Abhängig von Chinas Sonne

Ohne Asien läuft beim Ausbau der Photovoltaik kaum etwas – dabei waren es deutsche Unternehmen, die der Solarindustrie zum globalen Durchbruch verhalfen. Fachleute fordern, massiv in den Aufbau einer europäischen Fertigung zu investieren.


Große Fertigungshalle, über dem Eingang steht AE Solar mit dem Firmenlogo, davor einige Menschen und Autos.
Diese Solarfabrik in China gehört einem bayerischen Unternehmen, die meisten haben chinesische Eigentümer. (Foto: AE Solar/​Wikimedia Commons)

Putin hat mit seinem Ukraine-Krieg unfreiwillig einen Schub für die Energiepolitik erzeugt. Deutschland und die Europäische Union setzen alle möglichen Hebel in Bewegung, um von Kohle, Erdöl und Erdgas aus Russland unabhängig zu werden.

Klar ist dabei: Der Ausbau der erneuerbaren Energien muss forciert werden, und die Bundesregierung stellt dafür mit ihrem "Osterpaket" die Weichen.

Doch gerade mit dem Bau von Solaranlagen im Multi-Gigawatt-Maßstab droht eine neue Abhängigkeit – nämlich von China. Um das zu verhindern, muss in Europa wieder eine eigene Solarindustrie entstehen. Initiativen dazu gibt es.

Ohne China läuft kaum etwas: Wenn Privatleute sich heute eine Solaranlage für Strom aufs Hausdach schrauben lassen oder ein Energiekonzern ein großes Photovoltaik-Kraftwerk baut, dann kommen zumeist Produkte von dort zum Einsatz. Der zentralistisch regierte Staat dominiert den Weltmarkt für Solarzellen und -module. Rund zwei Drittel der heute standardmäßig eingesetzten Silizium-Solarzellen sind "made in China ".

Asien insgesamt, inklusive der weiteren Herstellerländer Japan, Malaysia, Südkorea und Vietnam, erreicht sogar einen Anteil von 95 Prozent. Größere Solarproduzenten gibt es ansonsten nur in Nordamerika. Europa kommt auf beschämend geringe 0,4 Prozent Marktanteil.

Dabei sind es deutsche Unternehmen gewesen, die der Solarindustrie zum globalen Erfolg verhalfen. Firmen wie Solarworld, Q-Cells und Centrotherm dominierten den Markt in den 2000er Jahren, nachdem die damalige rot-grüne Bundesregierung mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine kostendeckende Vergütung für den Sonnenstrom eingeführt hatte.

Die Photovoltaik-Industrie begann rasant zu wachsen, und auch ausländische Mitbewerber stiegen in die Märkte ein – vor allem aus China. Sie produzierten preiswerter als die heimischen Hersteller, dank Staatshilfen, niedriger Arbeitslöhne, billigerer Energie und größerer Fabriken.

Hinzu kam, dass die Merkel-Regierungen den Solarausbau nach 2012 drastisch herunterbremsten. Die deutsche Solarindustrie verschwand fast komplett, rund 80.000 Jobs gingen verloren.

"Ohne China keine Energiewende"

Nun, da die Solarpläne nicht nur in Deutschland, sondern weltweit stark anziehen, droht Chinas Bedeutung für deren Umsetzung sogar noch größer zu werden. "Ohne das Reich der Mitte ist die globale Energiewende derzeit nicht machbar", sagt der Berliner Energieforscher Volker Quaschning. Das Land sei in der Lage, neue Mega-Solarfabriken innerhalb von einem oder anderthalb Jahren aus dem Boden zu stampfen.

Billiger Solarstrom

Die Photovoltaik wurde in den 1950er Jahren für die Weltraumtechnik entwickelt, um Satelliten mit Strom versorgen zu können. Die ersten Anwendungen auf der Erde folgten in den 70er Jahren, allerdings blieb Solarstrom lange sehr teuer.

 

Das änderte sich ab 2000 vor allem durch die Solarförderung in Deutschland und die darauf folgende Produktionsausweitung, die die Kosten senkte. Über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wurde eine ins Netz eingespeiste Kilowattstunde Strom anfänglich mit rund 50 Cent vergütet.

 

Heute kann Solarstrom hierzulande in großen Kraftwerken für unter fünf Cent produziert werden. In sonnenreichen Ländern sind noch niedrigere Kosten möglich. Der aktuelle Rekord für das niedrigste Gebot in öffentlichen Ausschreibungen kommt mit umgerechnet einem Eurocent pro Kilowattstunde aus Saudi-Arabien.

Ein solches Tempo scheint auch notwendig. Im vergangenen Jahr wurden weltweit Solaranlagen mit gut 180 Gigawatt Nennleistung installiert, für dieses Jahr erwarten Experten bereits, dass diese Marke um 50 Gigawatt übertroffen wird. Für 2030 gehen manche Prognosen sogar bis auf 1.000 Gigawatt.

Bei der Vorstellung, dass diese gigantischen Modul-Mengen zum größten Teil aus China kommen würden, gehen die Warnlampen an. Dazu muss man nicht einmal das Extremszenario eines Wirtschaftsembargos wie im Falle Russlands bemühen. Dazu könnte der Westen greifen, falls China das von ihm als abtrünnige Provinz betrachtete Taiwan mit Militär annektieren würde.

Europa, die USA und andere westliche Industriestaaten wären generell nicht gut beraten, wenn sie sich beim Ausbau eines zentralen Pfeilers der Energieversorgung vom Pekinger Goodwill abhängig machen würden.

China könnte ihnen zwar nicht den Solarstrom aus bereits installierten Solarmodulen abschalten (wie Russland die Erdgas-Lieferungen), aber ihre Energiewende-Pläne doch torpedieren. Quaschning sagt: "Ich rate dringend, die Solarproduktion in Deutschland und in der EU hochzufahren."

Es gibt zwar erste Ansätze zur Reanimation der europäischen Solarindustrie. So hat das schweizerische Unternehmen Meyer Burger in Sachsen eine Zell- und Modulfabrik für in der Endstufe jährlich 1,4 Gigawatt Nennleistung aufgebaut, zum Teil in der alten Solarworld-Produktionsstätte. Andere Firmen planen Fabriken ebenfalls in Deutschland, aber auch in Frankreich, den Niederlanden, Spanien, Polen und Rumänien.

Allerdings reichen die geplanten Kapazitäten auch bei einer erfolgreichen Umsetzung bei Weitem noch nicht aus, den absehbaren Bedarf in Europa zu decken.

Neuartige Solarzellen in Europa produzieren

Der renommierte Solarforscher Eicke Weber hält es für angezeigt, rund zwei Drittel des künftigen Bedarfs in der EU auch dort zu produzieren und nur noch den Rest zu importieren. "In fünf Jahren wird die jährliche Installation in der EU nach Prognosen von heute 20 auf 50 Gigawatt angestiegen sein", erläutert er. "35 Gigawatt sollten auch hier produziert werden. Dazu brauchen wir mindestens zwei oder drei richtig große Solarfabriken."

Weber war langjähriger Chef des Fraunhofer-Instituts für Solare Energieforschung (ISE) in Freiburg und ist heute Co-Präsident des European Solar Manufacturing Council (ESMC), in dem Photovoltaik-Hersteller, Forschungsinstitute und Maschinenbauer vertreten sind.

Solarfabriken können in Deutschland und anderen Ländern nach Ansicht von Fachleuten ähnlich günstig produzieren wie die Konkurrenz in Asien, da sie hoch automatisiert sind. Es gibt sogar einen großen Vorteil, wenn sie jetzt hochgezogen würden: Es könnten Solarzellen der dritten Generation produziert werden, die sogenannten Heterojunction- oder Topcon-Zellen.

Diese Zellen wurden in Europa entwickelt und haben höhere Wirkungsgrade als die Standardzellen, wie sie in China produziert werden. Sie wandeln also mehr Sonnenlicht in Strom um, senken dadurch die Kosten pro Kilowattstunde. "Europa hat hier die Technologieführerschaft und sollte diesen Vorteil durch den Aufbau einer eigenen Industrie auch umsetzen", meint Weber. Diese Chance dürfe nicht verpasst werden.

Webers ESMC trommelt dafür, dass die EU-Kommission den Aufbau einer eigenen Solarindustrie gezielt fördert, so wie sie das zuletzt bei der Batterietechnik für Elektroautos gemacht hat. Die Situation war ähnlich. Auch hier hatten Länder wie China, Japan und Südkorea die EU abgehängt, europäische Autokonzerne mussten die Batterien für ihre E-Autos dort kaufen.

Bund will mehr Anreize schaffen

Inzwischen aber sind in der EU über 30 große Batteriefabriken im Bau oder geplant. Möglich wurde das, weil die Förderung dieser Technologie durch die Regierungen der Mitgliedsländer von der Kommission zum "Important Project of Common European Interest" (IPCEI) erklärt wurde.

"Das brauchen wir für die Solarfabriken auch", sagt Weber. Dabei gehe es weniger um viele Fördermilliarden, sondern eher um Kreditgarantien und schnelle Genehmigungsverfahren, so wie bei der Tesla-Autofabrik in Brandenburg.

Solar-Ausbau muss sich vervielfachen

Der Ausbau der Solarenergie boomt. In diesem Monat wurde weltweit die wichtige Marke von einem Terawatt installierter Gesamtleistung erreicht, das sind 1.000 Gigawatt. Für 2025 werden zwei Terawatt erwartet, unter anderem wegen Plänen für Großkraftwerke in China, Nordafrika, im Nahen Osten, Indien, Südamerika und den USA.

 

Für eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien – Sonne, Wind, Wasser, Biomasse, Geothermie – sind laut Experten jedoch noch größere Ausbauraten notwendig. Dafür müsste laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energieforschung (ISE) im Solarbereich bis 2050 eine Gesamtleistung 20 bis 80 Terawatt und bis 2100 von 80 bis 170 Terawatt erreicht werden.

Inzwischen kommt das Thema in der Politik an. Besprochen wurde es zum Beispiel unlängst bei einem "Produktionsgipfel" im Haus von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Dort hieß es, die Ampel-Regierung wolle mehr Anreize für die Branche schaffen, das gehe "von verbilligten Krediten über Bürgschaften bis zu staatlichen Beteiligungen".

Das könnte für das Angebot des Herstellers Meyer Burger wichtig werden, in einer früheren Kohleregion bis 2023 mit staatlicher Beteiligung eine Solarmodul-Fabrik für fünf Gigawatt jährlich zu errichten.

Ein weiteres Projekt gibt es derzeit in Nordrhein-Westfalen: Dort, in der Nähe von Mönchengladbach, plant das deutsche Unternehmen MCPV den Bau einer Mega-Fabrik, die satte 15 Gigawatt jährlich herstellen könnte, also fast die Hälfte der von Webers ESMC für die gesamte EU angepeilten Produktionskapazität.

Und auch auf EU-Ebene scheint sich etwas zu bewegen. Am 20. Mai will die europäische Solarbranche zusammen mit Regierungsvertretern aus EU-Ländern, die die Solarpläne unterstützen, in Brüssel ihre Projekte vorstellen und für die Aufnahme als "Important Project" werben. EU-Energiekommissarin Kadri Simson wird bei dem Termin dabei sein.

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