Willkommen in Absurdistan: Die Atomkraft wird grün

Ein starkes Stück: Die EU stuft die Atomkraft als grüne Energie ein, weil Frankreich und weiteren Ländern die Alternativen fehlen. Es wächst die Gefahr, dass sich in der Klimakrise Menschen zunehmend den illusionären Heilsversprechen der Atomlobby zuwenden.


Das Atomkraftwerk Doel in Belgien, vom Deichweg aus betrachtet, hinter einer alten Windmühle stehend.
Pannen-AKW Doel bei Antwerpen: Auch Belgien hofft auf Rettung aus der selbst verschuldeten Energiemisere. (Foto: George Monet/​Flickr)

In Deutschland ist der Drops gelutscht, wie man so sagt. Ein ganz schön saurer Drops, der vielleicht doch eher ein saurer Dauerlutscher war. Denn der Atomausstieg wird erst in diesem Jahr mit der Abschaltung der verbliebenen drei aktiven Meiler tatsächlich vollzogen.

Um so abwegiger mutet deswegen der Brüsseler Beschluss an, die Atomenergie als grüne Energie einzustufen – und damit würdig für Investments, die sich ökologisch nachhaltig nennen dürfen. Die Haltung der Deutschen dazu ist eindeutig: Laut aktuellem ZDF-Politbarometer vom Januar sprechen sich 74 Prozent der Bevölkerung gegen den EU-Taxonomie-Beschluss aus.

Bei näherer Betrachtung wird auch klar, dass es hier nicht um ein Revival der Atomindustrie gehen kann. Die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache: Weltweit wurden laut dem World Nuclear Status Report im Jahr 2020 rund 250.000 Megawatt erneuerbare Energien neu installiert und nur 400 Megawatt Atomstromerzeugung.

Auch die großen deutschen Energiekonzerne winken bei der Frage nach einer Renaissance der Atomkraft ab: zu träge, zu teuer, zu unsicher und nicht kompatibel mit einem erneuerbaren Energiesystem. In China und Frankreich häufen sich zudem die Probleme mit den neuen Druckwasserreaktoren der dritten Generation. Und sowieso: Wir haben jetzt noch zehn Jahre zur Bewältigung der Klimakrise – dafür dauert der Bau neuer Atomkraftwerke viel zu lange.

Energiewende verschlafen

Fakt ist: Frankreich braucht die grün getünchten Investments dringend für die Instandhaltung seiner alten Atommeiler. Denn auf diesen fußen 70 Prozent der nationalen Energieversorgung. Ende 2021 waren 17 der 56 Reaktoren wegen technischer Probleme oder Sicherheitsmängel vorübergehend abgeschaltet. Der einzige neue Meiler in Flamanville wird, wenn überhaupt, mit mindestens zehn Jahren Verspätung ans Netz gehen – die Kosten des Projekts haben sich von 3,3 auf 12,7 Milliarden Euro schon fast vervierfacht und drohen weiter zu steigen.

Den rechtzeitigen Ausbau der erneuerbaren Energien hat Frankreich mehr oder weniger bewusst verschlafen. Dabei wendet sich inzwischen auch in der französischen Bevölkerung das Blatt. Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Organisation Sortir du nucléaire würden 58 Prozent der Französinnen und Franzosen eine Person ins Präsidentenamt wählen, die den Ausstieg aus der Atomenergie und den Ausbau der Erneuerbaren vorantreibt.

Aber auch andere EU-Länder wie Tschechien, die Slowakei, Ungarn oder die Niederlande, die auf Atomkraft setzen, spekulieren jetzt natürlich auf satte Investitionen. Diese könnten fließen, um dann von der Finanzindustrie als ökologisch nachhaltiges Finanzprodukt im Sinne der EU-Taxonomie vermarktet zu werden. Auch in Finanzkreisen wird dies als problematisch angesehen.

Nicht nur die "grüne" GLS Bank befürchtet, dass die als Beschleuniger einer nachhaltigen Transformation gedachte Taxonomie so ad absurdum geführt wird. Auch Finanzinstitute wie die Deka oder die Landesbank Baden-Württemberg sehen die Einstufung der Atomkraft in der Taxonomie kritisch und äußern Bedenken, dass dies dazu einlädt, bislang ungelöste Probleme wie die Atommüllentsorgung bei kommenden Generationen abzuladen.

Sehnsucht nach einfachen Lösungen

Dass durch das Greenwashing der EU ein Industriezweig am Leben gehalten werden soll, der sich längst selbst ins wirtschaftliche Aus befördert hat, ist vollkommen absurd. Leider lehrt die Geschichte, dass Rationalität, Logik oder vorausschauende Weisheit nur selten den Weltenlauf bestimmt haben. Auch in dieser Situation lauert die Gefahr des allzu Menschlichen.

Porträtaufnahme von Sebastian Sladek.
Foto: Bernd Schumacher

Sebastian Sladek

ist geschäfts­führender Vorstand der Elektrizitäts­werke Schönau (EWS). Der studierte Archäologe ist seit 2011 bei dem bekannten Ökostrom­unternehmen im Schwarz­wald in Geschäfts­führungs­verantwortung. Er gehört dem Herausgeber­rat von Klima­reporter° an.

Die EU macht die Atomenergie wieder salonfähig, das gibt auf der einen Seite den Atombefürwortern Auftrieb. Angesichts der sich auftürmenden Klimaprobleme bekommen auf der anderen Seite die Menschen jetzt wirklich Angst.

Das verstärkt die Sehnsucht nach einfachen Lösungen, denn selber will man ja möglichst wenig Veränderung: "Vielleicht ist Atomkraft ja doch das kleinere Übel?", fragt sich dann der eine oder die andere abends auf dem Sofa nach den Berichten von Überschwemmungen und Dürrekatastrophen in der Tagesschau.

Sogar in der Taz wird inzwischen Überlegungen zur Laufzeitverlängerung der verbliebenen drei Reaktoren in Deutschland Raum gegeben. Und plötzlich steht auch wieder die neu eingekleidete Idee vom sogenannten Minireaktor in der Öffentlichkeit, der vom französischen Präsidenten Macron und glattgebügelten Start-ups mit Herzblut beworben wird.

Riskante AKW-Verzwergung

Diese Verzwergung der Atomkraft bewirkt eine völlig unberechtigte Verharmlosung der sattsam bekannten Gefahren dieser Technologie. Nur weil sie kleiner sind, sind diese Reaktoren nicht ungefährlich, sie produzieren ebenfalls strahlenden Atommüll, mit dem sich unsere Nachkommen Millionen Jahre werden herumschlagen müssen, und auch die Urangewinnung bleibt genauso umweltschädlich und menschenrechtsverachtend wie bei großen Reaktoren.

Klimaneutral ist Atomstrom im Übrigen auch nicht. In der gesamten Prozesskette verursacht Atomstrom laut dem World Information Service on Energy 117 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Die Windenergie kommt auf neun Gramm.

Laut Wolfram König, dem Präsidenten des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, bräuchte man außerdem bis zu 10.000 Minireaktoren, um die Menge des heute weltweit in 400 Reaktoren produzierten Atomstroms zu erreichen. Das bedeutet, diese Kraftwerke würden deutlich näher an die Wohngebiete heranrücken – das AKW im Vorgarten, etwas überspitzt formuliert. 

Davon ganz abgesehen: Dass die Minireaktoren wirklich Serienreife erlangen werden, halten Fachleute, unter ihnen die Energieökonomin Claudia Kemfert, für eine Illusion.

Dennoch besteht die Gefahr, dass die Menschen sich bei solchen Narrativen vom Gedanken der Erlösung durch Technik leiten lassen und dass damit die gesellschaftliche Akzeptanz für den wissenschaftlich belegten, realistischen Pfad zur Klimaneutralität mit dem massiven Ausbau von erneuerbaren Energien schwindet. Das darf nicht passieren.

Der Druck muss wachsen

Die deutsche Bundesregierung hat den Taxonomie-Beschluss der EU in Bezug auf die Atomkraft inzwischen abgelehnt. Aber wenn wir das Wiedererstarken der Atomkraft in Europa verhindern wollen, so wird das nicht ausreichen. Der Druck muss wachsen.

In diesem Sinne sollte sich die Bundesregierung der Klage von Österreich und Luxemburg gegen den Taxonomiebeschluss auf jeden Fall anschließen und die Kräfte, die sich im EU-Parlament gegen die Taxonomie wenden, offensiv unterstützen.

Dazu kommt ja noch, dass sich die Atomindustrie nicht einmal vollständig aus Deutschland zurückgezogen hat. So sollte die Bundesregierung auf jeden Fall mit geeigneten Maßnahmen darauf einwirken, dass die Atomfabriken in Gronau und Lingen, die weiterhin Atomkraftwerke in Frankreich und Belgien mit Brennelementen versorgen, geschlossen werden.

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrats in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Darüber hinaus muss Deutschland in der Energiepolitik auf EU-Ebene ein schlagkräftiges Netzwerk gegen das Wiedererstarken der Atomkraft knüpfen. Sicher ist, dass auch die Antiatombewegung das Ihrige tun wird, um einer gesellschaftlichen Akzeptanz der Atomkraft vor dem Hintergrund der Klimakrise den Boden zu entziehen.

Eigentlich muss uns aber klar sein: Angesichts der Klimakrise und der gewaltigen Aufgaben, vor denen wir stehen, können wir uns keine Wiederholung der jahrzehntelangen Atomdebatte leisten. Wir haben keine Zeit mehr für falsche Lösungen.

Redaktioneller Hinweis: Energieökonomin Claudia Kemfert ist Herausgeberratsmitglied von Klimareporter°.

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