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Nachhaltigkeit finanzieren oder nachhaltig finanzieren

Luxemburg gibt sich als Vorreiter in Sachen "nachhaltige Finanzen". Schon 2007 wurden dort die ersten grünen Anleihen ausgegeben, inzwischen gibt es auch eine "grüne" Börse. Doch Anspruch und Wirklichkeit stimmen längst nicht genug überein.


Panoramablick auf Luxemburg bei Nacht
Luxemburg: Der Finanzsektor ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor. (Foto/​Ausschnitt: Tristan Schmurr/​Flickr)

Schon länger gibt es alternative Banken und andere Akteure, die die Finanzen nachhaltig zu gestalten versuchen. So auch der Verein für Alternative Finanzierung Etika und die staatliche Bank und Sparkasse BCEE (Banque et Caisse d’Epargne de l’Etat) in Luxemburg. Doch deren realwirtschaftliche Tätigkeit wird bisher von einem Mainstreaming des Begriffs "nachhaltige Finanzen" verschleiert.

Der Begriff bezieht sich heute hauptsächlich auf die Finanzmärkte: also nicht das Privatkundengeschäft, sondern das Investmentgeschäft.

Die Debatte darum, was der finanzmarktorientierte, neuere Begriff beschreibt, nimmt in Luxemburg seit 2007 Fahrt auf. Ein Grund dafür war die Ausgabe von ersten grünen Anleihen der in Luxemburg ansässigen Europäischen Investitionsbank (EIB).

Dabei ist es auch wichtig, ganz genau zwischen "grün" und "nachhaltig" zu unterscheiden. "Grüne" Finanzprodukte berücksichtigen zumeist nur ökologische Aspekte, vor allem Klimaschutz. "Nachhaltige" Finanzprodukte sollten hingegen mehrere Kriterien berücksichtigen – wie soziale Aspekte oder die Art der Unternehmensführung.

Serie: So klappt die grüne Finanzwende

Das Jahr 2019 ist entscheidend für die zukünftige Klimapolitik in Deutschland und Europa. Das Finanzwesen und seine Hebelwirkung über alle Sektoren hinweg spielt eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Klimawandel und für nachhaltiges Wirtschaften.

 

Deutschland kann dabei von Vorreiterländern für "Green Finance" lernen. In den sieben Beiträgen unserer Serie erläutern internationale Autorinnen und Autoren den Ansatz ihrer Länder, den Finanzmarkt grüner zu gestalten, und gehen auf Chancen, Hürden und unbeantwortete Fragen ein.

Der Finanzsektor und seine Aufsicht wollen jedoch nur Nachhaltigkeit finanzieren – das ist nicht dasselbe wie nachhaltig finanzieren.

Nachhaltig finanzieren beziehungsweise Nachhaltigkeit im klassischen Sinne bedeutet, auch systemische Stabilität und Reproduktionsfähigkeit des Finanzsektors selbst herzustellen – dieses Feld ist jedoch in der Debatte nicht existent.

Für Aufsicht und Regulierung sind vor allem der Finanzstabilitätsrat, die Europäische Zentralbank sowie nationalen Behörden zuständig. Dies führte seit 2008 zwar zu Erfolgen wie der personellen Aufstockung und Europäisierung der Aufsicht oder der Verbesserung der Eigenkapitalstruktur von Banken.

Es führte aber auch zu Misserfolgen – wie der ausgebliebenen Entflechtung systemrelevanter Banken oder dem Erstarken des Schattenbankensektors. Teilweise wurden sogar bereits eingeführte Regeln wieder zurückgenommen.

Wie Luxemburg versucht, Nachhaltigkeit zu finanzieren

In Luxemburg bringt der Finanzsektor mit rund 44.000 Angestellten rund 35 Prozent des nationalen Bruttoinlandsprodukts ein. Er ist also der zentrale Wirtschaftsfaktor.

Die seit 2013 regierende Koalition aus Liberalen, Sozialdemokraten und Grünen gab 2016 eine Studie zur Zukunft der Luxemburger Wirtschaft in Auftrag. Sie beinhaltete unter anderem die Empfehlung, eine Plattform zur Finanzierung von nachhaltiger Entwicklung zu etablieren.

Alexander Feldmann

Zur Person

Der Ökonom Alexander Feldmann ist Projektleiter bei Etika in Luxemburg. Etika ist ein eingetragener Verein mit dem Ziel, alternative Finanzierungen zu fördern und Denkanstöße für die Entwicklung eines ethischen Umgangs mit Geld zu geben.

Aus dieser Empfehlung sowie dem Ende 2015 verabschiedeten Pariser Klimaabkommen erwuchs ein starkes nationales Bemühen, den Finanzplatz Luxemburg nachhaltiger zu gestalten. Dafür wurde unter Beteiligung diverser Interessenvertreter in einem Befragungsprozess ein Fahrplan entwickelt, die "Luxemburg Sustainable Finance Roadmap".

Kernelemente sind: eine nationale Strategie auszuarbeiten, Bewusstsein gegenüber nachhaltigen Finanzen zu schaffen, eine Koordinierungsstelle einzurichten, das Angebot an nachhaltigen Finanzprodukten zu erhöhen und Partnerschaften zwischen öffentlichen und privaten Akteuren zu etablieren, wie etwa beim Forestry and Climate Change Fund (FCCF).

Nicht zuletzt sollen staatliche und nichtstaatliche Akteure gemeinsam an der Klassifikation von nachhaltigen Produkten und einem entsprechenden Regelwerk arbeiten.

"Nicht auf den Zug aus Brüssel warten"

Neben diesem wegweisenden ersten Bericht gibt es diverse andere Initiativen im Bereich der nachhaltigen Finanzen in Luxemburg: Umwelt- und Finanzministerium kooperieren mit der EIB in einer "Climate Finance Platform".

2016 hat die Luxemburger Börse einen grünen Ableger bekommen, über den grüne und soziale Anleihen gehandelt werden. Außerdem ist Luxemburg Mitglied im Netzwerk nachhaltiger Finanzplätze; auch die luxemburgische Zentralbank ist in diesem Bereich aktiv.

Dazu kommen zahlreiche Konferenzen und Veröffentlichungen, die die Allgegenwart des Themas zeigen. Vor allem die Aktivitäten von Lux4finance, dem Promotionsorgan des Finanzplatzes, und Luxflag, ebenfalls eine Initiative des Finanzplatzes zur Kennzeichnung von nachhaltigen Finanzprodukten, sind hier zu nennen.

In Luxemburg "will man nicht auf den Zug aus Brüssel warten", wie es Finanzminister Pierre Gramegna kürzlich auf einer Konferenz zur nationalen Sustainable Finance Roadmap ausdrückte. Er wolle nicht den Brüsseler "Aktionsplan Nachhaltige Finanzen" abwarten, sagte Gramegna, sondern vorangehen, um im Sinne der Interessen Luxemburgs noch auf den Fahrplan des Zuges einwirken zu können.

Was heißt Nachhaltigkeit für Luxemburgs Finanzindustrie?

Frankreich behütet seine Atomindustrie mit Argusaugen, Deutschland seine Autoindustrie. Das luxemburgische Pendant dazu ist die Finanzindustrie. Deshalb versteht sich Luxemburg eher als Helfer des Finanzplatzes, als emanzipativ dessen Beitrag einzufordern.

So hat sich das Prinzip der Vergemeinschaftung von Verlusten und Privatisierung von Gewinnen auch zehn Jahre nach der Finanzkrise nicht geändert. (Ein Beispiel ist der erwähnte Forestry and Climate Change Fund: Beim FCCF fungiert der Staat als Risikokapitalgeber.)

Auch im Umweltbereich reichen die bisherigen Maßnahmen nicht aus. Beispielsweise sind nur sechs Prozent der gehandelten Fonds grün. Es braucht starke politische Signale, wenn die (Finanz-)Wirtschaft wirklich in eine nachhaltige transformiert werden soll.

Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Germanwatch e.V. verfasst.

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