Anzeige
naturstrom.de – weil es beim Klimawandel um alles geht

Chaos-AKW soll mitten in Europa ans Netz

Bei einer Begehung des slowakischen Atomkraftwerks Mochovce kommt ans Licht, dass wichtige Rohrleitungen an dem Reaktor sowjetischen Typs beschädigt wurden – für Atomkritiker ein weiterer Beleg für das Chaos auf der Dauerbaustelle. Deutschland schaut bei Mochovce nicht genug hin, kritisieren Umweltverbände und Oppositionspolitiker. 


AKW Mochovce in der Nacht​.
Das AKW Mochovce ist wahrscheinlich eine der gefährlichsten Baustellen Europas. (Foto: Christopher Glanzl/​Global 2000)

Die negativen Schlagzeilen um das slowakische Atomkraftwerk Mochovce reißen nicht ab. Bei einer Begehung des dritten Blocks hat der Betreiber nun schwere Mängel in der Sicherheitshülle eingeräumt – wenn auch unwillig.

"Erst auf dreimaliges Nachfragen hat der leitende Ingenieur des Kraftwerks zugegeben, dass wichtige Rohrleitungen des Notkühlsystems bei Bauarbeiten angebohrt wurden", sagt Reinhard Uhrig, Politikchef des österreichischen Umweltverbandes Global 2000, der bei der Begehung in der vergangenen Woche dabei war.

Ein Heizsystem im Zentralbereich des Reaktors sowie große Notfall-Entwässerungsrohre seien beschädigt worden.

Das Notkühlsystem soll bei einem Störfall gewährleisten, dass der Reaktor heruntergekühlt werden kann, damit es nicht zu einer Kernschmelze kommt. "Wenn dann essenzielle Rohre im Notkühlsystem versagen, haben wir in ganz Europa ein Problem", sagt Uhrig gegenüber Klimareporter°.

Schon vor Monaten hatte ein Hinweisgeber, ein früherer Statik-Ingenieur des Atomkraftwerks, die Öffentlichkeit im benachbarten Österreich über die unsachgemäß durchgeführten Bohrungen informiert. Demnach waren die ursprünglich verwendeten Dübel zu schwach, um die daran hängenden tonnenschweren Dampferzeuger zu tragen. Die Dampferzeuger sollen die Wärme aus dem hoch radioaktiven Primärkreislauf in den Sekundärkreislauf übertragen, aus dem der Dampf für die Turbinen kommt. 

Es musste nachgebessert werden. Dabei wurden 60.000 Ankerplatten neu gesetzt – mit mindestens je vier Dübeln. Entsprechend wurden mehr als 240.000 Bohrungen in der Hülle vorgenommen. "Dass Rohre über einen Zeitraum von drei Jahren mehrfach angebohrt wurden, deutet auf ein totales Chaos auf der Baustelle hin", sagt Uhrig. Der Umweltschützer fordert eine umfassende externe Kontrolle der gesamten Anlage.

Der Betreiber streitet die Vorwürfe ab. Man habe Probebohrungen gemacht und mit Metallsuchgeräten gearbeitet. Doch Uhrig glaubt das nicht. Sicherheitsrelevante Bestandteile wie Notkühlsysteme seien genauestens verzeichnet. Wie könne es da passieren, dass sie angebohrt werden? "Der Vorfall bestätigt erneut, dass man der Papierdokumentation des Betreibers nicht glauben kann", klagt Uhrig.

Keine unabhängige Überprüfung

Die Begehung von Block 3 erfolgte zeitgleich zu einer Kontrollmission der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO). Nach der Aufdeckung gravierender Mängel durch mehrere Whistleblower in diesem Frühjahr hatte Global 2000 einen Baustopp für den dritten Reaktor gefordert. Die damalige österreichische Regierung hatte die Slowakei gedrängt, die IAEO zu einer Inspektion einzuladen.

"Die Mission dauert drei Wochen", bestätigt Wolfgang Picot von der IAEO die noch bis zum morgigen Donnerstag laufende Überprüfung. Ein internationales Team aus 14 Experten und drei Beobachtern sei daran beteiligt. Ziel eines solchen Besuchs sei es, die Slowakei während der Inbetriebnahme des Reaktors bei der Sicherheit zu unterstützen.

Picot zufolge wird das Expertenteam nach Abschluss der Mission einen Bericht erarbeiten, der dann vom Kraftwerksbetreiber genehmigt werden muss. Welche Informationen in dem Bericht stehen und welche nicht, entscheidet am Ende also der Betreiber, die Slowakischen Elektrizitätswerke (SE). 

"Bei einer solchen Mission handelt sich weder um eine behördliche Inspektion noch um eine umfassende Beurteilung des Gesamtsicherheitsstatus", stellt IAEO-Vertreter Picot klar. Kritiker fordern deshalb schon länger, die IAEO grundlegend zu reformieren

Denn die Atomaufsicht ist Sache der einzelnen Staaten. "In der EU sind die Aufsichtsbehörden der Mitgliedsstaaten für die nukleare Sicherheit zuständig", sagt Hauke Doerk, Referent für Radioaktivität beim Umweltinstitut München. Doch es sei zu befürchten, dass die slowakische Atomaufsicht das AKW genehmigen wird.

Baustelle außer Kontrolle

Das AKW Mochocve sorgte schon häufig für Schlagzeilen. Auch die Kriminalpolizei ermittelt – wegen Betrugs. Vor einigen Wochen wurden ein Betriebsleiter und ein Auftragnehmer verhaftet, weil Dienstleistungen überteuert abgerechnet wurden. Der abgerechnete Arbeitsaufwand soll das übliche Maß um das Zehnfache übersteigen.

Außerdem wurden auf der Baustelle Unternehmen eingebunden, die noch nie am Bau eines AKW beteiligt waren. Die Zugangskontrolle zur Anlage soll – ebenfalls nach Informationen von Whistleblowern – unzureichend sein. Baupläne des Atomkraftwerks wurden im Internet zum Verkauf angeboten.

Mit dem Bau des AKW Mochovce wurde schon begonnen, bevor der Eiserne Vorhang fiel. Wegen Geldmangel wurde der Bau der Blöcke 3 und 4 Anfang der 1990er Jahre gestoppt, während die Fertigstellung von Block 1 und 2 weiter vorangetrieben wurde. 2006 wurden die Slowakischen Elektrizitätswerke privatisiert. Zwei Drittel hält seither der italienische Staat, den Rest der slowakischen Staat.

Ein Jahr später wurde der Weiterbau vereinbart, die Inbetriebnahme war für 2012 geplant. Doch der Termin wurde ein ums andere Mal verschoben. 

Noch vor vier Wochen sagte SE-Geschäftsführer Branislav Strýček der slowakischen Zeitung Denník N, der dritte Block werde Ende November einsatzbereit sein. Wenn das AKW am Netz sei, würden goldene Zeiten anbrechen. "Wir werden die Blöcke 60 Jahre lang laufen lassen." Block 3 werde einen Gewinn von rund fünf Millionen Euro pro Monat erwirtschaften, versprach Strýček

Solche Aussagen sind für Atomkritiker Uhrig nur Zweckoptimismus. "Wenn die Slowakischen Elektrizitätswerke zugeben würden, dass der Reaktor kaputt ist, wären sie sofort pleite." 5,7 Milliarden Euro sind Uhrig zufolge bereits in den Bau geflossen, mehr als doppelt so viel wie ursprünglich geplant. 

"Deutschland muss das Atomabkommen nutzen"

Global 2000, der Bund Naturschutz in Bayern und das Umweltinstitut München haben in diesem Jahr Unterschriften gegen das AKW Mochovce gesammelt. 48.000 kamen bislang allein in Deutschland zusammen. Weder Bundesumweltministerin Svenja Schulze noch ihre Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter wollten die Unterschriften entgegennehmen. 

Aus Sicht der Umweltschützer agiert das für Nuklearsicherheit zuständige Ministerium in Berlin zu zögerlich. Nicht nur bei der Unterschriftenaktion, auch bei Anfragen der Linken und der Grünen im Bundestag habe sich die Bundesregierung bisher mit einer Beurteilung zur Sicherheit des AKW Mochovce zurückgehalten, kritisieren Bund Naturschutz und Umweltinstitut München. 

Schulzes Haus weist den Vorwurf zurück. "Das Bundesumweltministerium nimmt die Sorgen und Ängste der deutschen Bevölkerung sehr ernst", sagt ein Ministeriumssprecher. In internationalen Nukleargremien setze sich das Ministerium dafür ein, Sicherheitsanliegen in den entsprechenden Fällen zu berücksichtigen und ein höchstmögliches nukleares Sicherheitsniveau zu gewährleisten. Aufgabenbezogen pflege die Bundesregierung regelmäßige Kontakte mit der slowakischen Atomaufsicht, so der Sprecher.

Für die grüne Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl, Vorsitzende im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, ist das zu wenig. "Der AKW-Betreiber versucht, eine Bauruine aus Sowjetzeiten ans Netz zu bringen, und die slowakische Regierung unterstützt das Vorhaben mit Nachdruck, allen voran Wirtschaftsminister Peter Žiga."

Die Bundesregierung dürfe nicht weiter wegschauen, sagt Kotting-Uhl. "Sie muss das deutsch-slowakische Atomabkommen nutzen, um zügig alle Bauprotokolle einzusehen."

Auch Hauke Doerk vom Umweltinstitut München fordert mehr Engagement von der deutschen Regierung. "Bei solchen eklatanten Mängeln wie am AKW Mochovce erwarten wir von der Bundesregierung, dass sie die nötigen Unterlagen anfordert, sich vor Ort ein Bild der Baustelle verschafft, eine eigene Beurteilung vornimmt und wenn nötig alle diplomatischen Hebel in Bewegung setzt, dieses AKW zu verhindern."

Weil die Slowakei keine Grenze mit Deutschland habe, halte sich das Bundesumweltministerium aber zurück, sagt Doerk. Das AKW Mochovce ist 350 Kilometer von Deutschland entfernt. Ob das bei einem Atomunfall weit genug sein wird, weiß niemand.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier