Die Internationale Energieagentur IEA war in früheren Jahrzehnten dafür bekannt, dass sie die Entwicklung der erneuerbaren Energien in ihren Berichten regelmäßig unterschätzte. Kritiker sahen in ihr daher eine Apologetin der fossilen und atomaren Energiewirtschaft.
In den letzten Jahren hat sich das geändert. Die Organisation, die 1974 vom Industrieländerclub OECD gegründet wurde, maß dem Klimaschutz und der Energiewende deutlich mehr Gewicht bei.
In ihrem jetzt veröffentlichten "World Energy Outlook 2025" gibt es hier ein gewisses Rollback. Erstmals seit 2000 hat die IEA wieder ein Szenario aufgenommen, in dem der globale Verbrauch von Erdöl und Erdgas bis zur Mitte des Jahrhunderts weiter ansteigt. Das wäre ein Turbo für die Klimakrise.
Dieses "Current Policies Scenario" geht davon aus, dass gegenüber dem heutigen Stand keine weiteren zusätzlichen Klimaschutz- und Energiewende-Maßnahmen ergriffen werden – etwa so, wie es heute in den USA geschieht. In diesem Fall würde der weltweite Erdölverbrauch 2050 rund 113 Millionen Barrel pro Tag betragen, 13 Prozent mehr als die 100 Millionen im Jahr 2024.
Zugrunde liegt hier ein verlangsamter Umstieg auf E‑Mobilität und CO2-freies Heizen, etwa mit Wärmepumpen. Der IEA-Bericht warnt zugleich, dass in diesem Szenario-Fall die globale Erwärmung bis 2100 auf etwa 2,9 Grad über dem vorindustriellen Niveau steigen könnte – weit über dem 1,5-Grad-Ziel.
Weiter-so-Szenario ohne Ölausstieg
Noch im Outlook 2024 hatte die IEA in allen Szenarien "Peak Oil" für spätestens 2030 vorausgesagt. Bei dessen Veröffentlichung regierte in den USA, dem weltweit größten Öl- und Gasproduzenten, allerdings noch Joe Biden mit seinem Erneuerbaren-Programm anstelle von Donald Trump.
Trumps Energieminister Chris Wright hat die Prognosen zu Nachfragespitzen laut der Agentur Reuters als "unsinnig" bezeichnet. Die IEA wird von den Mitgliedsländern finanziert, wobei die USA ein großer Beitragszahler sind.
Doch auch andere Analysen haben auf die US-Rückwärtswende reagiert. Der britische Energiekonzern BP legte im September seine Prognose vor, nach der das Erdöl-Maximum ebenfalls später kommt. Das Ölkartell Opec geht ohnehin davon aus, dass der globale Öl-Konsum bis Mitte des Jahrhunderts weiter ansteigen wird.
Im IEA-Hauptszenario "Stated Policies", das die bisherigen klimapolitischen Zusagen der Regierungen einrechnet, erreicht die weltweite Ölnachfrage "um 2030" ihren Höhepunkt, um dann allmählich abzusinken. Im Jahr 2050 würde sie aber auch dann noch bei 97 Millionen Barrel pro Tag liegen – ebenfalls unvereinbar mit den Pariser Klimazielen.
Besser sieht es in dem Szenario aus, in dem die Welt zur Mitte des Jahrhunderts netto null Emissionen erreicht. Zwar wird auch hier das 1,5-Grad-Limit zeitweise überschritten, längerfristig sinkt die Temperatur aber wieder darunter.
Auch Energiesysteme leiden bereits unter der Klimakrise
Positiv sieht die IEA den globalen Trend zur Elektrifizierung, der zunehmend auf erneuerbaren Energien basiert. "Letztes Jahr haben wir gesagt, dass sich die Welt schnell in das Zeitalter der Elektrizität bewegt – und heute ist klar, dass sie bereits angekommen ist", sagte IEA-Direktor Fatih Birol dazu.
Tatsächlich wachsen die Erneuerbaren in allen Szenarien des neuen Reports, also auch im "Öl-Szenario", schneller als jede andere Energiequelle. Allerdings erwartet die IEA in allen Fällen auch eine Wiederbelebung der Atomkraft nach mehr als zwei Jahrzehnten der Stagnation, sowohl in herkömmlichen Großanlagen wie in neuartigen Mini-Reaktoren.
Umweltorganisationen wie Greenpeace werten den Erneuerbaren-Boom als "Hoffnungsschimmer in der Klimakrise". Der IEA-Report zeige, dass die Öko-Energien "selbst unter den konservativsten Annahmen die am schnellsten wachsende Energieform" seien, sagte Greenpeace-Klimaexpertin Sarah Zitterbarth.
Es sei der Auftrag an den derzeit laufenden UN-Klimagipfel im brasilianischen Belém, "mit einem klaren Fahrplan und festen Ausstiegsdaten aus den Fossilen die Voraussetzungen dafür zu schaffen", so Zitterbarth.
Die IEA betont in dem Report auch, dass die Energiesysteme auf der ganzen Welt mit den Auswirkungen des Klimawandels zu kämpfen hätten. Das unterstreiche "die dringende Notwendigkeit, eine größere Widerstandsfähigkeit gegen steigende wetterbedingte Risiken aufzubauen". Dasselbe gelte für zunehmende Cyberangriffe und "andere böswillige Aktivitäten".
IEA-Chef Birol mahnte: "Wenn wir uns die Geschichte der Energiewelt in den letzten Jahrzehnten ansehen, gibt es keine andere Zeit, in der die Spannungen in der Energiesicherheit auf so viele Brennstoffe und Technologien gleichzeitig zutrafen – eine Situation, die den gleichen Geist und Fokus erfordert, den die Regierungen zeigten, als sie die IEA nach dem Ölschock von 1973 gründeten."
