Fünf Trends gegen die fossilen Energien

Aktienkurse bilden die Gewinnerwartung der Märkte ab. Ändert sich diese fundamental, kann das ein Börsenbeben auslösen. Fünf wichtige Trends sorgen derzeit dafür, dass viele Marktakteure ihre Wahrnehmung von Kohle-, Öl- und Gaskonzernen hinterfragen.


Anzeigetafel mit Kursen einer Börse
Gegen das Paris-Abkommen zu wetten, wie es noch viele Fossilkonzerne tun, ist riskant. (Foto: Gerd Altmann/Pixabay)

Die meisten Regierungen nehmen das Ziel des Paris-Abkommens nicht ernst, die Klimaüberhitzung auf "deutlich unter zwei Grad" zu begrenzen.

Ein Beispiel: Deutschland müsste bis zum Jahr 2035 seine Emissionen auf netto null senken, um das Ziel zu erreichen, wie der Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf ausgerechnet hat. Die Bundesregierung strebt aber Klimaneutralität erst ab dem Jahr 2050 an.

Das ist auch den großen Rohstoffkonzernen der Welt aufgefallen. Sie investieren daher in die Erschließung von Kohle-, Öl- und Gasvorkommen, die nicht mit dem Klimaabkommen kompatibel sind.

Dabei geht es um viel Geld, wie Berechnungen des britischen Thinktanks Carbon Tracker zeigen: Allein in den letzten beiden Jahren haben die großen Energiekonzerne Investitionen von 50 Milliarden US-Dollar beschlossen, die sich nicht rechnen werden, wenn das Temperaturziel erreicht wird. Die Konzerne vertrauen also darauf, dass die Politik weiter untätig bleibt.

Mit dieser Einschätzung stehen sie aber zunehmend alleine da. Larry Fink, der Chef von Blackrock, dem weltgrößten Vermögensverwalter, schrieb Mitte Januar an die Konzernchefs dieser Welt: "Das Bewusstsein ändert sich rasant, und ich bin überzeugt, dass wir vor einer fundamentalen Umgestaltung der Finanzwelt stehen."

Dass Fink damit recht behalten könnte, zeigen fünf Entwicklungen, derer sich immer mehr Finanzmarktakteure bewusst werden:

Energieausbeute

Die französische Großbank BNP Paribas hat ausgerechnet, was Öl langfristig noch kosten darf: Zehn Dollar pro Barrel (159 Liter). Dazu hat sie sich angeschaut, wie viel Energie am Rad eines Autos ankommt. Bei Benzinautos bekommt man 240 Milliarden Kilowattstunden Energie am Rad für eine Investition von 100 Milliarden Dollar in Ölfelder, Raffinerien et cetera.

Würde man die gleichen 100 Milliarden hingegen in Solar- und Windparks investieren und mit dem Strom Elektroautos betreiben, käme rund siebenmal mehr Energie am Rad an.

Um diesen Nachteil auszugleichen, dürfte Öl nur zehn Dollar pro Barrel kosten. Zu diesem Preis können aber nur Saudi-Arabien, der Irak und die Emirate noch Öl produzieren.

Praktisch bedeutet das: Die Kostenstruktur sorgt für das Verschwinden von Verbrennungsmotoren in Autos und reduziert damit die Ölnachfrage um 40 Prozent. Die Bank schreibt daher: "Die Wirtschaftlichkeit von Öl ist nun in einem unerbittlichen und unumkehrbaren Niedergang."

Stromnachfrage

Nicht viel besser sieht es bei der Herstellung von Elektrizität aus Kohle und Gas aus. Diesen Strom will ein immer größerer Teil der Wirtschaft nicht mehr kaufen. Immer mehr Firmen setzen sich wissenschaftsbasierte Klimaziele und versuchen ihre Emissionen schrittweise auf null zu drücken.

Der erste Schritt ist hier meist die Umstellung auf erneuerbaren Strom. Dieses Ziel verfolgt die Initiative RE 100, deren Mitglieder auf hundert Prozent Ökostrom umstellen wollen.

Wenn diese Firmen ein Land wären, lägen sie mittlerweile bei der Ökostromnachfrage auf Platz 21 der Welt, vor Südafrika und nach Indonesien. Zudem erwarten diese Unternehmen, dass ihre Lieferanten das Gleiche tun, wodurch eine Klimaschutz-Kaskade in der ganzen Wertschöpfungskette in Gang kommt.

Finanzboykott

Für Energiekonzerne wird es zudem immer schwieriger, ihre Investitionen zu finanzieren. Viele institutionelle Anleger bereinigen mittlerweile ihre Aktienportfolios von fossilen Energien. Das kann Öl- und Gaskonzernen egal sein, solange sie keine neuen Aktien ausgeben.

Kritischer ist hingegen, dass sie auch immer schwerer an Kredite kommen. So wird die Europäische Investitionsbank, die größte Entwicklungsbank der Welt, ab übernächstem Jahr kein Geld mehr für fossile Energien vergeben.

Auch viele Geschäftsbanken boykottieren neue Investitionen in Kohle, Ölsande und die Suche nach Öl in der Arktis. Die Liste liest sich zunehmend wie ein Who's who der Großfinanz: Goldman Sachs, HSBC, Standard Chartered, BNP Paribas, Crédit Agricole, Société Général, UBS, Crédit Suisse, Deutsche Bank, Commerzbank et cetera.

Noch schwerwiegender könnte sich ein Boykott durch Versicherungen auswirken. Denn selbst wenn ein Energiekonzern ein neues Projekt aus eigenen Mitteln finanziert, muss er sich gegen große Schadensfälle absichern können. Viele Institute lehnen dies mittlerweile aber ab: Axa, Allianz, Generali, Munich Re, Swiss Re, Zurich und andere. Damit steigen die Kapitalkosten für neue Kohle- und zum Teil Ölprojekte.

Social Licence

Eine weitere Gefahr für Energiekonzerne ist der Verlust der gesellschaftlichen Akzeptanz. Der Chef der britischen Aufsichtsbehörde der Öl- und Gasindustrie, Tim Eggar, warnte im Januar: "Die Industrie tut nicht genug und droht ihre "gesellschaftliche Betriebserlaubnis" (social licence to operate) zu verlieren."

Das zeigt auch ein Beispiel aus Deutschland: Der Verkauf von Signaltechnik für die Werksbahn der neuen Adani-Kohlemine in Australien entwickelte sich für Siemens zur PR-Katastrophe. Der Konzern war tagelang wegen eines 20-Millionen-Auftrags in den Schlagzeilen.

Damit muss nun jeder Firma aus jeder Branche klar sein, dass eine Zusammenarbeit mit der Kohleindustrie – und sei sie noch so geringfügig – zu einem Reputationsschaden führen kann.

Das stellt auch den Fahrplan der Bundesregierung für den Kohleausstieg infrage. Es ist schwer vorstellbar, dass es nach dem Jahr 2030 noch eine "Social Licence" für Kohlekraftwerke geben wird. Für die Jugendlichen von Fridays for Future und Gruppen wie Extinction Rebellion gibt es die heute schon nicht mehr.

Regulierung

Öl- und Gaskonzerne haben aber noch einen mächtigen "Gegner". Mittlerweile sorgen sich die Notenbanken, dass die Branche das Epizentrum des nächsten Börsenbebens sein könnte.

So warnt der Chef der britischen Notenbank, der Bank of England, Mark Carney: Wer sich nicht an die Klimakrise anpasst, "geht bankrott". Aus diesem Grund hat Carney eine Initiative gestartet, die Firmen dazu ermuntert, ihre Klimarisiken offenzulegen.

Für Banken geht die Notenbank aber noch weiter. Diese müssen in Zukunft einen "Klima-Stresstest" bestehen. Bei Stresstests wird in der Regel durchgespielt, was passiert, wenn Länder kollabieren.

Doch beim Klima-Stresstest geht es um eine plötzliche Neubewertung der Fossilkonzerne durch die Börsen. Sobald die Märkte davon ausgehen, dass ein Großteil der Öl- und Gasreserven unverkäuflich ist, verlieren die Konzerne massiv an Wert. Milliarden lösen sich in Luft auf.

Das kann auch Banken ins Wanken bringen. Der Stresstest soll genau das verhindern.

Gleichzeitig signalisiert er den Märkten aber auch, dass die "Hüter des Geldes" dieses Risiko für real halten und besonnene Investoren besser einen Bogen um fossile Energien machen. Das erschwert den Öl- und Gaskonzernen wiederum die Finanzierung.

Fazit

Die Fossilkonzerne könnten recht damit haben, dass die Regierungen nicht bereit sind, etwas gegen die Klimakrise zu tun. Gegen das Paris-Abkommen zu wetten ist dennoch riskant.

Eine Industrie, die den technischen Fortschritt, viele ihrer Großkunden, die wichtigsten Finanzmarktakteure und den Überlebensinstinkt der Jugend gegen sich hat, kann eigentlich nicht erwarten, dass alles bleibt, wie es ist. Und sobald genug dieser Akteure das auch so sehen, ist die Zeit der fossilen Energien vorbei.

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