Wie grün sind "grüne" Anlagen?

Der grüne Markt ist wie kaum ein zweiter in jüngster Zeit in Bewegung geraten. Soziale und ökologische Nachhaltigkeit wird immer wichtiger. Doch beim populären Thema Divestment scheiden sich die finanzdienstleistenden Geister.


Grafik: Eine Pflanze, die aus einem Haufen Geldscheine wächst
Grafik: Kristin Rabaschus

"Nicht nur das gute Gefühl spricht für grüne Investments – auch die Gewinnaussichten sind vielversprechend", wirbt keine Geringere als die Postbank. Wer heute Geld in eine grüne Anlage stecke, könne an wichtigen globalen Trends teilhaben, zum Beispiel "Klimaneutralität".

Ähnlich wie die Postbank äußern sich große und kleine Banken landauf, landab. Sparkassen und Finanzvertriebe suchen derweil händeringend nach Personal mit Kenntnissen in Nachhaltigkeit, ist der Wirtschaftspresse zu entnehmen.

Für den Megatrend "grüne Anlage" gibt es gute Gründe. Fast jeder zweite Bundesbürger (44 Prozent) bezeichnet die soziale und ökologische Nachhaltigkeit als wichtigen Aspekt einer Geldanlage, so das Ergebnis einer kürzlichen Kantar-Umfrage im Auftrag der Postbank, einer Gesellschaft der Deutschen Bank.

"Immer mehr Menschen wollen nicht von Unternehmen profitieren, die ihre Gewinne auf Kosten von Mensch und Umwelt erwirtschaften", sagt Karsten Rusch von der Postbank.

Und auch bei der Politik ist die nachhaltige Geldanlage seit Kurzem überaus erwünscht: Sei es durch den "EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums" oder durch die Vorgabe, dass ab 2022 alle Finanzberater:innen ihre werte Kundschaft zu Nachhaltigkeitsvorstellungen befragen und diese auch berücksichtigen müssen.

Doch wie "grün" sind grüne Anlagen wirklich? Eine Frage, die uns in dieser Serie wiederholt beschäftigt hat und dies auch künftig tun wird. Schließlich ist der grüne Markt wie kaum ein zweiter in jüngster Zeit in Bewegung geraten.

"Grüne Anlagen ändern CO2-Ausstoß der Gesamtwirtschaft nicht"

Grund genug für die Finanzökonomen des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE in Frankfurt am Main, einmal genauer hinzuschauen. Sie warnen davor, grüne Finanzanlagen mit effektiv weniger Klimaemissionen gleichzusetzen.

Die Finanzökonomen Jan Pieter Krahnen, Jörg Rocholl und Marcel Thum stellen fest, dass viele Aktivitäten im Bereich "Green Finance" zwar ein gutes Gewissen für Anleger:innen bedeuten, aber nicht zu einer Minderung von CO2-Emissionen führen.

"Vor einer voreiligen und leichtgläubigen Begeisterung für Green Finance können wir nur warnen – nicht etwa, weil wir daran zweifeln, dass eine Begrenzung klimaschädlicher Emissionen dringend notwendig ist, sondern weil diese über die Finanzsphäre nicht ohne weiteres erreichbar ist."

Grund dafür ist den Wissenschaftlern zufolge, dass es keine ursächliche Verknüpfung zwischen den sogenannten grünen Finanzierungsinstrumenten und einer tatsächlich grünen Verwendung der finanziellen Mittel gibt. "Was heute unter dem Titel 'grüne Finanzierung' verkauft wird, ist häufig sein Geld nicht wert."

So werde durch den Verkauf von "braunen" und den Kauf von "grünen" Aktien zwar das eigene Portfolio grüner. "Aber an der Gesamtemission aller Unternehmen hat sich nichts geändert."

Gleiches gelte bei der Geldanlage in grünen Staatsanleihen. Solches privates "Divestment" schützt also die Umwelt so wenig wie der Kauf eines neuen SUV mit Elektroantrieb.

Nur verschoben, nicht eingespart

Auch in der globalen Grün-Geld-Szene zählt das sogenannte Divestment zu den heiß diskutierten Knackpunkten. Gemeint ist hier der Rückzug aus einer Investition, in der Regel also der Verkauf von Vermögenswerten.

"Ich bin gegen Divestments", sagte Larry Fink, Vorstandsvorsitzender der US-Fondsgesellschaft Blackrock, kürzlich in einem Interview. Davon wolle er bei Vorstandsvorsitzenden in der Wirtschaft nichts hören.

Sein bedenkenswertes Argument: Spaltet ein Unternehmen einen "braunen" Geschäftszweig ab, wäre nicht ein Gramm CO2 eingespart, es wäre nur verschoben.

Diese Art von Greenwashing droht auch bei Unternehmen, die, dem öffentlichen Druck folgend, sich bereiterklären, die Förderung oder Nutzung von Erdöl, Kohle oder Erdgas zu unterlassen.

Hier finden die Meidbewegungen meist über Ländergrenzen hinweg statt. So produzieren europäische Konzerne zunehmend in China – wo ein Großteil des Stroms aus Kohlekraftwerken stammt.

Banken und Finanziers steigen ebenfalls häufig aus der Finanzierung von fossilen Energieträgern aus. Aber auch mit diesem Divestment ist das materielle Problem nicht verschwunden.

Für solche gestrandeten Firmenteile, "Stranded Assets", entwickelt sich gerade ein weltweiter Schattenbankenmarkt. Dank hoher Risikoaufschläge können Investoren hohe Gewinne erwarten. Und wo hohe Gewinne locken, finden sich genügend Geldgeber.

"Die globale Divestment-Bewegung zum Klima setzt sich dafür ein, Kapital aus treibhausgasintensiven Unternehmen abzuziehen", schreibt Jennifer Brockerhoff in ihrem Buch "Grüne Finanzen", etwas kurz angebunden, über eine andere Idee von Divestment.

Obwohl die langjährige Öko-Anlageberaterin nicht alle Fragen in ihrem flotten und originellen Ratgeber beantwortet, weist sie doch gangbare Wege – vom Sparkonto bei der nachhaltigen Bank bis zum grünen Investmentportfolio. "Durch einfache Schritte kann man sowohl für den eigenen Geldbeutel als auch für die Umwelt Gutes tun."

Doch wer sein Geld wirklich umweltfreundlich und sozialverträglich anlegen will, muss, wie uns das Beispiel Divestment zeigt, in jedem Fall ganz genau hinschauen.

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