Ölmultis in Europa und den USA leben in verschiedenen Welten

Um einen Großkonzern zu führen, muss man eine Vorstellung von der Zukunft haben. Oft ist diese bei Konkurrenten in einer Branche ähnlich. Im Ölmarkt klaffen die Prognosen mittlerweile aber stark auseinander.


Strand und Ölraffinerie
Europäische Energieriesen drosseln die Erdölproduktion, US‑Ölkonzerne wollen weitermachen. (Foto: Spencer Thomas/​Flickr)

Die globalen CO2-Emissionen könnten letztes Jahr ihren Hochpunkt überschritten haben und nun auf hohem Niveau verharren. Das hat der diesjährige "World Energy Outlook" der Internationalen Energieagentur IEA gezeigt.

Nach der Ankündigung Chinas, spätestens im Jahr 2060 CO2-neutral zu wirtschaften, ist dieses Szenario sogar noch wahrscheinlicher geworden.

Das Gleiche gilt für den Ölverbrauch. Der könnte von nun an sinken, weil immer mehr Elektroautos gekauft werden und wohl auch die Zahl der Geschäftsreisen nie wieder das Niveau des Jahres 2019 erreichen wird. Zudem wird auch die Arbeit aus dem Homeoffice mit jedem Tag ohne Impfstoff gegen das Coronavirus normaler.

Hinzu kommen die Anstrengungen der Industrie. Mittlerweile haben sich über 1.000 Großkonzerne im Rahmen der SBT-Initiative "wissenschaftsbasierte Klimaziele" gesetzt. Damit sei eine "neue Normalität" in vielen Branchen erreicht, stellt die Klimainitiative fest.

Europas Ölmultis ist das nicht entgangen. Immer mehr von ihnen setzen sich das Ziel, ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 auf null zu reduzieren – inklusive der Emissionen aus der Verbrennung ihrer Produkte.

"BP hat die Spielregeln verändert"

Den detailliertesten Plan hat derzeit BP. Der britische Ölkonzern hat auch ein Kurzfristziel: Bis 2030 sollen die Emissionen um 40 Prozent sinken. "BP hat die Spielregeln radikal verändert", sagt Andrew Grant vom britischen Thinktank Carbon Tracker.

Aber auch Repsol (Spanien), Eni (Italien), Total (Frankreich) und Shell (Großbritannien und Niederlande) haben mittlerweile Klimapläne, die noch vor zwei Jahren nahezu unvorstellbar waren.

Die große Ausnahme in Europa ist der norwegische Ölkonzern Equinor. Die frühere Statoil hat nicht nur ein schwaches Klimaziel, sondern geht auch von einem ungewöhnlich hohen Ölpreis für das Jahrzehnt bis 2030 aus (siehe Grafik).

Tabelle: Bei den weltgrößten Ölkonzernen sind zwischen 40 und 90 Prozent des Portfolios nicht mit dem Pariser Klimaabkommen vereinbar.
Selbst bei europäischen Ölkonzernen ist die Hälfte des Portfolios nicht mit einer Begrenzung der Klimaerwärmung auf "deutlich unter zwei Grad" zu vereinbaren. (Grafik: Carbon Tracker)

Während die meisten europäischen Konkurrenten mit 60 US-Dollar pro Barrel rechnen, erwartet Equinor im Schnitt 82 Dollar, ein Drittel mehr. (Zum Vergleich: Im Moment kostet ein Barrel der Nordseesorte Brent 43 Dollar.)

Exxon steigt ab

Die Ölkonzerne in den USA leben hingegen in einer ganz anderen Welt als ihre europäische Konkurrenz. Chevron, Conoco Phillips und Exxon Mobil erwarten eine weiter steigende Ölnachfrage. Das geht aus einer aktuellen Carbon-Tracker-Studie hervor.

Zudem machen die US-Ölkonzerne keine Angaben, von welchem Ölpreis sie für die Zukunft ausgehen.

Dabei investieren sie in Projekte, die nicht mit einer Begrenzung der Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu vereinbaren sind. Bei Exxon, dem größten US-Konzern der Branche, liegt dieser Anteil bei 80 bis 90 Prozent des gesamten Portfolios an Förderanlagen.

Dass mit diesem Geschäftsmodell etwas nicht stimmt, müsste gerade Exxon aber eigentlich klar sein. Die Firma war noch im Jahr 2011 der wertvollste Konzern der Welt. Vor knapp zwei Monaten flog Exxon dann aber nach über hundert Jahren aus dem US-Aktienindex Dow Jones.

Kohlegruben werden unverkäuflich

Wie gefährlich das Festhalten an Wachstumszielen ist, zeigt auch ein Blick auf eine verwandte Branche – den Abbau von Kohle für Kohlekraftwerke. Dort hat inzwischen ein Schwarzer-Peter-Spiel begonnen, bei dem kein Konzern der letzte sein will, der noch Kohlegruben besitzt.

Noch rechtzeitig hat der britisch-australische Rohstoffkonzern Rio Tinto den Absprung geschafft. Er verkaufte seine letzten Kohleminen vor zwei Jahren für über vier Milliarden US-Dollar.

Jetzt sieht die Lage bereits anders aus. Der australisch-britische Minenbetreiber BHP würde seine Mount Arthur Mine in New South Wales gerne abstoßen. Doch es findet sich kein Käufer, der bereit ist, einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen.

"Wer kauft noch eine riesige Kohlegrube in dieser Zeit?", fragt Tim Buckley vom australischen Thinktank IEEFA. "Wird ein anderer Bergbaukonzern kommen? Ich bezweifle es."

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