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Wirtschaft unterschätzt technologischen Wandel

Die Industrie muss ihre Emissionen schneller senken, sonst werden die Klimaziele für 2030 verfehlt, warnt die Landesbank Baden-Württemberg. Das Bankhaus fürchtet, dass die Industrie die Risiken von abrupten Technologiewechseln unterschätzt, und fordert die Unternehmen zu mehr Investitionen auf.


Im Walzwerk Eisenhüttenstadt wird der Stahl geformt.
Die Herstellung von Stahl ist energieintensiv. Im Walzwerk Eisenhüttenstadt wird die Bramme gewalzt. (Foto: Carla Constanza)

Die deutsche Wirtschaft ist nicht auf Kurs: Behält die Industrie das jetzige Tempo beim Klimaschutz bei, werden die Emissionsminderungsziele für 2030 verfehlt, warnt die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in einer Analyse.

Die Wirtschaft müsse ihre Anstrengungen im Umwelt- und Klimaschutz mindestens verdoppeln. "Gute Betriebe leisten aktuell eine CO2-Reduktion um jährlich 1,7 Prozent", sagte LBBW-Analyst Volker Stoll am Dienstag in Stuttgart. Auch das sei aber noch zu niedrig. Um das 2030er Ziel zu erreichen, seien branchenweit 2,6 Prozent notwendig, so Stoll.

Die Emissionen der Unternehmen hängen stark vom Tätigkeitsfeld ab. Klassische Fertigungsbetriebe emittieren laut der Analyse weniger CO2. Dementsprechend ist die Produktion von Industriegütern meist nicht besonders emissionsintensiv.

Allerdings sind bei der Berechnung nicht nur die Emissionen aus der Herstellung zu berücksichtigen, sondern der komplette Produktzyklus. Beispielsweise entstehen in der Produktion von Flugzeugturbinen bei Rolls-Royce nur begrenzte Mengen an CO2, während im Einsatz bei den Airlines viel höhere Emissionen zu Buche schlagen.

CO2-intensiv ist vor allem die Herstellung von Zement, Baustoffen und Stahl. Auch die Energiewirtschaft steht in der Rangliste der Emittenten weit oben. Es folgen Logistik- und Transportunternehmen wie Lufthansa.

Bis 2030 soll die Industrie ihre Emissionen auf mindestens 143 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent senken. Das ist eine Minderung um knapp 50 Prozent im Vergleich zu 1990. Für die emissionsintensive Energiewirtschaft sieht der Klimaschutzplan 2050, den die Bundesregierung im November 2016 verabschiedet hat, eine Reduktion um 61 bis 62 Prozent auf 175 bis 183 Millionen Tonnen CO2 im Vergleich zu 1990 vor.

Ausbleibende Fortschritte gefährden Bewertung am Kapitalmarkt

Zwar lässt sich laut der LBBW-Analyse die CO2-Effizienz der Industrie weiter verbessern – mit besserer Antriebs- und Steuerungstechnik, der Nutzung von Abwärme, besseren Katalysatoren oder dem Einsatz weniger klimaschädlicher Brennstoffe. Speziell bei der Produktion und Verarbeitung von Stahl und Zement könnten noch Emissionen eingespart werden.

Doch auch, wenn mehr erneuerbare Energien und Gas in der Produktion eingesetzt werden, reiche das nicht aus, um die Minderungsziele aus dem Klimaschutzplan zu erreichen.

Aus Sicht der Landesbank-Analysten unterschätzen viele Unternehmen die zunehmende Geschwindigkeit des Technologiewechsels. Ertragsrückgänge bei fossilen Technologien bei gleichzeitig mangelnder Orientierung auf emissionsarme Alternativen seien zu befürchten. Mit höheren Kosten für Forschung und Entwicklung, Investitionen oder Akquise sei zu rechnen.

Ob die bereits unternommenen Schritte die erhofften Ergebnisse bringen, sei zum Teil ungewiss. Entsprechend mutmaßt das Bankhaus, dass die Unternehmen Risiken nicht ausreichend berücksichtigen, die mit dem anstehenden Technologiewechsel einhergehen.

Die Landesbank Baden-Württemberg verdient ihr Geld vor allem mit Unternehmenskunden. Über die Hälfte des im vergangenen Jahr erwirtschafteten Gewinns entfiel auf Finanzdienstleistungen für die Wirtschaft. Die ausbleibenden Fortschritte bei der weiteren Senkung des CO2-Ausstoßes gefährden die Bewertung der Unternehmen am Kapitalmarkt und könnten sich damit auch ungünstig auf das Geschäft der Bank auswirken.

Nach Ansicht von LBBW-Analyst Stoll müssen die Unternehmen das Tempo beim technischen Fortschritt deutlich erhöhen und mehr Geld in den Umbau investieren. "Die deutsche Industrie braucht etwa doppelt so hohe Investitionen in Energiespartechniken, um das 2030er Ziel zu erreichen", sagte Stoll.

Würde die Industrie auf einen 95-prozentigen Minderungspfad einschwenken – wie ihn der Entwurf des Klimaschutzgesetzes der Bundesregierung vorsieht –, bedinge dieses "Extremszenario" umfangreiche Umbaumaßnahmen und Mehrkosten von 54 Milliarden Euro.

Förderprogramme und CO2-Preis

Doch auch die Politik muss Stoll zufolge die Rahmenbedingungen ändern, damit nicht länger fossile Technologien die Wirtschaft dominieren. Reduzierte Netzentgelte und EEG-Umlagen für Wärmepumpen oder Power-to-X-Anlagen könnten den Einsatz für die Industrie attraktiv machen. Darüber hinaus brauche es Investitionsförderprogramme, eine beschleunigte Abschreibung und einen funktionierenden CO2-Preis.

Globale Vorgaben seien für deutsche Unternehmen bei der CO2-Bepreisung von Vorteil. Damit die Wirtschaft von einer nationalen oder EU-weiten Regelung nicht benachteiligt werde, könne ein Importzoll auf CO2 eingeführt werden.

Auch die großen Wirtschaftsverbände wie BDI und DIHK, die jahrelang gegen höhere Auflagen für die Industrie lobbyiert hatten, fordern mittlerweile klare Klimaschutz-Vorgaben von der Politik. Dabei geht es den Verbänden nicht vorrangig um ehrgeizigeren Klimaschutz, sondern um die künftigen Unternehmensgewinne.

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