Ein frisch gewalztes Stück Stahl.
2021 wurde in Schweden der erste Stahl gewalzt, der mit 100 Prozent "grünem" Wasserstoff hergestellt wurde. Solange dieser fehlt, will die Branche auch emissionsarmen Stahl mit Erdgas herstellen. (Foto: Jan Lindblad Jr.)
 

Um klimaneutral zu werden, reicht es nicht, Autos mit Ökostrom anzutreiben oder Gebäude mit grüner Wärme zu heizen. Auch der Pkw oder das Haus selbst müssen "ergrünen".

So grasen Autohersteller derzeit die Stahlbranche ab auf der Suche nach grünem Blech. Der dazu nötige Stahl soll nicht mehr mit Koks und Kohle, sondern vor allem mit grünem Wasserstoff hergestellt werden, sofern vorhanden.

Ab 2025 sollen derartige Fahrzeuge mit grünem Stahl unterm Lack auf den Markt kommen und nach aktuellen Schätzungen 300 bis 700 Euro teurer sein als heutige. Angesichts der Preissteigerungen in der Pkw-Branche eine eher vernachlässigbare Größe.

Klimapolitisch ist die Umstellung auf grünen Stahl ohne rechte Alternative. Stahl verursacht derzeit 30 Prozent der deutschen CO2-Emissionen in der Industrie. Nimmt man andere Grundstoffe aus der Zement- oder Chemiebranche hinzu, summiert sich das auf nahezu zwei Drittel der Industrieemissionen von derzeit rund 180 Millionen Tonnen CO2 jährlich.

 

Zu allem Überfluss soll nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA die Nachfrage nach Stahl bis 2050 um rund ein Drittel steigen. Wie schnell und auf welchem Weg ist hier ein Umstieg auf grünen Stahl zu schaffen?

Dazu legte der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium am Mittwoch ein Gutachten zur klimaneutralen Industrie vor. Darin plädiert das Gremium dafür, den Klima-Stahl beispielhaft zu einem grünen Leitmarkt zu entwickeln.

Die bereits vorhandene Nachfrage sollte dazu aktiviert und verstärkt werden, heißt es im Gutachten. So könnte staatlich vorgeschrieben werden, dass ein bestimmter Anteil eines Produkts aus grünem Stahl bestehen muss, wobei die Quote nach und nach ansteigt. Die öffentliche Hand könnte auch mit einer Verpflichtung aufwarten, grünen Stahl für den Bau von Gebäuden, Brücken oder Waschmaschinen oder eben Autos zu verwenden.

Grüne Leitmärkte fördern den Wettbewerb, betont Beirats-Mitglied Achim Wambach. Neue Anbieter könnten so in den Markt kommen, und über die Preiswirkung gebe es starke Anreize, klimafreundliche Technologien zu verbessern und kostengünstiger zu machen.

Klare Zertifizierung emissionsarmer Produkte nötig

Es gelte, so der Beirat, in solche Leitmärkte den Wettbewerb hineinzubekommen. Kostenschätzungen wie bei anderen Klimainstrumenten seien notorisch fehlerbelastet und setzten auch nicht die Kräfte frei, um die Kosten günstiger zu gestalten.

Wie ein intensiver Wettbewerb in einem Leitmarkt entstehen soll, wenn es zum Beispiel wie in Deutschland nur drei große Stahlhersteller gibt, ist allerdings nicht klar.

Auf jeden Fall erfordert das Konzept der Leitmärkte für den Beirat eine transparente und international akzeptierte Definition und Zertifizierung, welcher Stahl oder andere Grundstoff als grün gelten kann.

Bei Stahl setzt sich das Expertengremium im Gutachten dafür ein, aus Klimasicht künftig nur zwei Sorten zuzulassen. Stahl würde dabei als grün definiert, wenn bei seiner Produktion nur eine bestimmte Menge CO2 ausgestoßen und nur ein bestimmter Anteil fossil hergestellten Altstahls beigemischt wird. Stahl, der unter diesem CO2-Grenzwert liegt, könne dann als emissionsarm und "grün" gelten. Liegt er darüber, wäre er "grau".

Näher erläutert das der Beirat so: Wird beispielsweise die Stahl-Direktreduktion mit 100 Prozent Erdgas betrieben – grüner Wasserstoff ist ja in den kommenden Jahren kaum verfügbar – und werden durch den Erdgaseinsatz anstelle des traditionellen Weges über den Hochofen 50 Prozent der CO2-Emissionen eingespart, könnten 50 Prozent des so produzierten Stahls als "grüner" und 50 Prozent als "grauer" Stahl deklariert werden.

Beirat will auch bei Grundstoffen CO2-Handel zulassen

Auch plädiert der Beirat dafür, den Unternehmen zu erlauben, die eingesparte CO2-Menge als Zertifikat meistbietend handeln zu lassen. Dann könnte ein Autohersteller für sein klimaneutrales Auto auch konventionellen Stahl einkaufen, der vom Lieferanten allerdings zuvor per CO2-Zertifikat in einen grünen verwandelt wurde.

Erfahrungen aus der Ökostrombranche zeigen zum einen, dass so ein Zertifikatehandel anfällig für Greenwashing ist, weil fossile Erzeuger sich so recht preiswert in Grün umfärben können. Zum anderen haben auch die Grünstromerzeuger ein Interesse an dem Handel, weil sie so ohne viel Aufwand zusätzliche Einnahmen erzielen.

Diese Möglichkeiten würde es bei einem anderen Klima-Instrument nicht geben, den Klimaschutzverträgen. Bei den sogenannten "Carbon Contracts for Difference" würde der Staat, vereinfacht gesagt, einzelnen Stahlherstellern zunächst die Mehrkosten für den Umstieg auf die grüne Produktionsweise erstatten, sich danach aber einen Teil der Subvention zurückholen, wenn der Hersteller aufgrund hoher Marktpreise nicht eingeplante Gewinne erzielt.

Klimaschutzverträge legten aber schon die Technologie fest und könnten auch zu einer erheblichen Überförderung führen, kritisiert der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats, Klaus Schmidt. Eine teilweise Rückzahlung der Förderung sei zwar theoretisch möglich, praktisch aber kaum zu erwarten.

Klimaschutzverträge sollten deswegen nur in eng begrenztem Umfang für den Aufbau von Pilotprojekten und den Einstieg in die klimaneutrale Produktion genutzt werden, fordert der Beirat in Richtung Ministerium. Das arbeitet gerade an einer Richtlinie für Klimaschutzverträge mit der Industrie.

CO2-Preis von 100 Euro pro Tonne nötig

Tatsächlich sind die Kosten der Umstellung auf klimafreundlich mit großen Unsicherheiten behaftet. Laut einer Studie der Denkfabrik Agora Energiewende aus dem letzten Jahr liegen die Mehrkosten in Deutschland für den Betrieb grüner Stahlerzeugung zwischen zwei Milliarden und 27 Milliarden Euro.

Der Mehraufwand sei abhängig von der Reform des EU-Emissionshandels, dem Aufbau grüner Leitmärkte sowie von Kostenminderungen bei grünem Wasserstoff, erklärt der Thinktank.

Der laufenden Reform des europäischen Emissionshandels kommt dabei offensichtlich eine entscheidende Rolle zu. Beirats-Vorsitzender Klaus Schmidt sprach sich am Mittwoch dafür aus, die Zahl der an die Industrie immer noch kostenlos verteilten Zertifikate schnell zu senken.

Um das 1,5-Grad-Ziel zu schaffen, hält er einen dauerhaften CO2-Preis von 100 Euro pro Tonne für nötig. In den letzten Monaten schwankte dieser zwischen 65 und aktuell nahezu 95 Euro.