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Ein Schub für die Klimafinanzierung

500 Milliarden Dollar mobilisiert das internationale Finanzsystem an Klimageldern inzwischen pro Jahr. Nicht genug, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, monieren Kritiker und stellen ihre Ideen vor, wie sich internationale Finanzinstitutionen nachhaltiger ausrichten lassen.


Ein Bündel Dollarscheine in Nahaufnahme
Mehr als ein Bündel Dollar darf's für den Klimaschutz schon sein. (Foto: Frankie Leon/​Flickr)

Die Welt befindet sich in einer krisenhaften Lage. Die Erderwärmung beschleunigt sich, ihre Folgen machen sich weltweit bemerkbar, und die damit verbundenen Konsequenzen stellen die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in Frage.

Wie der Weltklimarat IPCC im vergangenen Herbst in seinem Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel unterstrichen hat, muss so schnell wie möglich gehandelt werden, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen und damit die negativen Auswirkungen des Klimawandels zu minimieren. Zu diesen Auswirkungen gehören unter anderem ein geringeres Wirtschaftswachstum, höhere Arbeitslosigkeit und mehr Gesundheitsprobleme.

Um den Klimawandel zu bekämpfen, sind hohe Investitionen nötig. Doch mit diesen gehen auch Synergieeffekte für die globale wirtschaftliche Entwicklung und das internationale Finanzsystem einher.

Das Weltwirtschaftsforum WEF hat 2013 die wichtigsten Berichte internationaler Organisationen zum weltweiten Bedarf an Klimafinanzierung ausgewertet. Von 2010 bis 2030 sind demnach gut 110 Billionen US-Dollar nötig, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen – und unsere Wirtschaft grüner zu machen und das Finanzsystem widerstandsfähiger gegenüber nicht-finanziellen Risiken zu gestalten.

In den vergangenen Jahren hat das internationale Finanzsystem jedoch im Schnitt nur rund 460 Milliarden Dollar jährlich an Klimageldern mobilisiert, zeigt der Bericht "Global Climate Finance: An Updated View 2018", den der Thinktank Climate Policy Initiative (CPI) im Dezember bei der Weltklimakonferenz COP 24 im polnischen Katowice vorgestellt hat. Die Summe dürfte zwar auf über 500 Milliarden Dollar pro Jahr anwachsen, dennoch reicht das bei Weitem nicht aus, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Oleksandr Suschtschenko vom Center for Blended Value Studies an der Wirtschafts­universität Kiew.
Foto: privat

Zur Person

Oleksandr Suschtschenko ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmholtz-Zentrum für Umwelt­forschung in Leipzig sowie Leiter des Center for Blended Value Studies, einer Einrichtung an der Nationalen Wirtschafts­universität Kiew in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung und Unternehmen der Finanz­branche. Sein Schwerpunkt­gebiet sind nachhaltige Finanz­systeme.

Die öffentliche Klimafinanzierung hat in den letzten Jahren zwar zugelegt. Sie stieg von 205 Milliarden Dollar im Jahr 2015 auf 224 Milliarden im Jahr 2016. Damit macht sie nun etwa die Hälfte der Gesamtsumme aus. Gleichzeitig gingen jedoch die privaten Klimainvestitionen von 267 Milliarden auf nur noch 230 Milliarden Dollar zurück.

Engpässe und Perspektiven

Fehlende Finanzmittel gehören – neben mangelnder Integrität in der Klimapolitik und Wissenslücken – zu den wichtigsten Hindernissen, die einer wirkungsvollen Bekämpfung des Klimawandels entgegenstehen. Auffällig ist hier vor allem eine sehr geringe Unterstützung für Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel.

Nach einem Bericht des World Resources Institute in Washington floss im Jahr 2017 nur ein Fünftel der Klimagelder internationaler Finanzinstitutionen im Bereich Anpassung. Auch der Zuwachs gegenüber dem Vorjahr fiel deutlich geringer aus als bei den Klimaschutzmaßnahmen im Bereich Vermeidung.

Derzeit sind nur bei der Afrikanischen Entwicklungsbank und der Weltbank die Anteile für Anpassung und Vermeidung mehr oder weniger ausgeglichen. Zudem kündigte die Weltbank während der COP 24 ein neues Programm für die nächsten fünf Jahre an, dessen größter Anteil von 200 Milliarden Dollar für Anpassungsmaßnahmen vorgesehen ist.

Was die Integrität der Klimapolitik betrifft, hat die COP 24 in Katowice wichtige Fortschritte gebracht. Das dort beschlossene Regelwerk für die Umsetzung des Paris-Abkommens soll für die nationalen Regierungen als Wegweiser dienen, um ihre Klimapolitik zu verstärken und zu synchronisieren.

Um auch bei den erforderlichen Klimafinanzen weiterzukommen, müssen bestimmte Leitplanken gezogen werden, damit ein weltweites nachhaltiges Finanzsystem aufgebaut werden kann. Die notwendigen Maßnahmen zur Mobilisierung von Klimafinanzen müssen sich auf folgende Schritte konzentrieren:

  • Schaffung einer Plattform zur Aufstockung von Finanzströmen für Klima-Projekte
  • Finanzhilfen als Zuschüsse vor Ort für Projekte zur Bekämpfung des Klimawandels
  • langfristige projektbasierte Finanzierung für die Begrenzung der Erderwärmung

Wichtig ist dabei, die nachfrageseitige Finanzierung zu unterstützen und weiter voranzutreiben. Dabei geht es in erster Linie um öffentliche Aufträge.

Diese müssen in Übereinstimmung mit dem Zwei-Grad-Szenario gebracht werden, wie ein Bericht der Energy Transition Commission, eines Zusammenschlusses von Unternehmen, Finanzinstitutionen und Zivilgesellschaft, kürzlich herausgearbeitet hat. Die nächste Aufgabe besteht darin, ein neues Design für die wirtschaftlichen Beziehungen zu gestalten, um diese an ein nachhaltiges Finanzsystem anzupassen.

Notfall, Momentum und Möglichkeiten

Es geht um eine neue Herausforderung. Sie betrifft nicht nur die Wertschöpfung, sondern auch die Verteilung und den Austausch von nicht-finanziellen, zusätzlichen Werten, die parallel mit den Waren und Dienstleistungen erzeugt werden.

Bereits in den 1990er Jahren entwarf John Elkington das Konzept der "Triple Bottom Line", das ökonomische, soziale und Umweltaspekte kombiniert. Das Verfahren hilft Unternehmen, nicht nur die finanziellen, sondern auch nicht-finanzielle Ergebnisse einzuschätzen und in ihrer Bilanz widerzuspiegeln.

Alle großen Unternehmen sind weltweit tätig und ihre Aktivitäten sind von verschiedenen nicht-finanziellen Risiken – wie etwa Klimarisiken – betroffen. Risiken in den Entwicklungsländern, wo die meisten Rohstoffe gewonnen werden, machen sich so auch für die Käufer und Endhersteller bemerkbar. Dadurch sind die Endhersteller gezwungen, die Risiken bei den Verkäufern in den Entwicklungsländern zu reduzieren – und damit das gesamte Niveau in den Liefer- und Wertschöpfungsketten auszugleichen.

Nach Angaben der Organisation Carbon Disclosure Project (CDP), die sich für die Offenlegung von Umweltdaten einsetzt, ist die Anzahl von Unternehmen, die über ihre nicht-finanziellen Risiken berichten, in den letzten Jahren enorm gestiegen und liegt nun bei über 7.000. Besonders schnell war der Zuwachs in China und in den USA, obwohl die Lage bei den Amerikanern im Bereich Klimapolitik eher pessimistisch bleibt.

Zwar fehlt ein globaler Markt für Emissionsberechtigungen, also ein weltweiter Emissionshandel. Dennoch benutzen Großunternehmen ihre eigenen internen Preise, um die Klimarisiken bei ihren Anlageentscheidungen zu berücksichtigen. Sobald die Treibhausgasemissionen eingepreist werden können, bekommen alle Marktteilnehmer die Möglichkeit, die Risiken in den Lieferketten richtig einzuschätzen und in der gesamten Wertschöpfungskette klimabezogene Assets zu identifizieren.

Aus diesem Grund sind die meisten grünen Anleihen – selbst bei den US-amerikanischen Unternehmen wie etwa Starbucks – auf die Reduzierung von nicht-finanziellen Risiken in den Lieferketten ausgerichtet.

Pionier bei den grünen Anleihen ist Luxemburg, das sich so von einer Steueroase zu einem grünen Finanzzentrum entwickelt hat. Als erstes Land weltweit listete das Fürstentum 2007 mit dem "Climate Awareness Bond" der Europäischen Investitionsbank EIB einen Green Bond an der Börse. Mittlerweile ist Luxemburg der größte europäische Handelsplatz für grüne Anleihen, seine Börse hat sich als grüne Börse etabliert. Rund die Hälfte aller gelisteten Green Bonds der Welt sind dort notiert.

Luxemburg, die EIB sowie private Investoren gründeten zudem eine Agentur, die für die Wertpapiere eine grüne Zertifizierung bietet. Die Einführung eines Green-Bonds-Labels hilft, die Transaktionskosten zu reduzieren und sogar für die Kunden aus Asien oder Afrika sehr attraktive Konditionen bei der Mobilisierung grüner Finanzen zu gewährleisten.

Im vergangenen Jahr bündelte die luxemburgische Regierung alle schon existierenden grünen Initiativen unter dem Schirm der Initiative International Climate Finance Accelerator (ICFA) und schuf damit eine sehr wirksame grüne Plattform.

Transparenz auf der Tagesordnung des Finanzmarkts

Großunternehmen sind aus verschiedenen Gründen gezwungen, über ihre nicht-finanziellen Risiken zu berichten. In erster Linie geht es um die Investoren, die ihre Anlagen und Anleihen absichern wollen.

Während der Klimakonferenz in Katowice etwa veröffentlichen Investoren, die zusammen mehr als 32 Billionen US-Dollar verwalten, eine gemeinsame Stellungnahme, in der sie die Staats- und Regierungschefs zu einer ambitionierteren Klimapolitik aufriefen.

Auf Anregung der G20-Staaten wurde im Anschluss an die Pariser Klimakonferenz die Expertenkommission Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) ins Leben gerufen. 2017 legte sie ihre Empfehlungen zu einer einheitlichen Klimaberichterstattung für Unternehmen vor.

Seitdem haben China und die EU die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um die Vorschläge der Task Force in nationales Recht umzuwandeln und damit nachhaltige Finanzsysteme aufzubauen. Auf EU-Ebene wurde zudem die Technical Expert Group on Sustainable Finance (TEG) eingesetzt, die einheitliche Verfahren und Kriterien für grüne Projekte sowie Standards für grüne Anleihen entwickelt.

In einem Zwischenbericht hat die Expertengruppe bereits sechs Kriterien für die grüne Finanzierung identifiziert sowie die ersten Ergebnisse zu Klassifizierung und Bewertungsmaßstäben vorgelegt. Die Arbeit der Gruppe wird bis zum kommenden Juni dauern. Bis zum Jahresende sollen neue gesetzliche Rahmenbedingungen für den Finanzmarkt formuliert werden, die das Aufbringen klimabezogener Gelder fördern.

Wo geht es lang?

Ohne private Klimafinanzierung dürfte es fast unmöglich sein, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Mit dem Regelwerk für das Paris-Abkommen hat die COP 24 in Katowice deshalb auch klare Rahmenbedingungen für die Klimafinanzierung geschaffen. Nur wenn Finanzinstitutionen und Investoren wissen, woran sie sind, lassen sich die notwendigen Finanzmittel mobilisieren.

Entscheidend sind hier einheitliche Verfahren, Kriterien und Kennziffern für grüne Projekte, klare Regeln für die Offenlegung von nicht-finanziellen Risiken sowie klimabezogene Informationen. Besonders wichtig ist, dass dies auch für die Anpassungsmaßnahmen geschieht, die schwieriger zu klassifizieren sind als die Maßnahmen zur Vermeidung von CO2-Emissionen.

Die technische Expertengruppe auf EU-Ebene TEG bereitet dazu ein Kennziffernsystem vor. Es soll dabei helfen, Klimagelder verstärkt auch in Richtung Anpassung zu lenken.

Nicht zuletzt müssen alle Handelsabkommen sowie die Regeln der Welthandelsorganisation WTO überarbeitet und so verändert werden, dass auch Klimaaspekte Berücksichtigung finden. Dies ist bislang nicht der Fall. Dabei ist gerade der internationale Handel besonders stark von Klimarisiken betroffen.

Auch die Distributed-Ledger-Technik (DLT) wird künftig eine wichtigere Rolle spielen. Was diese Dokumentationsmethode zu leisten vermag, illustriert eine Fallstudie aus der südkoreanischen Stadt Goyang, die am Rande der COP 24 in Katowice vorgestellt wurde.

Die Verwaltung in Goyang nutzt die Blockchain-Technologie, um sämtliche klimabezogenen Bauaktivitäten zu überwachen. Alle Prozesse werden integriert, schnell und sehr effektiv verwaltet – so entsteht ein komplettes System für eine Smart City.

Verbessert wurden dadurch alle CDM-Prozesse (Construction, Design, Management), die in der Stadt darauf ausgerichtet sind, die Energieeffizienz zu erhöhen, erneuerbare Energien auszubauen und die CO2-Emissionen der Stadt zu reduzieren. Zudem wurde die Möglichkeit geschaffen, für CDM-Projekte der Stadt einen Zugang zum Finanzmarkt aufzubauen.

Das Projekt war erfolgreich und die Vereinten Nationen wollen es jetzt multiplizieren und auf der internationalen Ebene verbreiten. UN-Experten sehen sehr gute Perspektiven für die Verwendung der DLT-Technik in Bereichen der Verwaltung und Finanzierung von Klimaprojekten.

Zusätzlich dazu könnte diese Technologie auch bei anderen Fragen auf UN-Ebene genutzt werden:

  • Erhöhung der Ausfallsicherheit und damit verbundene Kostenreduzierung
  • Vermeidung von Doppelzählungen
  • Aufbau von Vertrauen

Schon heute benutzen die Vereinten Nationen die DLT-Technik, um ihre Initiative "Greening the Blue" voranzutreiben. Damit werden die CO2-Emissionen der jeweiligen Organisation aus dem operativem Geschäft ("Scope 1") und der zugekauften Energie ("Scope 2") digitalisiert und sicher verwaltet. In den kommenden Jahren sollen auch die durch Zulieferer verursachten Emissionen ("Scope 3") mit der DLT-Technik erfasst werden, sodass die Lieferketten ebenfalls durchleuchtet werden können.

Die DLT-Technik wird künftig nicht nur die klimabezogenen Aktivitäten erleichtern, sondern auch mehr Transparenz, Vertrauen und Sicherheit für die wirtschaftlichen Beziehungen bringen.

Bisher sind mehrere Vorteile dieser Technik für die klimabezogenen Wirtschaftsaktivitäten anerkannt. Die DLT

  • sichert einen höheren Unternehmenswert,
  • verbessert die Datenverwaltung,
  • erleichtert die Quantifizierung von verschiedenen Einflussfaktoren,
  • gewährleistet bessere Transparenz von Gütern und Dienstleistungen.

Letztendlich bildet diese Technik eine Brücke zwischen den klimabezogenen Projekten in der Realwirtschaft und dem Finanzmarkt. So können alle Beteiligten ihre Aktivitäten und Transaktionen schnell, zuverlässig und effizient gestalten. Der größte Vorteil für alle ist das Vertrauen in die gesammelten und zirkulierenden Daten von allen Stakeholdern.

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