heizungstechnik, nicht in die energiesparende Ertüchtigung der Gebäude selbst, etwa durch neue Fenster und Dämmung von Dächern, Kellerdecken oder Wänden.
Gleichzeitig erreichten nur rund 13.000 Wohngebäude eine umfassende Sanierung auf Effizienzhaus-Standard.
"Nicht Perfektion, sondern Wirksamkeit muss das Ziel sein"
Die Förderung ist dabei schief verteilt: Während Einzelmaßnahmen an der Gebäudehülle mit 15 bis 20 Prozent Zuschuss rechnen können, liegt die effektive Förderung bei kompletten Effizienzhaussanierungen – inklusive Tilgungszuschüssen und Zinsvorteilen – teils bei über 40 Prozent.
Nutznießer sind dabei häufig einkommensstarke Haushalte, während solche mit geringeren Einkommen deutlich seltener profitieren. Auch werden vermietete Bestandswohnungen nur selten angepackt.
Genau hier setzen Ifeu und TUM an. "Nicht Perfektion im letzten Prozentpunkt, sondern wirksamer Klima-, Ressourcen- und Kostenschutz muss das Ziel sein", betont Pehnt.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich viele Altbauten aus technischen, wirtschaftlichen oder denkmalpflegerischen Gründen nicht auf höchste Effizienzhausstandards bringen lassen. Fassaden mit Ornamenten, Erker, Balkone mit Wärmebrücken, denkmalgeschützte Fenster oder niedrige Kellerdecken verteuern eine vollständige Sanierung mit Wärmedämm-Systemen oft deutlich.
In der Praxis führt das dazu, dass Eigentümer:innen entweder gar nicht sanieren – oder nur mit Mühe einzelne Schritte gehen, die vom derzeitigen Fördersystem nur mit relativ geringen Zuschüssen bedacht werden. "Trotzdem sollten sinnvolle Teilschritte attraktiv gefördert werden", meint Pehnt.
Förderung kommt nicht dort an, wo sie am meisten bringt
Der Vorschlag lautet daher, die Förderung radikal zu vereinfachen. Künftig soll es eine einheitliche Grundförderung für alle sinnvollen Maßnahmen geben – etwa für Dämmung, Fenstertausch, Anlagentechnik oder Heizungserneuerung.
Ergänzt werden soll dies durch einen "Zukunftsbonus", wenn ein Altbau etwa aus den 1950er oder 1960er Jahren einen besonders schlechten Energiestandard aufweist. Der Bonus soll andererseits auch greifen, wenn mit den Maßnahmen ein gutes, zukunftsfähiges Niveau in dem Altbau erreicht wird – definiert durch hohe Gesamt-Energieeffizienz oder dadurch, dass am Standort selbst keine fossilen CO2-Emissionen mehr entstehen.
Dieses Ziel fassen die Autoren unter dem Begriff "Zukunftsstandard Altbau" zusammen, angelehnt an den künftigen europäischen "Zero Emission Building"-Standard für Neubauten.
Ein zentraler Punkt, der laut dem Konzept korrigiert werden muss, ist die soziale Schieflage der bisherigen Förderung. Studien zeigen, dass ein Großteil der Mittel bei einkommensstarken privaten Eigentümer:innen ankommt.
Das neue Modell sieht deshalb eine Ausweitung der Sozialboni vor, höhere Fördersätze für Haushalte mit geringem Einkommen oder für Gebäude mit günstigem oder sozial gebundenem Wohnraum. Ergänzend schlagen Ifeu und TUM zinslose, abgesicherte Kredite für einkommensschwache Haushalte vor, damit auch sie Zugang zu Sanierungen erhalten.
"Unser Ziel ist eine Förderung, die einfach, digital, sozial gerecht und technisch flexibel ist", erläutert Thomas Auer, Professor für Gebäudetechnologie an der TU München. "Damit können wir die Sanierungsrate erhöhen und gleichzeitig die Fördereffizienz steigern."
Pragmatischer Weg mit verschiedenen Strategien
Der Reformvorschlag reagiert auch auf ein Grundproblem der bisherigen Politik: die schleppende Sanierungsdynamik. Seit Jahren stagniert die energetische Sanierungsrate in Deutschland bei unter einem Prozent des Gebäudebestands pro Jahr, zuletzt ist sie sogar gesunken und beträgt nur noch knapp 0,7 Prozent – nötig wäre mindestens doppelt so viel, um die Klimaziele zu erreichen.
Gründe dafür sind hohe Investitionskosten, Unsicherheit über Förderbedingungen, Richtungswechsel in der Politik und die Überforderung vieler Eigentümer:innen. Hinzu kommen Personalengpässe im Handwerk und steigende Baupreise. Viele Hausbesitzer:innen entscheiden sich deshalb gegen umfassende Sanierungen und ersetzen allenfalls Heizungen oder führen das Nötigste aus.
Ifeu und TUM schlagen stattdessen einen pragmatischen Weg vor. Unterschiedliche Sanierungsstrategien sollen möglich bleiben: schnelle "Quick Wins" wie Dachsanierung mit Photovoltaik und Heizungstausch, schrittweise Sanierungen im Zuge ohnehin fälliger Modernisierungen oder aber umfassende Sanierungen bei Eigentümerwechseln.
Ein Sanierungsfahrplan soll helfen, Maßnahmen sinnvoll zu planen, ohne Eigentümer in starre Zielvorgaben zu zwingen.
Die Autoren des neuen Konzepts sehen in dem Umbau der Förderung auch eine Chance für die Wirtschaft. Sie argumentieren, dass höhere Sanierungsraten heimische Wertschöpfung schaffen, langfristig Energieimporte senken und die Haushalte bei den Heizkosten entlasten.
Gleichzeitig werde der Gebäudebestand damit "zukunftsfester" – ein nicht zu unterschätzender Faktor angesichts steigender Energiepreise und wachsender Klimarisiken.
Aus Sicht der Wissenschaftler sollte der Umbau der Förderung synchron mit der Einführung neuer EU-Vorgaben für Nullemissionsgebäude ab 2028 respektive 2030 erfolgen. Die bestehende Förderung solle schrittweise und langfristig angekündigt in das neue Konzept überführt werden, empfehlen sie.
