Greenwashing-Risiko noch nicht gebannt

Vor allem Städte und Gemeinden, aber auch die Immobilienwirtschaft treiben in Schweden den Markt für grüne Anleihen an und machen das Land so zu einem Pionier für nachhaltige Finanzen. Allerdings fehlen nach wie vor verbindliche Standards.


Blick auf Schwedens Hauptstadt Stockholm
Die schwedische Hauptstadt Stockholm. (Foto: Benoît Derrier/​Wikimedia Commons)

Schweden ist ein Pionier, was grüne Anleihen betrifft – also Anleihen, die es Investoren ermöglichen, in nachhaltige Projekte zu investieren, während sie den Emittenten erschwingliche Mittel zur Finanzierung der Projekte bieten.

Es war die SEB, eine der größten Banken Schwedens, die bereits 2008 die erste Emission einer grünen Anleihe durch die Weltbank initiierte.

Heute hat der globale Markt für solche "Green Bonds" einen Umfang von mehr als 180 Milliarden US-Dollar. Dabei hat Schweden grüne Anleihen im Wert von mehr als 20 Milliarden Dollar ausgegeben. Allein im Monat Januar dieses Jahres waren mehr als die Hälfte aller in Schweden ausgegebenen Anleihen "grün".

Eine entscheidende Rolle für den Erfolg des schwedischen Marktes für grüne Anleihen spielen die lokalen Verwaltungen Schwedens. Im Jahr 2013 war die Stadt Göteborg die weltweit erste Stadt, die eine grüne Anleihe emittierte.

Kommunen und Immobilienbranche als Motor

Mehr als 75 Prozent der Erlöse aus grünen Anleihen, die zwischen 2013 und 2015 ausgegeben wurden, werden von der Stadt Göteborg zur Finanzierung inländischer Klimaschutzprojekte verwendet. Diese Projekte sollen den Übergang zu einem CO2-armen und klimaresistenten Wachstum fördern.

Serie: So klappt die grüne Finanzwende

Das Jahr 2019 ist entscheidend für die zukünftige Klimapolitik in Deutschland und Europa. Das Finanzwesen und seine Hebelwirkung über alle Sektoren hinweg spielt eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Klimawandel und für nachhaltiges Wirtschaften.

 

Deutschland kann dabei von Vorreiterländern für "Green Finance" lernen. In den sieben Beiträgen unserer Serie erläutern internationale Autorinnen und Autoren den Ansatz ihrer Länder, den Finanzmarkt grüner zu gestalten, und gehen auf Chancen, Hürden und unbeantwortete Fragen ein.

Infolgedessen ernannte das Sekretariat der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen UNFCCC Göteborg zu einem "globalen Klimaspitzenreiter" und verlieh der Stadt 2016 den Momentum for Change Award.

Göteborg ist nicht das einzige Beispiel dafür, wie Städte und Regionen in Schweden den Anleihemarkt für grüne Investitionen nutzen. Ein weiteres ist Kommuninvest, eine Kreditgesellschaft von kleineren und mittleren Kommunen und Landkreisen, die ihren Mitgliedern Infrastrukturkredite anbietet.

Durch die Bündelung dieser Kredite in aggregierten Portfolios kann Kommuninvest den Zugang zum internationalen Green-Bond-Markt effektiver gestalten, als dies einzelne Mitglieder tun könnten. Im Rahmen des Momentum for Change Award 2017 der UNFCCC erhielt Kommuninvest eine Anerkennung dafür, dass Kommunen eine erschwingliche und umweltfreundliche Finanzierung ermöglicht wird.

Auch die schwedische Immobilienwirtschaft ist neben den Städten und Gemeinden ein wichtiger Motor für "Green Finance" in Schweden. Vasakronan, ein Gemeinschaftsunternehmen des staatlichen Pensionsfonds, war das weltweit erste Unternehmen, das 2013 eine grüne Anleihe emittierte.

Bis jetzt hat Vasakronan mehr als 2,6 Milliarden US-Dollar an grünen Anleihen zur Finanzierung und Refinanzierung von Projekten in den Bereichen Energieeffizienz, erneuerbare Energien und umweltfreundlicher Verkehr aufgenommen. Dem Beispiel von Vasakronan folgend, hat die schwedische Immobilienwirtschaft grüne Anleihen im Wert von mehr als sechs Milliarden Dollar ausgegeben.

Gerade der Markt für grüne Anleihen in Schweden ist ausgehend von marktwirtschaftlichen Akteuren von unten gewachsen. Die schwedische Zentralregierung ist den Empfehlungen ihrer eigenen öffentlichen Berichtsagentur aus dem Jahr 2017 zur Ausgabe von grünen Staatsanleihen bisher nicht nachgekommen.

Stattdessen folgt die Regierung der Empfehlung, dass Rechtsvorschriften zur Förderung des Marktes für grüne Anleihen von der EU kommen sollten.

Transparenz als Schlüssel

Wie im Rest der Welt fehlt es auch in Schweden an rechtlichen Standards für eine Definition zu grünen Anleihen. Stattdessen folgen die meisten schwedischen Emittenten und Investoren hier den Green Bond Principles (GBP), einem vom internationalen Branchenverband für Kapitalmarktteilnehmer ICMA entwickelten freiwilligen Standard.

Gregor Vulturius
Foto: SEI

Zur Person

Gregor Vulturius ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Stockholm Environment Institute (SEI) und am Stockholm Sustainable Finance Centre und Doktorand an der Universität Edinburgh. Seit 2017 ist er Mitglied im Expert Network on Second Opinions, das sich mit grünen Anleihen befasst.

Die Green Bond Principles verpflichten Emittenten, Rahmenbedingungen zu entwickeln, die festlegen, für welche Projekte die Erlöse verwendet werden können. Zudem soll damit festgehalten werden, wie über die Umwelteffekte der Projekte berichtet wird.

Um das Vertrauen der Anleger zu gewinnen, beauftragen die meisten schwedischen Emittenten unabhängige Unternehmen zu prüfen, wie ihre Leitlinien mit den Green Bond Principles übereinstimmen.

Schwedische Emittenten von grünen Anleihen haben Schwierigkeiten, einen gemeinsamen Standard für die Berichterstattung über die Wirkung ihrer Investitionen in grüne Projekte zu definieren. Derzeit gibt es verschiedene Berichtsformate, und nur wenige legen ihre Methodik offen. Das trifft sogar auf das Berichten von CO2-Emissionen zu.

Erhöhtes Risiko für Greenwashing

Das Fehlen eines gemeinsamen Standards für die Berichterstattung erhöht das Risiko von sogenanntem Greenwashing. Die positive Wirkung von Projekten kann also viel geringer sein, als Investoren glaubhaft gemacht wird.

Das Fehlen einer gemeinsamen Norm erschwert den Vergleich von grünen Anleihen und hindert neue Akteure daran, in den Markt für Green Bonds einzusteigen. Um dieses Problem zu beseitigen, haben schwedische und andere skandinavische öffentliche Emittenten einen Impact Reporting Standard vorgelegt. Dieser definiert, wie oft Emittenten berichten und in welchem Format sowie mit welchen Methoden sie arbeiten sollten.

Aber auch dieser Standard scheint fehlerhaft zu sein. Denn er schlägt schwedischen Emittenten vor, den durchschnittlichen Emissionsfaktor für den Strommix der EU zu nutzen, um ihre Emissionsvermeidung durch Investitionen in erneuerbare Energien oder Energieeinsparung zu berechnen. Dabei verfügt Schweden über ein Stromsystem, das bereits zu mehr als der Hälfte aus Erneuerbaren besteht – im Gegensatz zu vielen anderen EU-Staaten.

Dies unterstreicht, dass es notwendig ist, einen Standard zu definieren, der wirklich transparent und anwendbar ist. Es bleibt abzuwarten, ob der derzeit in Entwicklung befindliche EU Green Bond Standard dieses Problem beheben wird.

Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag wurde in Zusammenarbeit mit Germanwatch e.V. verfasst.

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