Möbel im Abo

Nach Probeläufen in vier europäischen Ländern will der Möbelriese Ikea nun im großen Stil in die wachsende Sharing Economy einsteigen und Möbel vermieten. Das ist praktisch für Verbraucher und gut für die Umwelt. Andere Unternehmen zeigen bereits, wie es geht.


Inbusschlüssel – wichtigstes Utensil beim Aufbau von Ikea-Möbeln. Auch zum Auseinanderbauen. (Foto: Holger Hunger/​Hodihu/​Pixabay)

Mieten statt kaufen. Noch ist das, abgesehen von Handy-Verträgen, Mietwagen und Carsharing, ein absoluter Nischenmarkt. Bei Produkten wie Fernsehern, Waschmaschinen, Gartengeräten oder Kinderkleidung gibt es inzwischen jedoch solche Angebote. Sogar große Einzelhändler wie Otto-Versand und Media-Markt sehen das als neuen Absatzkanal.

Nun plant auch der Möbelriese Ikea den Einstieg in das Vermieten – von Möbeln. Einerseits natürlich, um Kunden mit veränderten Konsumwünschen an sich zu binden. Andererseits aber auch, so die Schweden, um in Richtung Kreislaufwirtschaft voranzukommen, also zu einer Produktion mit einem geschlossenen Recyclingsystem ohne Abfälle.

Probeläufe mit dem Möbel-Mieten hat Ikea bereits in vier europäischen Ländern durchgeführt: in Schweden, den Niederlanden, der Schweiz und Polen. Ab nächstem Jahr sollen nun Tests mit Leasing-Angeboten in 30 Ländern weltweit folgen, auch in Deutschland.

Es gehe dabei nicht nur um ein neues Finanzierungsmodell, heißt es in der Firmenzentrale im schwedischen Älmhult. Ziel sei es, Leasingangebote auf "Abonnementbasis" zu entwickeln: "So bleibt Ikea Eigentümer des Produkts und kann dessen stetige Weiternutzung sicherstellen, bevor das Material und die Komponenten am Lebensende des Produkts recycelt werden."

Die Schweden geben sich bereits seit einigen Jahren einen grünen Anstrich. Anno 2012 formulierte der Konzern das Ziel, "ein komplett nachhaltiges Unternehmen zu werden" – mit eigener Ökostrom-Produktion, minimiertem Heizenergieverbrauch und nachhaltig produzierten Rohstoffen.

Marktstudie zu Mietmodellen

Mietmodelle könnten in Zukunft durchaus an Bedeutung gewinnen. Das zeigt eine Marktstudie, die das Institut für Handelsforschung Köln (IFH) 2017 zusammen mit der Unternehmensberatung KPMG gemacht hat.

 

Danach hat bereits jeder sechste Verbraucher einmal Produkte gemietet statt gekauft und fast die Hälfte (43 Prozent) kann sich gut vorstellen, dies künftig zu tun. Bisher geht es dabei meist um Autos und Fahrräder, Werkzeuge und Gartengeräte sowie Handys und Tablets.

 

Besonders beliebt sind die Leasingmodelle bei jüngeren Konsumenten. "Die Haupt-Zielgruppe sind Menschen bis 30", sagte IFH-Experte Oliver Brimmers. Es seien Kunden mit neuen Job- und Lebensmodellen, bei denen der Besitz von Produkten nicht mehr so im Vordergrund stehe wie bei den meisten Älteren.

 

Auch der Umweltgedanke spiele bei vielen dieser neuen Konsumenten eine Rolle, so Brimmers. "Das Thema Nachhaltigkeit ist von den Befragten oft genannt worden."

Studierende im Blick

Vorbei sein sollten die Zeiten, als der Konzern mit Formaldehyd ausgasenden Billy-Regalen, Billigproduktion in DDR-Gefängnissen und Papierwaren aus Tropenholz negative Schlagzeilen machte. Jetzt lautet die offizielle Leitlinie, man wolle bis 2030 "ein gemäß den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft agierendes, klimapositives Unternehmen werden".

Die Nachhaltigkeitsmanagerin Christiane Scharnagl aus der Ikea-Deutschland-Zentrale in Hofheim am Taunus drückt es so aus: "Wir wollen die Nutzung von Möbeln durch Verlängerung der Nutzungsdauer, Komponenten-Wiederverwertung und Materialrecycling maximieren." Dazu müsse Ikea sein derzeitiges Geschäftsmodell erweitern. Eben durch die Möbel-Abos.

In den Testländern hat Ikea unterschiedliche Erfahrungen mit den "Abonnement-Möbeln" gemacht. Niederländische Studenten zum Beispiel sprangen gut darauf an. "Für sie ist es weniger wichtig, etwas zu besitzen, und sie sehen es als wichtig an, ihre Umweltbilanz zu verbessern", sagt Scharnagl.

In Polen dagegen lief es zäh. Den Menschen dort falle es schwer, sich von Dingen zu trennen, möglicherweise sei das auch eine Folge von Restriktionen beim Privatbesitz zu kommunistischen Zeiten.

Bei Ikea Deutschland denkt man daran, zuerst Abo-Angebote für bestimmte Zielgruppen, Studenten etwa, und für bestimmte Sortimentsbereiche zu entwickeln, in denen man eine gute Nachfrage vermutet.

Elektrogeräte, Teppiche und alles von der Jeans bis zum Designerkleid

Mietmodelle sind im Trend, teils mit, teils ohne Öko-Hintergrund. Carsharing boomt seit Jahren, besonders, seitdem auch die Autokonzerne Daimler und BMW eingestiegen sind. Die Kaffee- und Handelskette Tchibo vermietet Kinderkleider, das Magdeburger Unternehmen Kilenda Baby-Ausstattung, Verleih-Plattformen wie Myonbelle, Kleiderei oder Dresscoded alles von Jeans bis Designerkleid.

Der Hamburger Versandhändler Otto bietet sogar rund 700 Produkte an, von der Waschmaschine über Fernseher und Sportgeräte bis zur Flugdrohne. Das Unternehmen hat Ende 2016 das Start-up "Otto Now" gegründet, um mit Angeboten für die neuen Konsumenten und dem "Trend zur Sharing-Ökonomie" mit vorne dabei zu sein, wie Sprecherin Anne Remy sagt.

Eine Waschmaschine zu leasen kostet zum Beispiel ab 16,29 Euro pro Monat, einen Hometrainer ab 26,19 Euro. Gemessen am Gesamtumsatz des Konzerns ist das Geschäft noch klein, doch es wächst. Seit vier Monaten hat Otto Now nun auch rund 30 Möbel im Angebot, darunter Stuhl, Sofa, Tisch, Kommode.

Der Unterschied zum Ikea-Projekt: Auch ein großer Einzelhändler wie Otto hat nur geringe Möglichkeiten, auf das Öko-Design – also die ökologischen Eigenschaften – der Produkte seiner Lieferanten einzuwirken.

Man achte darauf, möglichst robuste Teile anzubieten, sagt Remy. Bei Möbeln zum Beispiel sei es wichtig, dass sie sich gut auf- und abbauen und leicht reinigen lassen, damit sie beim nächsten Kunden wieder "in fast neuem Zustand" ankommen.

Eine Kreislaufwirtschaft, bei der die Produkte nachher nicht auf dem Sperrmüll landen, sondern nach Demontage und Recycling Basis für neue Produkte werden, ist so allerdings nicht erreichbar.

Gut für die Umwelt und gut fürs Geschäft

Pioniere der "Circular Economy" sind da schon weiter. Der große niederländische Teppichboden-Hersteller Desso zum Beispiel bietet Geschäftskunden seine Teppichfliesen inzwischen zum Mieten mit garantierter Rücknahme an. Die Firma wählt die verwendeten Materialien so aus, dass sie nach der Nutzungsperiode komplett wieder als Rohstoffe für neue Teppichböden verwendet werden können.

Die Fliesen, die beim Kunden im Büro ausgelegt sind, stellen so gleichzeitig das Ressourcenlager für neue Produkte dar. Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern offenbar auch fürs Geschäft.

Desso mache sich dadurch immer stärker unabhängig vom Rohstoffmarkt und könne "mit vorhersehbaren und günstigeren Rohstoffpreisen rechnen", erläutert der Schweizer Umweltexperte Raphael Fasko, der eine Studie zu den Potenzialen der Kreislaufwirtschaft erarbeitet hat.

Auch die Büromöbelhersteller Steelcase (USA) und Stoll Giroflex (Schweiz) produzieren nach diesem Prinzip. Der Giroflex-Bürostuhl zum Beispiel besteht aus nur vier Grundkomponenten, die, wenn er ausrangiert wird, ohne Qualitätsverlust wiederverwertbar sind – wobei der Materialwert immerhin bei 25 bis 45 Euro liegt. Der Hersteller nimmt das Produkt kostenlos zurück.

Ein guter Anfang wäre der Ikea-Katalog

Einer der langjährigen Vorkämpfer der Kreislauf-Idee ist der Chemiker und Verfahrenstechniker Michael Braungart, der Erfinder des "Cradle-to-Cradle"-Konzepts (von der Wiege zur Wiege), nach dem auch Desso, Steelcase und Giroflex arbeiten.

Der Professor, der in Lüneburg und Rotterdam lehrt, glaubt, dass neue Geschäftsmodelle wie die von Desso und Co zur Durchsetzung einer "Circular Economy" entscheidend sind.

Der Grundgedanke: Bleibt der Hersteller im Besitz des Produkts, während der Kunde zum Beispiel 5.000 Stunden TV-Sehen, 500-mal Wäschewaschen oder zehn Jahre Fußböden-Nutzung erwirbt, designt jener die Produkte automatisch so, dass sie langlebig, schadstofffrei, gut reparierbar und komplett wiederverwertbar sind.

"Eine Waschmaschine würde dann nicht mehr wie heute rund 150, zum Teil minderwertige, Plastiksorten enthalten, sondern nur noch fünf", meint Braungart. Mehr brauche man nicht.

Den aktuellen Vorstoß von Ikea begrüßt der Experte: "Das ist immerhin ein Anfang." Es komme nun allerdings darauf an, dass die Produkte, die der Möbelriese anbietet, konsequent mit dem Ziel der Wiederverwertbarkeit und völligen Schadstofffreiheit designt werden.

Braungart empfiehlt den Schweden, schon mal mit ihrem Katalog anzufangen, der weltweit in 190 Millionen Exemplaren verteilt wird. Der enthalte noch immer rund 50 giftige Stoffe, sagt Braungart. "Dabei ist es möglich, Kataloge so umweltfreundlich herzustellen, dass man sie nach der Nutzung kompostieren könnte."

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