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Finanzmagie für den Meeresschutz

Ein lateinamerikanischer Kleinstaat, eine Schweizer Großbank, eine Umweltorganisation und die US-Regierung als Verbündete: Wie ein Naturschützer einen Deal einfädelte, um aus Staatsschulden Investitionen in den Schutz großer Gebiete in der Karibik zu machen.


Tropische Fische über einem Korallenriff im lichtblauen Wasser.
Symbolbild: Überall sind tropische Korallenriffe durch den Klimawandel bedroht. (Foto: Kanenori Miura/​Pixabay)

Anfang November war Belize noch pleite. Das hat sich als Glücksfall für den Meeresschutz erwiesen. Der zentralamerikanische Kleinstaat östlich von Mexiko war schon vor Beginn der Corona-Pandemie in einer prekären finanziellen Lage mit Schulden in Höhe der jährlichen Wirtschaftsleistung. Nachdem im vergangenen Jahr auch noch die Einnahmen aus dem Tourismus wegbrachen, wurde die Situation für das 400.00-Einwohner-Land unhaltbar und Belize stellte den Schuldendienst ein.

Praktischerweise hatte das Land nach einem früheren Konkurs alle Auslandsschulden in einer einzigen Anleihe zusammengefasst, einem "Superbond" im Wert von 27 Prozent der Wirtschaftsleistung, umgerechnet 553 Millionen US-Dollar. Dieser musste umgeschuldet werden, um die Staatsfinanzen wieder flottzumachen. Dass daran kein Weg vorbeiführen würde, war zudem auch den Gläubigern klar: Belizes Superbond war schon für 40 Prozent des Nominalwerts zu haben.

In dieser Lage traten die Finanzmarktspezialisten der US-Umweltorganisation The Nature Conservancy (TNC) auf den Plan. TNC war schon seit vielen Jahren in Naturschutzprojekten in Belize involviert und hatte gute Beziehungen zur dortigen Regierung. Zudem hat TNC ein Programm, um vier Millionen Quadratkilometer Meeresfläche weltweit unter Schutz zu stellen. Belize war hierfür ein idealer Kandidat. Das Land hat drei der vier Korallenriffe im Atlantik sowie Mangrovenwälder und Seegraswiesen. In den Gewässern Belizes leben zudem 77 Arten wie Seekühe, die auf der Roten Liste der gefährdeten Arten stehen.

In gut einjährigen Gesprächen wurde dann ein Deal ausgehandelt, mit dem Belizes Schuldenproblem gelöst wird, die Meeresschutzgebiete um knapp 5.000 Quadratkilometer ausgeweitet und jedes Jahr vier Millionen Dollar für das Management der Schutzgebiete generiert werden. "Dieser Deal ist von großer Bedeutung für Belize, vor allem in einer für unsere Wirtschaft äußerst schwierigen Zeit, aber seine Auswirkungen reichen auch weit über uns hinaus", sagte Premierminister John Briceño.

Der Deal ist aber nicht nur groß für Belize. Es ist die größte Finanzmarkttransaktion dieser Art zugunsten des Meeresschutzes. Akteure dabei sind eine Schweizer Bank, die US-Regierung, die Ratingagentur Moody's, TNC und natürlich Belize.

"Immer mehr Interesse an grünen Anleihen"

Die "Finanzmagie" funktioniert so: Im ersten Schritt gab die Schweizer Großbank Crédit Suisse einen "Blue Bond" im Wert von 364 Millionen Dollar aus – eine Anleihe, die nicht nur Zinsen abwirft, sondern auch dem Meeresschutz dient. Dieses Geld reichte die Crédit Suisse dann an eine Zweckgesellschaft unter Kontrolle von TNC weiter. Diese lieh dann das Geld Belize.

Belize kaufte mit diesem Geld den Gläubigern des Superbonds ihre Anleihen ab. Diese bekamen 55 Prozent des Nominalwerts, deutlich mehr als den Kurswert von 40 Prozent. Nun schuldete Belize nicht mehr 553 Millionen Dollar irgendwelchen Kapitalmarktakteuren, sondern 364 Millionen einer Umweltorganisation – ein Risiko, das TNC nicht tragen kann.

Daher tritt hier ein weiterer zentraler Akteur auf: die US-Regierung. Deren International Development Finance Corporation (DFC) garantiert das Kreditgeschäft. Sollte Belize erneut pleitegehen, würde automatisch der US-amerikanische Staat die Anleihe übernehmen.

Die Folgen dieses Konstrukts sind eindrücklich. Während der Superbond von der Ratingagentur Moody's tief im Ramsch-Bereich mit dem Rating CAA3 verortet wurde, hat der Blue Bond ein respektables AA2-Rating. Möglich macht das die hohe Bonität des Garantiegebers, der DFC.

"Mit einem AA2-Rating hat Belize Zugang zu einem sehr großen Anlegerpool im Gegensatz zu vorher. Anleihen mit einem CAA3-Rating sind ein Nischenmarkt", sagt Kevin Bender von TNC. Bender ist Finanzmarktspezialist und hat das komplizierte Geschäft strukturiert. Zudem hätten immer mehr Anleger Interesse an grünen oder eben blauen Anleihen, die neben Zinsen noch einen gesellschaftlichen Zusatznutzen abwerfen.

Genau das tut die neue Anleihe. Belize verpflichtet sich, seine marinen Schutzgebiete auszuweiten – von 16 auf 30 Prozent der Hoheitsgewässer. Damit werden 5.000 Quadratkilometer zusätzlich geschützt.

Umschuldung zugunsten der Natur auch mit anderen Staaten?

Zudem verpflichtet sich das Land, jedes Jahr vier Millionen Dollar in einen neu geschaffenen Naturschutzfonds einzuzahlen. Möglich ist das, weil Belize nun deutlich geringere Zinskosten hat: Durch die Umschuldung spart das Land pro Jahr gut zehn Millionen Dollar. Ein Teil dieses Geldes wird nun in den Naturschutz investiert.

Aus dieser Pflicht kann sich Belize während der 20-jährigen Laufzeit auch nicht befreien. Sollte das Geld für den Naturschutz ausbleiben, werde "ein Cross Default ausgelöst", sagt Bender. Damit würde der Blue Bond sofort fällig, was nicht im Interesse von Belize sein könne.

Selbst für die Zeit nach 2041 ist vorgesorgt, wenn der Blue Bond getilgt ist. Von den 364 Millionen Dollar gehen 23 Millionen an eine Stiftung. Dieses Kapital soll bis 2041 auf 90 Millionen Dollar anwachsen. Anschließend gehen die Erträge auf das Stiftungskapital an den Naturschutzfonds, sodass dieser auch nach 2041 noch Einnahmen hat.

Für derartige "Umschuldungen zugunsten der Natur" müssten zwei Bedingungen erfüllt sein, erklärt Bender. Ein Land müsse Auslandsschulden haben, die deutlich unter dem Nominalwert gehandelt werden, und es müsse gleichzeitig ein starkes Interesse am Naturschutz haben.

Grundsätzlich ließe sich daher das "Belize-Modell" auch auf andere Länder in dieser Situation übertragen. "Wir stehen in Verhandlungen mit verschiedenen Staaten, aber ich kann Ihnen nicht sagen, welche das sind." Yerlan Syzdykov vom Anleihenverwalter Amundi sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, dass Sambia, der Libanon und später vielleicht auch Argentinien infrage kämen.

Bender hat zumindest noch Großes vor: TNC wolle bei der Umschuldung von 1,6 Milliarden Dollar zugunsten der Natur helfen. Das ist nicht schlecht für eine Nichtregierungsorganisation.

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