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Weltbank befürchtet ein Dutzend Staatspleiten

Hohe Energie- und Lebensmittelpreise sowie steigende Zinsen könnten die Finanzen einiger Entwicklungsländer dieses Jahr in Schieflage bringen. Laut Weltbank besteht aber nicht die Gefahr einer systemischen Schuldenkrise. Viele Entwicklungsländer haben wegen der Coronakrise schon hohe Schulden.


Weltbank Washington
Weltbank in Washington: Die Verschuldung wird meist so weit gelockert, dass der ganz große Crash ausbleibt. (Foto: Weltbank)

Am 5. Mai ist Russland wahrscheinlich offiziell bankrott – zumindest "technisch". Das Land hat am 6. April 650 Millionen Dollar für eine fällige Anleihe und die Zinsen auf eine andere Anleihe in Rubel statt in US-Dollar bezahlt. Das war in den Anleihekonditionen so nicht vorgesehen und gilt nach einer Frist von 30 Tagen als Zahlungsausfall.

Dass Russland tatsächlich kein Geld mehr hat, ist allerdings unwahrscheinlich. Zum einen hat das Land noch Zugriff auf rund die Hälfte der Devisenreserven in Höhe von 630 Milliarden Dollar, und zum anderen überweist allein die EU täglich rund eine Milliarde Euro für Gas und Öl an Russland. "Es gibt keine Gründe für einen echten Zahlungsausfall", sagte denn auch Kreml-Sprecher Dmitri Peskow.

Anders sieht das in einigen Entwicklungsländern aus. Die Weltbank warnte Ende März: "In den nächsten zwölf Monaten könnten bis zu einem Dutzend Entwicklungsländer nicht mehr in der Lage sein, ihre Schulden zu bedienen."

In der Coronakrise sind die Schulden der ärmsten Länder von insgesamt drei auf 3,5 Billionen Dollar gestiegen. Nachdem die Weltwirtschaft im vergangenen Jahr wieder angelaufen war, begannen die Preise für Energie und Lebensmittel zu steigen, was sich durch den Krieg in der Ukraine noch verschärft hat.

Hinzu kommt, dass in den Industriestaaten die Zentralbanken beginnen, die Zinsen zu erhöhen, um die gestiegene Inflation in den Griff zu bekommen. Das bedeutet auch steigende Zinsen für die Entwicklungsländer. Die Welthandels- und Entwicklungskonferenz Unctad schätzt, dass seit Beginn des Krieges die Zinsen für Entwicklungsländer bereits um 0,36 Prozentpunkte gestiegen sind.

Diese Kombination könnte zur "größten Zahl von Schuldenkrisen in Entwicklungsländern seit einer Generation" führen. Besonders verletzlich sind zwei Gruppen von Staaten: Länder, die große Mengen an Öl und Gas sowie an Lebensmitteln einführen, und Länder, die dieses Jahr einen hohen Refinanzierungsbedarf haben.

Die Unctad-Experten schätzen, dass die Entwicklungsländer dieses Jahr 310 Milliarden Dollar refinanzieren müssen. Einen besonders hohen Bedarf für neues Geld haben demnach Pakistan, die Mongolei, Sri Lanka, Ägypten und Angola.

Angola profitiert als Ölexporteur allerdings von den gestiegenen Preisen und sollte keine Probleme bekommen. Zur Gruppe der Länder mit hohen Energie- oder Lebensmittelimporten gehören derweil erneut Ägypten, Pakistan, Sri Lanka und zusätzlich die Türkei, Kenia und Ghana. Hinzu kommen die Staaten, die schon letztes Jahr de facto pleite waren wie der Libanon, Äthiopien, der Tschad und Sambia.

Hilfsprogramme von IWF und Weltbank bleiben begrenzt

In der Coronakrise hatten die G20-Staaten, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank drei Programme aufgelegt, um überschuldeten Ländern zu helfen: Den 50 ärmsten Ländern wurde der Schuldendienst gestundet, allerdings nur bis Ende letzten Jahres.

Im August hat der IWF zudem "Sonderziehungsrechte" im Wert von 650 Milliarden US-Dollar geschaffen und an seine Mitgliedsstaaten verteilt – gemäß deren "Quoten". Da auf große und reiche Länder eine höhere "Quote" entfällt, ist davon aber nur ein relativ kleiner Teil an die Entwicklungsländer geflossen: 21 Milliarden an die ärmsten Länder und weitere 210 Milliarden an andere Entwicklungsländer (ohne China).

Und schließlich wurde ein Rahmen geschaffen, um überschuldeten Ländern bei der Umstrukturierung ihrer Verbindlichkeiten zu helfen, der "Common Framework for Debt Treatments".

Dieser ist allerdings nicht sonderlich beliebt. Bislang haben nur Äthiopien, der Tschad und Sambia das Framework in Anspruch genommen. Andere Länder, die ebenfalls von diesem Instrument profitieren könnten, befürchten, von den Kapitalmärkten ausgeschlossen zu sein, solange ihr Umschuldungsverfahren läuft. Und das kann dauern: Bislang hat keines der drei Länder den Prozess abgeschlossen.

Hinzu kommt, dass nur die 73 ärmsten Länder überhaupt das Framework in Anspruch nehmen können. Länder mit mittlerem Einkommen wie Mauritius, die oft mit hohen Ausfällen im Tourismusgeschäft zu kämpfen haben, müssen sich hingegen an den IWF wenden, der Kredite nur in Verbindung mit harten Bedingungen vergibt.

Dass die vielen bevorstehenden Staatspleiten zu einem systemischen Problem werden, glaubt die Weltbank allerdings nicht. Auch wenn dieses Jahr tatsächlich ein Dutzend Länder pleitegehen sollte, so "wäre das nicht vergleichbar mit der lateinamerikanischen Schuldenkrise in den 1980er Jahren oder den mehr als 30 Fällen untragbar hoher Verschuldung Mitte der 1990er Jahre".

Für die betroffenen Länder und ihre Bürger wäre es dennoch dramatisch.

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