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Gaskrise bringt Europas Kohleausstieg zum Stillstand

Die Politik muss eingreifen und einen Fahrplan zum Ausstieg aus der Kohle festlegen, sonst sind die Klimaziele in Gefahr. Das ergibt sich aus der Strommarkt-Analyse eines britischen Thinktanks.


Braunkohlekraftwerk an der deutsch-polnischen Grenze: Für Kohlekonzerne ist Ausstieg zurzeit kein Thema. (Foto: Vondraussen/​Wikimedia Commons)

Deutschland und die Europäische Union müssen aus der Kohleverstromung aussteigen, um ihre Klimaziele zu erreichen. Die Bundesrepublik will den Ausstieg laut Ampel-Koalitionsvertrag "idealerweise" bereits 2030 geschafft haben.

Der rasante Anstieg der Erdgas-Preise seit Mitte 2021 erschwert dies allerdings, wie eine Analyse der Strommarktdaten zeigt, die die Londoner Denkfabrik Ember jetzt vorlegt hat.

In den letzten Jahren ist die Kohlenutzung EU-weit deutlich gesunken. In der Stromproduktion wurde der CO2-intensive Energierohstoff vor allem durch erneuerbare Energien und Erdgas ersetzt. Wegen der steigenden Gaspreise hätten die neu installierten Ökostrom-Anlagen jedoch zuletzt vor allem das fossile Gas verdrängt, so Ember.

Die Kohleverstromung sei infolgedessen in der EU in den letzten beiden Jahren nur um insgesamt drei Prozent zurückgegangen, verglichen mit 29 Prozent in den beiden Jahren zuvor. Zwar verringerte sich 2020 und 2021 die Kohlenutzung in einigen Ländern stark, so in Spanien um 42 und in Griechenland um 43 Prozent. Das wurde durch Steigerungen in anderen Ländern wie Irland und Polen aber ausgeglichen.

Der Thinktank schreibt: "Die Gaspreise stiegen 2021 um 585 Prozent, was zu einem der größten Energiepreisschocks seit dem Opec-Ölembargo von 1973 führte." Die Preise für die Stromerzeugung aus Gaskraftwerken haben sich laut Ember dadurch versiebenfacht, sodass die Strompreise für die Verbraucher insgesamt anzogen.

Die Gaskrise sei "ein Paradigmenwechsel für die Energiewende in der EU", sagte Charles Moore, Kohleausstiegsexperte bei Ember und Autor des Reports. Die Regierungen müssten dringend Maßnahmen ergreifen, damit der Kohleausstieg weitergehe.

"Gesetzgebung ist der einzige Weg, um zu gewährleisten, dass Kohlekraftwerke bis 2030 stillgelegt werden", so Moore. Die gestiegenen Gaspreise hätten deutlich gemacht, dass man sich nicht allein auf die Marktkräfte verlassen könne.

Kohleboom auch in Deutschland

Laut dem Report lag der Anteil der fossilen Brennstoffe in der EU-Stromerzeugung im Jahr 2021 bei 37 Prozent und damit fast so hoch wie 2019 (39 Prozent). Die erneuerbaren Energien lieferten ebenfalls 37 Prozent, die Atomkraft 26 Prozent.

Der Ausbau der Ökoenergien ging derweil voran. So erreichten Wind- und Solarenergie 2021 nach der Analyse mit 547 Milliarden Kilowattstunden einen neuen Rekord und erzeugten zum ersten Mal mehr Strom als Gas, obwohl die Windkraft wegen schlechter Windverhältnisse nur wenig zulegte. Einen Boom habe es bei Solarenergie sowohl im Norden als auch im Süden Europas gegeben, sie habe 2021 insgesamt 27 Prozent mehr Strom als 2019 produziert.

In Deutschland wurde im letzten Jahr vor allem wegen des Windmangels im Frühjahr weniger Ökostrom als im Vorjahr produziert. Gleichzeitig erlebte die Kohle einen Aufschwung, weil Kohlekraftwerke in diesem Zeitraum deutlich hochgefahren wurden. Ein erneuter Kohleboom kam dann ab Mitte des Jahres wegen der steigenden Gaspreise. Kohlemeiler wurden dadurch wieder rentabler – trotz hoher CO2-Preise im EU-Emissionshandel.

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