Holzeinschlag in EU rasant gestiegen

Der Holzeinschlag in der Europäischen Union hat sich im vergangenen Jahrzehnt stark erhöht. Besonders betroffen sind Länder, in denen Holz große Bedeutung für die Papierindustrie und die energetische Nutzung hat. Der EU-Waldschutz sei vom Ansatz her falsch, kritisieren Experten.


Karikatur: Biomasse zur Energiegewinnung?
Der Holzbedarf in der EU wächst auch wegen falsch verstandenem Klimaschutz. (Karikatur: Gerhard Mester, Copyright: SFV/​Mester)

Holz als Rohstoff wird immer beliebter. Es ist eine erneuerbare Energiequelle und ein Baumaterial, das Beton und Stahl ersetzen kann und mit dem sich CO2 langfristig speichern lässt. Daher steigt die Nachfrage.

Es wachsen allerdings Zweifel, ob die Holznutzung auch nachhaltig erfolgt – und eine neue Studie unterstreicht das. Der Holzeinschlag in der Europäischen Union hat sich danach im vergangenen Jahrzehnt drastisch erhöht.

EU-weit wurden in den Jahren 2016 bis 2018 im Schnitt 49 Prozent mehr Flächen abgeholzt als im Vergleichszeitraum 2011 bis 2015, die Holzentnahme stieg sogar um 69 Prozent. Das ermittelten Wissenschaftler der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission im norditalienischen Ispra durch Auswertung von Bildern der Landsat-Satelliten.

Sie untersuchten Daten für die Zeit von 2004 bis 2018. Die Aufnahmen hatten laut den Experten eine Auflösung von 30 Metern, dadurch seien auch kleine Rodungsflächen erkennbar. Veröffentlicht wurde die Studie jetzt im renommierten Fachjournal Nature.

Allerdings verteilt sich die Zunahme unter den 26 untersuchten Ländern (mit Großbritannien, ohne Zypern und Malta) sehr unterschiedlich. Rodungen in Schweden und Finnland trugen allein mehr als 50 Prozent zu dem Anstieg bei. Auch in den drei baltischen Staaten und Polen hätten die nicht mehr mit Wald bedeckten Flächen seit 2016 stark zugenommen, was sich nicht nur auf Sturmschäden und Waldbrände zurückführen lasse.

Weitere Staaten mit hoher Zunahme waren Spanien, Portugal und Frankreich. In Deutschland gab es zumindest bis 2016 einen gegenläufigen Trend, hier wuchs die Waldfläche seit 2004 sogar um sieben Prozent. Mehr Bäume gab es auch in Belgien (18 Prozent) und den Niederlanden (neun Prozent).

"EU-Waldklimaschutz in Gefahr"

Das Forscherteam um Guido Ceccherini attestiert einen "bemerkenswerten Anstieg der Abholzungsfläche". Er habe besonders in Ländern stattgefunden, in denen die Holznutzung für die Papierindustrie und den Energiesektor große Bedeutung habe.

"Hält die Waldernte in einem solchen Umfang weiter an, könnte die EU-Vision eines waldbasierten Klimaschutzes nach 2020 beeinträchtigt werden", warnen die Experten.

Derzeit sind rund 38 Prozent der EU-Fläche mit Wald bedeckt. Die Bäume nehmen durch ihre Fotosynthese rund zehn Prozent der Treibhausgase auf, die EU-weit ausgestoßen werden. Sie spielen damit eine wichtige Rolle, um das Ziel einer "klimaneutralen" EU bis 2050 zu erreichen.

Eine gesteigerte Waldnutzung bringt hier Probleme, wenn große Teile etwa in die Verbrennung gehen, bei der das gespeicherte CO2 sofort wieder in die Atmosphäre gelangt. Die Experten aus Ispra verweisen darauf, dass die EU-Staaten dann ihre Emissionen zusätzlich mindern müssten.

Als Hauptgrund für die stark angestiegenen Rodungen kommt laut den Forschern vor allem die gewachsene Nachfrage nach Holz infrage. Die Alterung der europäischen Wälder, wegen der mehr "reife" Bäume entnommen werden, könne höchstens zehn Prozent des Anstiegs erklären. Verluste durch Sturmschäden und Waldbrände habe man, soweit möglich, herausgerechnet, so die Experten.

Bäume pflanzen oder Übernutzung stoppen?

Andere Forscher zeigten sich von den hohen Zahlen überrascht. Marcus Lindner vom European Forest Institute (EFI) in Bonn verwies darauf, dass die Holznutzung laut Statistiken nur bis zu 25 Prozent zugelegt habe, "also weniger als die Hälfte als von dieser Studie ausgewiesen". Hier seien "detaillierte Vergleiche angezeigt, um die gefundenen Trends zu verifizieren".

Ein Grund für die zunehmenden Rodungen könne auch die Borkenkäferplage in Fichtenbeständen sein. Hunderttausende Hektar wurden in den letzten Jahren, vor allem seit dem Hitzejahr 2018, gefällt, um die weitere Ausbreitung der Käfer zu verhindern, auch in Deutschland. Diese Rodungen bedeuten nicht automatisch, dass auch die Waldfläche dauerhaft schrumpft. In den meisten EU-Ländern müssen gerodete Flächen wieder aufgeforstet werden.

Andere Experten hatten der EU unlängst vorgeworfen, eine untaugliche Waldschutzstrategie zu verfolgen. In einem Artikel für die Juni-Ausgabe des Magazins Science kritisieren sie, dass Brüssel im Rahmen seiner neuen Biodiversitätsstrategie geschädigte Wälder wiederherstellen wolle, hierfür aber lediglich das Pflanzen von drei Milliarden Bäumen vorgesehen habe.

Statt einfach Bäume zu pflanzen, müsse vielmehr die Übernutzung von Wäldern gestoppt und dafür gesorgt werden, dass mehr Wälder sich selbst regenerieren können, meinen die Wissenschaftler, die aus Deutschland, Polen, Schweden und Spanien stammen.

Es müsse stärker darauf geachtet werden, dass Wälder mit einem geschlossenen Kronendach erhalten werden, die ein kühleres Waldklima bewahren. Außerdem müsse eine weitere Zerschneidung von Wäldern durch Straßen und Forstwege gestoppt werden.

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