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ZMP Fachkongress 2021

Die Finanziers des Artensterbens

Arten- und Klimaschutz, zwei Seiten der gleichen Medaille – Teil 4: Wenn Unternehmen Regenwälder abholzen oder die Meere leer fischen, geschieht das oft mithilfe von internationalem Kapital. Dieses zurückverfolgen gelingt nur selten, da es häufig aus Steueroasen kommt. Umweltschützer und Wissenschaftler sehen die Zeit gekommen, das zu ändern.


Verschiedene brasilianische Banknoten, die einen Jaguar, einen Zackenbarsch und die Efígie da República, ein Frauenkopf als Symbol der Republik.
Bevor Brasiliens Natur zu Geld gemacht wird, fließen Dollar, Euro und Pfund über Steueroasen ins Land. (Foto/​Ausschnitt: Alison Calazans/​Shutterstock)

Mit der Enthüllung der sogenannten Panama-Papers im Jahr 2016 wurde erstmals das ganze Ausmaß erkennbar, wie Unternehmen Steueroasen nutzen, um Steuern zu hinterziehen und kriminelle Geschäfte zu verdecken. Weniger bekannt ist bis heute, dass Steueroasen eine Schlüsselrolle dabei spielen, den Umwelt- und Klimaschutz zu untergraben.

Nehmen wir den Amazonas-Regenwald: Er ist der größte CO2-Speicher auf der Landoberfläche des Planeten. Ohne diese grüne Lunge der Erde würde sich das Klima noch stärker erwärmen. Rund 120.000 Megatonnen lagern in Holz und Boden, so viel, wie die Welt in fünf Jahren an Treibhausgasen ausstößt.

Doch diese Klimaschutz-Dienstleistung für die Menschheit kann der Regenwald immer schlechter ausfüllen. Seit den 1990er Jahren nimmt der Regenwald von Jahr zu Jahr weniger CO2 auf, schrieb ein internationales Team von Wissenschaftlern im Jahr 2020 in einer Studie im Fachjournal Nature.

Denn während der Wald durch zunehmende Dürren und Abholzung dezimiert wurde, stiegen die Treibhausgasemissionen durch die Weltgemeinschaft an. Schon 2035 könnte sich der Amazonas-Regenwald von einer Senke in eine Quelle verwandeln, haben die Autoren errechnet.

Statt dem entgegenzuwirken, ist die Abholzungs- und Brandrodungs-Rate seit der Amtseinführung von Präsident Jair Bolsonaro in Brasilien steil hochgeschnellt, was weltweit einen Proteststurm ausgelöst hat.

Dabei ist Brasilien nicht allein verantwortlich für den Raubbau am Amazonas-Regenwald. Die brasilianischen Unternehmen, die Holz verarbeiten, Soja anbauen und Rinder weiden lassen, sind auf Kredite und Kapital aus dem Ausland angewiesen.

Einmaliger Einblick in die Finanzierung der Entwaldung

Woher diese Mittel stammen, lässt sich kaum zurückverfolgen, weil Finanzflüsse oft über Steuerparadiese laufen und entsprechend undurchsichtig sind. Im Jahr 2000 beschloss Brasilien aber ein Gesetz, das vorschrieb, den Transfer von ausländischem Kapital öffentlich zu machen.

Zwar wurde das Gesetz schon im August 2011 auf Druck einschlägiger Interessengruppen wieder aufgehoben, allerdings gewährte die zurückliegende Dekade einen einmaligen Einblick, wer auf welche Weise die Zerstörung des Amazonas-Regenwalds finanziert und damit Komplize des Raubbaus an der grünen Lunge der Erde ist.

Schwedische und niederländische Wissenschaftler um Victor Galaz vom Stockholm Resilience Centre der Universität Stockholm haben genau das untersucht. Sie werteten Daten der Zentralbank von Brasilien für den entsprechenden Zeitraum aus.

Die Forscher kamen zum Ergebnis, dass mehr als zwei Drittel des ausländischen Kapitals für die neun größten Soja- und Rinderzucht-Unternehmen im Amazonas-Gebiet aus einer oder mehreren Steuerparadiesen stammten – insgesamt 18,4 Milliarden Dollar an Krediten oder direkten Zahlungen. Vor allem von den britischen Cayman Islands, den Bahamas und den Niederländischen Antillen.

Umweltverbände und Wissenschaftler setzen sich deshalb für internationale Transparenzregeln ein, die in Zukunft verhindern, dass Unternehmen mithilfe von Steuerparadiesen ihre umweltschädlichen Investitionen verdecken können. Ähnlich wie es beim Klima schon begonnen hat.

"Wir brauchen Mechanismen zur Transparenz der Finanzströme, um Klarheit zu bekommen, warum die Welt so aussieht, wie sie aussieht", sagt Ralf Seppelt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig.

Illegaler Fischfang läuft über Steueroasen

Die Chance dazu bietet sich mit der Festlegung der internationalen Artenschutzziele für die Zeit von 2020 bis 2030 auf dem UN-Biodiversitätsgipfel, der in diesem Jahr in Kunming stattfinden soll (siehe Teil 1).

"Finanzinstitutionen müssen offenlegen, wie sie die Natur beeinflussen", fordert auch Florian Titze vom WWF. Aus Sicht des Finanzexperten ist das sogar der wichtigste Punkt in Kunming. Denn erst, wenn sich die Treiber in Wirtschaft und Finanzsystem benennen lassen, die für das Artensterben verantwortlich sind, sei eine "Transformation des Systems" möglich.

Der Amazonas-Regenwald ist dabei nur ein Beispiel. Die Wissenschaftler um Victor Galaz haben sich auch den internationalen Fischfang angesehen. Sie stellten fest, dass zwar nur vier Prozent aller Fischfangschiffe unter der Flagge eines Steuerparadieses fahren. Dieser winzige Teil sei aber für 70 Prozent aller Fälle von illegalem, unangemeldetem und unreguliertem Fischfang verantwortlich.

"Die Ausnutzung von Steueroasen und die damit verbundenen Probleme wie entgangene Steuereinnahmen, mangelnde Transparenz und fehlende Regeltreue machen die Rückverfolgung der Nutzung von Fischereiressourcen und die Zuordnung von Verantwortlichkeiten äußerst schwierig und kostspielig", schreiben die Autoren. "Insofern haben wir es hier mit einer starken Bedrohung für die Nachhaltigkeit der globalen Meeresressourcen zu tun, die anerkannt und ernst genommen werden sollte."

Zumindest ein wenig mehr Klarheit besteht bei der Frage, welche Banken zum weltweiten Artensterben beitragen. Laut einer im vergangenen Oktober veröffentlichten Analyse des Forschungsnetzwerks "Portfolio Earth" haben 50 international operierende Banken Darlehen und Garantien in Höhe von 2.200 Milliarden Euro in Wirtschaftssektoren geleitet, die für den Verlust der biologischen Vielfalt verantwortlich sind, also in die Ernährungs-, Holz-, Bergbau-, Verkehrs- und Tourismusindustrie sowie in fossile Energieunternehmen. Allen voran die Bank of America, die Citigroup und JP Morgan Chase.

Für die EU gäbe schon jetzt die Chance, ihre Finanzflüsse mit dem Umweltschutz zu vereinen. "Die EU sollte in den Verhandlungen zu neuen Freihandelsabkommen stärker auf Nachhaltigkeit und Transparenzregeln setzen", fordert Seppelt.

Es folgt Teil 5: Neue Schutzgebiete braucht die Welt

Alle bereits erschienenen Teile unserer Serie zu den Wechselwirkungen von Klima- und Biodiversitätskrise finden Sie hier.

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